Filmfest Toronto 2021

Was ist schon ein Thriller gegen eine Pandemie?

Von Bert Rebhandl
21.09.2021
, 09:35
Je weniger farbenfroh, desto drastischer wirkt die sportliche Brutalität im Kino: Schattenbild aus Barry Levinsons „The Survivor“
Das Filmfest von Toronto ist auch für die Märkte eins der größten – zum zweiten Mal ging es jetzt ganz neue Wege. „The Guilty“ von Antoine Fuqua zeigt die Präsenz der Streamer, Barry Levinsons „The Survivor“ zielt noch auf das große Kino.

Im September 1971 stand der damalige Gouverneur des Bundesstaates New York, Nelson Rockefeller, vor einer schwierigen Entscheidung. In Attica, einer Kleinstadt im Norden, war im lokalen Gefängnis eine Revolte ausgebrochen. 42 Menschen befanden sich als Geiseln in der Gewalt der Inhaftierten. Verhandlungen waren bereits weit gediehen, doch dann starb einer der Wärter, der in den ersten Stunden des „Attica prison riot“ verletzt worden war. Auf Rockefeller ruhten die Hoffnungen, er könnte mit einem persönlichen Erscheinen die Situation befrieden. Über die Berechtigung der Anliegen der vorwiegend afroamerikanischen Gefangenen bestand wenig Zweifel. Sie wollten nicht viel mehr als eine menschliche Behandlung. Rockefeller aber hielt Rücksprache. Er rief den Präsidenten an, und von Richard Nixon kam eine klare Richtlinie: keine Konzessionen, alles für „law and order“. Am 13. September wurde das Attica Prison gestürmt, 43 Menschen wurden getötet, darunter auch zehn Geiseln, die aber alle der Polizeigewalt zum Opfer fielen.

Pünktlich zum 50. Jahrestag dieses bedeutenden Ereignisses der jüngeren amerikanischen Geschichte hatte vergangene Woche beim Toronto International Film Festival (TIFF) der Dokumentarfilm „Attica“ von Stanley Nelson Premiere. Er gipfelt in einem einzigen Satz: „Es hätte nicht so ausgehen müssen“, „it didn’t have to be that way“. So formuliert es Clarence B. Jones, ein Weggefährte von Martin Luther King, der 1971 unter den Verhandlern war, und nun fünfzig Jahre später einer der wichtigsten Zeitzeugen für den Film. 50 Jahre sind eine lange Zeit, der Abstand zwischen damals und heute wird allerdings durch den Umstand vermindert, dass die Ereignisse von Attica sich von Beginn an auch als Medienereignis entfalteten. Dokumentationen wie die von Stanley Nelson haben dadurch ihre Form mehr oder weniger vorgegeben: Sie holen aus den Archiven, was zu finden ist, in der Regel eine reiche Auswahl, und ergänzen das zeitgenössische Material mit Erinnerungen.

In „Attica“ sind somit eine Reihe von früheren Inhaftierten zu sehen, mit denen man ohne weiteres auch einen zweiten Film hätte machen können. Denn ihre Lebensgeschichten könnten über 1971 hinaus auch davon erzählen, wie die von Nixon vorangetriebene rassistische Politik der „mass incarceration“ in Amerika ganze Generationen von Schwarzen geprägt hat. „Attica“ muss sich auf sein Thema konzentrieren und löst diese Aufgabe auch angemessen. Der Film lässt aber auch die Grenzen der Ereignisgeschichte erkennen, oder andersherum: da man ja immer das Amerika von heute auf die Situation von damals zurückprojiziert, bleibt ein großer Rest an Implikationen, denen man eine filmische Entfaltung wünschen würde.

Im zweiten Pandemiejahr war alles reduziert

Das TIFF ist in normalen Jahren eines der größten Filmfestivals der Welt. Das Publikum ist in langen Anstellschlangen in der Stadt unübersehbar. Im zweiten Jahr der Pandemie war alles entsprechend reduziert, und die internationale Presse war überwiegend digital zugeschaltet – so auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das Augenmerk gilt dabei in der Regel den neuesten amerikanischen Produktionen.

Das TIFF hat einen weltweiten Fokus, wird aber zunehmend zu einem Defilee der großen Streamer. Den Thriller „The Guilty“ von Antoine Fuqua kann man dabei als eine der interessantesten Reaktionsbildungen auf die Kontaktbeschränkungen, Hygienekonzepte und auf Heimbüro/Heimkino sehen. Dabei ist von Covid-19 darin nie die Rede, und man sieht auch keinen Mund-Nasen-Schutz. Es handelt sich einfach um ein konsequentes Kammerspiel, eine reduzierte oder konzentrierte Form einer Erzählung, die eine Außenwelt nur als impliziten Horizont braucht.

Jake Gyllenhaal spielt einen Polizisten des LAPD, der eine Nacht in der Notrufzentrale Dienst hat. Am Morgen danach, das wird allmählich deutlich, wird er sich in einem Prozess verantworten müssen. Vor sich hat er die typische Infrastruktur eines heutigen Polizeistaats: mehrere Bildschirme, die der Verortung von Anrufern dienen, dazu Zugriff auf alle erdenklichen Datenbanken. Er braucht nur einen Namen, ein Kennzeichen oder eine Telefonnummer, und sofort erscheint zu jedem Hilferuf eine mutmaßliche Geschichte. In dem Fall, mit dem dieser Joe Baylor es dann konkret zu tun bekommt, täuscht er sich allerdings gründlich – nach einer Stunde kommt es in „Guilty“ zu einer verblüffenden Wendung. Antoine Fuqua, einer der kompetentesten Action-Regisseure in Hollywood, hat sich in diesem Fall bei einem europäischen Vorbild bedient.

Dem schwedischen Film „Den skyldige“ von Gustav Möller widerfährt hier die Ehre eines amerikanischen Remakes. Aus guten Gründen, denn es ist tatsächlich sehr spannend, wie sich hier Polizeiarbeit als Fernsteuerung entfaltet und wie sich das alles mit persönlichen Dramen um Sorgerecht und um Korpsgeist in der Behörde verbindet. Am apokalyptischen Horizont sind zudem die Waldbrände in Kalifornien ständig präsent. Sie verdüstern insgesamt den Ausblick. „The Guilty“ wird in Deutschland schon demnächst auf Netflix auftauchen, wo er auch seinen wahren Bestimmungsort hat.

Deutlich auf das große Kino zielt hingegen Barry Levinson mit „The Survivor“. In einem der kurzen Videos, die in der digitalen Ausgabe des TIFF den meisten Filmen vorgeschaltet wurde, erzählt der Regisseur von „Rain Man“ und „Wag the Dog“, dass ihn diese Geschichte seit seiner Kindheit begleitet hat. Im Alter von bald 80 Jahren konnte er sie nun realisieren. Der Überlebende, von dem im Titel die Rede ist, heißt Harry Haft. Wir treffen ihn nach dem Zweiten Weltkrieg in New York, wo er sich als Boxer durchzuschlagen versucht. Sein Ziel ist ein Kampf gegen den großen Rocky Marciano, weil er sich davon verspricht, dass sein Name groß in die Zeitung kommt. Auf diese Weise könnte seine Jugendliebe von ihm lesen, von der er hartnäckig glaubt, sie könnte noch irgendwo am Leben sein.

„The Survivor“ schließt an Martin Scorseses „Raging Bull“ ebenso an wie an Steven Spielbergs „Schindlers Liste“. Die Boxszenen sind drastisch, aber vergleichsweise harmlos im Vergleich zu den KZ-Szenen, in denen Levinson – wie bei Spielberg in Schwarzweiß – die Gründe für das Überleben schildert. Harry Haft wurde in Auschwitz als Boxer entdeckt und musste zur Unterhaltung der Schergen kämpfen. Wie schon bei „Schindlers Liste“ tauchen angesichts der nackten Leichen im Rauch der Krematorien, die Levinson aufbietet, noch einmal die ganze Debatten auf, die damals um die Angemessenheit von nachgestellten Bildern aus der Vernichtung geführt wurden. Spielbergs Film wird nun auch bald 30 Jahre alt, und angesichts von „The Survivor“ könnte man den Eindruck gewinnen, dass von den Kontroversen niemand mehr etwas wissen will, und damit die Versuche, sich Auschwitz vorzustellen, wieder irgendwo auf dem Stand von 1950 angelangt sind. Da war Barry Levinson acht Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
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