Amerika

Das Krümelmonster muß auf Diät

Von Nina Rehfeld, Phoenix
10.11.2004
, 09:00
Dieses Maul bleibt künftig leer
Die „Sesamstraße“ feiert ihren 35. Geburtstag und hat ein neues Lernziel: Abnehmen. Weil die amerikanischen Kinder zu dick sind, muß das keksbesessene Krümelmonster zum Ernährungsexperten umschulen.
ANZEIGE

Finger weg von den Keksen: Das Krümelmonster soll auf Diät gehen. Nach den erschreckenden Ergebnissen von Studien über den körperlichen Zustand amerikanischer Kinder sieht sich das amerikanische Kinderfernsehen zu Maßnahmen berufen. Zum Jubiläum des fünfunddreißigjährigen Bestehens gibt es - zumindest im Originalprogramm in den Vereinigten Staaten - ein neues Lernziel - nicht Lesen, Schreiben, Rechnen, Essen steht auf dem Programm. Wie man sich richtig ernährt und - bewegt.

ANZEIGE

"Unser wichtigstes Anliegen sind die Kinder", sagt Dr. Rosemarie Truglio, die beim Sesame Workshop, dem Produzenten der "Sesamstraße", für Forschung und Erziehung zuständig ist. "Und als diese Studien veröffentlicht wurden, fanden wir es nötig, uns des Themas anzunehmen."

Jedes dritte amerikanische Kind ist übergewichtig, zehn Prozent gelten als klinisch fettsüchtig. Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen wird der Diabetes-Typ 2 diagnostiziert, der durch Bewegungsmangel, Übergewicht und Fehlernährung ausgelöst wird. Das amerikanische Gesundheitsministerium schätzt bereits, daß die gesundheitlichen Auswirkungen der Fettsucht dramatischer sind als die des Rauchens.

Das Krümelmonster als Prototyp

Die "Sesame Street", das Programm für Kinder im Vorschulalter, ist in den Vereinigten Staaten täglich eine Stunde lang auf Sendung, inzwischen in der 36. Staffel, an diesem Mittwoch vor 35 Jahren lief die erste Sendung. Eines der berühmtesten Markenzeichen der lustigen Lernstunde ist das kekssüchtige Krümelmonster, das sich alles in den Rachen stopft, was ihm in die Quere kommt. Im Licht der Studien erscheint es wie die blaue Verkörperung der Eßgewohnheiten vieler amerikanischer Kinder. Doch jetzt soll das Krümelmonster zum Ernährungsexperten werden.

Die Versuchungen lauern überall
Die Versuchungen lauern überall Bild: AP

Der Sesame Workshop lancierte eine Initiative mit dem Titel "Happy, Healthy Monsters", die den Kleinen (und ihren Eltern, wie sich die Pressemitteilung nicht zu betonen schämt) das Einmaleins der Ernährung beibringen soll. "Wir wollen den Kindern zeigen, wie der Körper funktioniert und daß Balance und Mäßigung wichtig für die Gesundheit sind. Dies sind Lehren fürs Leben", so Dr. Truglio.

ANZEIGE

Grobi als Fitneßcoach

Im August wurden die ersten Episoden gefilmt, von Februar kommenden Jahres an wird der zappelige Grobi (Originalname: Grover) unter dem Motto "Get moving with Grover" die Kinder zu körperlicher Aktivität anhalten. Singendes Gemüse soll bei den Kleinen für kulinarische Sympathien werben, und Lieder über Springen und Hüpfen sollen ihnen Lust auf Bewegung machen. Auch das Krümelmonster wird therapiert. "Statt die ganze Zeit nur zu fressen, wird er künftig auch andere Dinge tun", sagt Rosemarie Truglio. "Und es müssen ja nicht Schokoladenkekse sein. Warum nicht Vollkorngebäck?" Truglio will den Kleinen den Spaß an Süßigkeiten aber nicht völlig vermiesen. "Kuchen und Kekse gehören für Kinder dazu, aber wir werden Nahrungsmittel in ,sometime foods' und ,anytime foods' einteilen."

ANZEIGE

Der Aktionismus des Kinderfernsehens kommt wohl in der Folge eines im Februar veröffentlichten Reports, der Übergewicht und Bewegungsmangel bei Kindern mit dem Fernsehen in Verbindung bringt. "Der dramatische Anstieg der Zahlen übergewichtiger Kinder geht einher mit dem explosiven Anstieg von Medien, die sich an Kinder richten", heißt es in dem Papier "The Role of Media in Childhood Obesity" der Kaiser Family Foundation, einer unabhängigen Gesundheitsstiftung, welche die Forschungsergebnisse der letzten drei Jahrzehnte zusammenfaßt.

In der Doppelfalle

Im Schnitt fünfeinhalb Stunden täglich verbringen amerikanische Kinder heute mit Fernsehen, Video- oder Computerspielen - eine Doppelfalle aus Bewegungsmangel und unheiligen Werbebotschaften. Zehn bis zwölf Minuten darf im Kinderfernsehen pro Stunde geworben werden, und satte 72 Prozent aller an Kinder gerichteten Werbebotschaften bewerben Nahrungsmittel, hauptsächlich Süßigkeiten. Allein die Fast-food-Branche investiert drei Milliarden Dollar jährlich für die Umwerbung von Kindern.

Davon ist auch die "Sesamstraße" nicht frei. Einer der drei "Sesame Street"-Sponsoren ist seit Oktober 2003 McDonald's. Elternverbände, Ernährungsexperten und Erzieher forderten in einem offenen Brief, im Umfeld der Kindersendung keine Spots des Burger-Konzerns zu senden, "der mit seinen kalorienreichen Angeboten eine Epidemie von Übergewicht bei Kindern und den drastischen Anstieg von Diabetes-Erkrankungen mit ausgelöst hat". Doch Rosemarie Truglio erklärt: "Leider sind Sponsoren-Dollars die einzigen Mittel, die uns zur Produktion von Kinderfernsehen zur Verfügung stehen." Und Nahrungsmittelkonzerne investieren hier besonders gern. Das ist auch die Erklärung dafür, warum der Sesame Workshop bei der Vorstellung der "Happy, Healthy Monsters" zugleich die Zusammenarbeit mit einem weiteren Lebensmittelvertreiber ankündigte - auch wenn der organische Produkte und "natural foods" im Programm hat.

ANZEIGE

Sportacus zieht in den Kampf

Nicht nur die "Sesamstraße" macht Kinder-Fitness zu ihrem Programm. Das öffentlioche Fernsehen PBS animiert in einer Sendung namens "Poohbah" Kleinkinder zum Hopsen und Strecken. Nickelodeon holte die isländische Serie "Lazy Town" ins Programm, in der ein Held namens "Sportacus" mit Kindern gegen faule, Junkfood fressende Feinde zu Felde zieht. Der Disney Channel hat mit "Captain Carlos" eine Art modernen Popeye geschaffen - eine Comicfigur, die ihre Super-Energie aus Gemüse und gesunden Mahlzeiten zieht. Doch die Frage sei, wirft der Report der Kaiser Family Foundation ein, ob solche Programme die Kinder wirklich zu mehr Bewegung inspirierten - oder sie am Ende nicht bloß andere, echte Aktivitäten ersetzten. So lautet die Conclusio: Je weniger Zeit Kinder mit Medien verbringen, desto geringer das Risiko, daß sie fett werden.

Es darf bezweifelt werden, daß dieser Ratschlag ankommt. Die American Association of Pediatrics empfiehlt bedenkenlos ein bis zwei Stunden Fernsehen täglich für Kinder über zwei Jahre. Und Senator Ron Wyden aus Oregon sprach bei der Präsentation der Sesamstraßen-Kampagne arglos eine erzieherische Bankrotterklärung aus: "Es ist bisweilen eine Herausforderung für Eltern, ihren Kindern gesunde Gewohnheiten anzuerziehen. Aber wenn Kids im Vorschulalter gute Ratschläge von ihren Freunden aus der ,Sesamstraße' bekommen, dann kann man sicher sein, daß sie zuhören.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2004, Nr. 263 / Seite 42
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE