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Albert Speer

Ein Stolz, der Welten vernichtete

Von Dieter Bartetzko
 - 14:05
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Viel mehr Männer, als es die Konvention wahrhaben will und die Statistiken über offene und latente Homosexualität belegen, lieben einander. Da das Gros dieser Liebenden den allgemeinen Verhaltenskodex als ehernes Gesetz in sich trägt, tauchen diese Lieben nirgendwo auf, sind zum Scheitern verdammt, werden strikt geleugnet, führen im Extremfall zu gegenseitiger Vernichtung und im Normalfall nie zur Erfüllung. Als Ersatz schaffen die unbewußt Liebenden gemeinsame Werke oder Werke, die einer dem anderen schenkt.

Die Liebesgaben, die der Architekt Albert Speer dem unwissentlich Geliebten Hitler zu Füßen legte, waren die Organisation eines Weltkriegs und Millionen Tote; Hitlers Gegengabe war der Aufstieg seines Favoriten zunächst zum Leibarchitekten, dann Generalbevollmächtigten für den Umbau Berlins zur „Welthauptstadt Germania“, dann den Wiederaufbau Deutschlands - und der Rang eines fast allmächtigen Rüstungsministers. So lautet der Leitfaden des Dokumentarfilms von Stefan Brauburger, der unter dem Titel „Albert Speer - Der Aufrüster“ heute abend die fünfteilige Dokumentarreihe „Hitlers Manager“ eröffnet.

Hitler wollte sein wie er

„Es war eine Art Liebe. Sie war nie erotisch, nie homosexuell“, so erklärt eingangs die Speer-Biographin Gitta Sereny. Über Hitlers Beweggründe sagt sie, Speer sei „der Charakter gewesen, der er selbst gern hätte sein wollen“. Dem hält Marcel Reich-Ranicki, der Speer nach der Entlassung aus dem Gefängnis 1966 kennenlernte, entgegen, daß ihn an dem offiziell Geläuterten eine zur zweiten Natur gewordene Fassade großbürgerlicher Kultiviertheit und Höflichkeit befremdet habe, die es erschwerte, an Speers Grausamkeit zu denken, „seinen Anteil an den schrecklichsten Verbrechen“.

Die Verbrechen fächert der Film auf, beginnend mit dem Karrieresprung zum Architekten des „Führers“ und der Partei, denen der Dreißigjährige für die erste Massenkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin eine grandiose Kulisse schuf. Der durchschnittlich Begabte wuchs schon damit über sich selbst hinaus, wurde zum Inszenator, der mit blutroten, zu schimmernden Wänden arrangierten Hakenkreuzfahnen und nächtlichen, auf „den Führer“ konzentrierten Lichteffekten eine massenwirksame Magie entfaltete, wie sie zuvor nur das Theater des genialen Max Reinhardt und die expressionistischen Filme Fritz Langs geboten hatten. (Speers Lehrer, Heinrich Tessenow, antwortete auf dessen Frage nach den neuen Arbeiten mit einem aufschlußreichen „Es macht Eindruck, das ist alles“.) Wie Pygmalion seiner Galathea oder Josef von Sternberg der Marlene Dietrich, so wurde Speer für Hitler Schöpfer und Höriger zugleich. „Seine Ausstrahlung ließ mich seitdem nicht mehr frei“, schrieb er in seinen Erinnerungen. Daß er selbst diese Ausstrahlung erzeugte, blieb dem jungen Speer verborgen.

Ein KZ für die „Neue Reichskanzlei“

Bewußt verborgen, so deckt der Film auf, hat der Aufrüster zeitlebens sein Wissen um die Verbrechen, die er für den Diktator beging: Wegen Massen von rotem Granit, die Speer für die „Neue Reichskanzlei“, die er in Rekordzeit errichtete, sowie für das „Deutsche Stadion“ auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände anforderte, ließ Himmler mit Wissen des Architekten das Konzentrationslager Natzweiler bauen. Zwanzigtausend Menschen starben dort. „Ein Lump“, bemerkt spontan ein überlebender holländischer KZ-Häftling bei der Mitteilung, daß Speer für seine Qualen mitverantwortlich war.

„Er war ein Rohdiamant, den Hitler schleifen konnte, eine Rose, die gepflückt werden wollte“, so deutet der greise englische Speer-Biograph Henry T. King Hitlers Sicht auf den Günstling, dem er alles abverlangen konnte. Doch es waren nicht nur abverlangte Verbrechen, die dieser beging: Speer effektivierte mit Geld und Bauten die Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz; er ersann die perfekte Umorganisation der Rüstungsindustrie, die er als neuer Rüstungsminister im April 1942 nur auf einen Blitzkrieg eingerichtet vorfand und für einen langfristigen umstrukturierte.

Sieben Millionen Zwangsarbeiter

Mehr Fachleute und weniger Bürokratie waren das Mittel und ein „internes Ermächtigungsgesetz“, das half, daß zwischen Juni und August 1944, als der alliierte Luftkrieg die meisten deutschen Städte zerstört hatte, die Rüstungsindustrie ihren Höchststand erreichte. Erarbeitet 1942 von siebenhunderttausend Zwangsarbeitern, aus denen, von Speer geordert, 1943 dreieinhalb Millionen und Anfang 1944 sieben Millionen geworden waren. Das alles, nachdem Speer im April 1942 notiert hatte, man müsse bis Oktober den Krieg gewonnen haben oder man werde ihn nie gewinnen.

Massive Zweifel kamen ihm nach der Katastrophe von Stalingrad. „Er betäubte sich mit Arbeit“, begründet der Film den auch davon ungetrübten Durchhaltewillen Speers. In derselben Logik liegt Speers schwere Erkrankung im Winter 1943/44, die in einer todesbedrohlichen Lungenembolie gipfelte. Himmler, sein schärfster Konkurrent, triumphierte mit der Bemerkung: „Dann ist er eben tot.“ Gegner in den Rüstungsbüros rissen Kompetenzen an sich, und Hitler übte erstmals Kritik an seinem Rüstungsminister. Der, erschüttert und der Intrigen müde, bietet in einem Schreiben an den Diktator seinen Rücktritt an. Hitler schickt sofort einen Boten: „Sagen Sie ihm, daß ich ihn liebhabe.“ Speers Reaktion: ein neuer letzter Treueschwur. Auf die Nachricht vom Tod Hitlers reagiert er mit einem Weinkrampf. „Danach war ich endlich frei von ihm.“

Eine Irreführung

Während der Nürnberger Prozesse war Albert Speer der einzige, der die Verantwortung für die Verbrechen des Regimes übernahm. Persönliche Schuld wies er jedoch zurück. Eine unerfüllte Liebe, die Welten und Millionen Menschen vernichtete - die Idee ist bestechend. Aber damit das grauenhafte „Dritte Reich“ und seine entsetzlich fortschrittlichen Manager deuten zu wollen ist eine Irreführung. Sie aber liegt derzeit in der Luft, wie beispielsweise Bernd Eichingers Film „Der Untergang“ beweist, der den Lumpen jener Dekade modernes Nibelungenformat schenkt, oder Semidokumentationen wie der brillante „Stauffenberg“-Film der ARD, worin die Regimegegner zu martyresken Lichtgestalten verklärt werden.

Wie verfehlt die Verengung auf Individuen und psychologische Verwicklungen ist, erhellt der ZDF-Film unwillentlich mit zutreffenden Randbemerkungen wie der, daß die Rüstungsindustrie in Speers Plänen sofort die Chance kolossaler Profitmaximierung erkannte. Nur einige intensivere Blicke zum Beispiel auf die NS-Staatsarchitekturen des künftigen „Germania“, die in perfekten farbigen Computeranimationen zu sehen sind, hätten genügt, um Bauwerke zu erkennen, die antiken Mausoleen und Opferaltären nachempfunden waren und damit unerkannte Manifestationen einer Todessucht waren, die in jenen Jahren keineswegs nur das braune Pack gefangenhielt.

Ein Räderwerk aus blinden ökonomischen und politischen Interessen, Technikeuphorie und Antimodernismus, kollektiven Ansprüchen und massenpsychologisch noch unerklärten diffusen allgemeinen Ängsten und Sehnsüchten griff zur Entstehung des Dritten Reichs ineinander. Aus diesem Blickwinkel hätte das Speer-Porträt in dem liebenden Aufrüster zur prototypischen Charakterstudie werden können. In der Reduktion aber gerät es nur, doch das immerhin, zur Bestätigung von Nietzsches Wort über die allgemeine menschliche Erbärmlichkeit: „Das habe ich getan, sagt mein Gewissen. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz. Schließlich siegt mein Stolz.“

An diesem Dienstag um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2004, Nr. 268 / Seite 37
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