Film „The 355“

Geballte Frauenpower auf der Leinwand

Von Bert Rebhandl
10.01.2022
, 15:48
Jessica Chastain in „The 355“
Video
„The 355“ von Simon Kinberg zeigt die Zukunft des Agententhrillers: Wer wird die Welt vor der digitalen Superwaffe retten? Ein klassischer Actionfilm mit weiblichen Hauptrollen.
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Für die Zukunft von James Bond gibt es zwei Szenarien. Das eine wird im Hause Broccoli geschrieben, und müsste, damit alle zufrieden sind, auf ein nonbinäres, post-phallisches Weltrettungswesen hin­aus­laufen, das mehrere De­kaden schlechter Ironie ausbaden muss. Es gibt aber auch noch eine Möglichkeit, dass nämlich eine andere Figur dem Geheimagenten Ihrer Majestät mit der Lizenz zum Töten den Rang abläuft. Tom Cruise hat ja mit seinem Neustart der „Mission Impossible“-Serie deutliche Anwartschaft erkennen lassen. Die Funktion Bond war niemals vakant, sie ist es auch jetzt nicht, im Gegenteil gibt es geradezu ein Überangebot an Rollenbildern, die sich von dem britischen Vorbild inspirieren lassen – das im übrigen weiterhin sehr erfolgreich ist, wie die Besucherzahlen von „No Time to Die“ ersehen lassen.

Eine auf den ersten Blick ausgesprochen progressive Variante ei­ner Bond-Nachfolge im weiteren Sinn bietet der Actionfilm „The 355“ von Simon Kinberg. Hier wird die einschlägige Aufgabe, die Welt vor einem Abgrund zurückzureißen, notabene mit Stil, nicht von einem Individuum übernommen, sondern von einer Gruppe. Und zwar von lauter Frauen. Auch der kollektive Ansatz ist nicht ohne Vorläufer, es gab im Western die „glorreichen Sieben“, die wiederum von sieben Samurais in Japan abgeschaut waren. Große Herausforderungen verlangen nach geschickter Arbeitsteiligkeit, das ist bekannt. So ergibt sich in „The 355“ im Lauf der Handlung so etwas wie ein neues „A-Team“, man könnte es ein „XX-Team“ nennen, zur Ehre der beiden Chromosomen, von denen sich die feministische Drehbuchautorin Theresa Re­beck personalpolitisch leiten ließ.

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Agentinnen aus aller Welt

Die Sache beginnt sehr herkömmlich mit einer Szene unter Männern. In Ko­lumbien hat ein junger Nerd eine Festplatte mit einem Programm beschrieben, das herkömmliches Hacken wie altmodisches Wühlen im Heuhaufen aussehen lässt. Das Ding ist so gefährlich, dass nur eine sehr beschränkte Gruppe von Menschen daran Interesse haben können: ei­nerseits die wichtigsten Geheimdienste dieser Welt (dass Russland ausgespart ist, wird Präsident Putin sicher als westliche Aggression deuten), andererseits die übelsten Waffen-, Schwarzgeld- und Sonstwas-Schieber (dass deren Vertreter im Film aus Tschetschenien, also aus Russland kommt, deutet auch auf geopolitische Schieflagen). „The 355“ hat mit der Festplatte die wichtigste Voraussetzung für einen heutigen Action-Film geschaffen: Menschen jagen einem konkreten Gegenstand hinterher, und zwar durch eine Reihe von pittoresken Schauplätzen. In Marrakesch muss dabei auch wieder einmal ein typisch „orientalisches“ Gewühl als Hintergrund herhalten, das ist aber noch Tourismus im Vergleich zu dem Showdown, der offiziell in Shanghai stattfindet – die Außenaufnahmen tun dabei nur das Nötigste, um einen „sense of place“ zu etablieren.

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© YouTube/KinoCheck

Die Gruppe formiert sich in Paris zunächst als Gegnerinnen: von der CIA kommt Mace (Jessica Chastain), Deutsch­land entsendet eine Marie Schmidt (Diane Kruger), der britische MI6 eine Computerauskennerin namens Khadijah (Luptia Nyong’o deckt in der Rolle einer muslimischen Schwarzen gleich mehrere Felder auf der Checkliste ab), später gesellt sich auch noch eine chinesische Kollegin dazu (Fan Bingbing spielt Lin Mi Sheng, de facto eine Liaison-Offizierin zum größten Kinomarkt der Welt). Die bedeutende Welthälfte, die Spanisch spricht, wird durch Penelope Cruz vertreten, deren Figur anfangs nicht geheimdienstlich assoziiert ist, die dann aber auch irgendwann im Tanktop und mit Feuerwaffe eingreifen wird.

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Routinierte Action-Unterhaltung

„The 355“ bezieht sich mit seinem Titel auf eine Chiffre aus der Amerikanischen Revolution, in der sich eine namenlose Untergrundkämpferin und Spi­onin da­hinter verbarg. In ähnlicher Form sind die Frauen zwischen den Linien tätig, von ihren Organisationen sind sie (durch Kompetenz) entfremdet, sie agieren auf eigene Faust oder fragen zumindest nicht immer, ob sie dürfen, wozu sie keine Alternative sehen. Simon Kinberg hat sich im Superhelden-Genre zuerst als Produzent betätigt (etwa bei den beiden „Deadpool“-Filmen), bei „The 355“ führt er zum zweiten Mal Regie, auf eine pragmatische, schlich­te Weise. Die Sache hätte sich auch ökonomischer erzählen lassen, die erste Stunde zieht sich beträchtlich, dann gibt es aber immerhin ein passables Setpiece bei einer Auktion in China, bei der die Agentinnen passenderweise prächtige Kleider tragen müssen, bevor sie dann beweisen, dass sie auch die männlichen Notwendigkeiten beherrschen, nämlich bei Bedarf aus allen Rohren zu ballern und im ärgsten Kugelhagel völlig unversehrt zu bleiben.

Abgesehen von seiner geschlechterpolitischen Agenda ist „The 355“ ein Routine-Produkt des westlichen Unterhaltungskinos. Freilich könnte man bei dem Hin und Her um die bedrohliche Festplatte ins Sinnieren kommen, wie sich die digitalen Gefahrenlagen weiterentwickeln. Für das Actionkino stehen ganz eigene Herausforderung der Darstellbarkeit bevor. Für die absehbare Fortsetzung von „The 355“ könnte man daraus folgern: die Programmiererin Khadijah ist hier schon die deutlich interessanteste Figur. Sie sollte die Chefin des „XX-Teams“ werden.

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Quelle: F.A.Z.
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