Digitale Berlinale beginnt

Das Gespenst ist aus der Kiste

Von Andreas Kilb
01.03.2021
, 10:41
Heute beginnt die Berlinale als „industry event“ für Branchen- und Medienvertreter. Das normale Kinopublikum muss dagegen bis zum Juni warten. Aussichten auf ein Festival, wie es noch keines gab.

Die Industrie. Das sind einige hundert Filmproduzenten und -verleiher, Rechtehändler, PR-Agenten, Fernseh-Entscheider, begleitet von mehreren Dutzend Filmjournalisten, die von heute an fünf Tage lang das Filmprogramm der Berlinale streamen, begutachten, kommentieren, einzeln oder im Paket kaufen und verkaufen dürfen. Das „industry event“, das die Leitung der Berliner Filmfestspiele auf diese Weise auf die Reise durch die virtuellen Welten schickt, kulminiert am Freitag um zwölf Uhr mitteleuropäischer Zeit in der Bekanntgabe der Goldenen und Silbernen Bären, die von einer Jury aus sechs ehemaligen Bären-Gewinnerinnen und -Gewinnern verliehen werden. Danach kann man noch bis Mitternacht Festivalfilme abrufen, dann wird der Bildschirm schwarz.

Was fehlt, ist das Publikum. Nicht das breite, allgemeine Kinopublikum, das ohnehin nicht nach Berlin gefahren wäre und von den Siegerfilmen vielleicht aus den Fernsehnachrichten oder einem Beitrag in einer Kultursendung erfahren wird. Nein, das konkrete, das wirkliche Festivalpublikum fehlt dieser Berlinale, die Leute, die morgens um acht vor dem Ticketcounter und abends um elf vor dem rappelvollen Kino stehen, die Menschenmengen am roten Teppich, die Autogrammjäger vor den Hotels, die Bildersüchtigen, die Pilger der Kinematographie. Und der Applaus: der Jubel, der alles verändert, der eine Vorführung zum Ereignis, ein Branchengerücht zur Wahrheit, ein unbekanntes Talent zum Genie der Stunde macht. Das Klatschen der Hände, das Leuchten der Augen, sie fehlen am meisten, weil sie die Routine des Audiovisuellen, die auch das Kino längst im Griff hat, für einen Augenblick unterbrechen, für den einen, unvergesslichen Film.

Alle großen Festivals waren politisch

Denn die Berlinale, genau wie ihre Konkurrentinnen, ist ja gerade kein „industry event“, kein Branchentreffen, sondern eine öffentliche Feier der Filmkunst, sie hat ihren Ursprung nicht in den Mechanismen des Marktes, sondern in dem Wunsch, sie zu überwinden. Die Berliner Filmfestspiele, 1950 als Schaufenster des Westens in der geteilten Stadt gegründet, galten immer als das politischste unter den großen Festivals, aber in Wahrheit waren auch Venedig und Cannes einst Produkte der Politik. Das Filmfest am Lido diente zehn Jahre lang als kulturelles Aushängeschild des italienischen Faschismus, und das Festival von Cannes entstand 1939 als Gegenveranstaltung der westlichen Demokratien, nachdem Hitler und Mussolini im Jahr zuvor in Venedig den Hauptpreis für Leni Riefenstahls „Olympia“-Film erzwungen und Engländer, Franzosen und Amerikaner die Jury aus Protest verlassen hatten.

Was in Cannes, Venedig und Berlin passiert, ist immer noch politisch, und sei es nur in dem Sinne, dass Filmen und ihren Urhebern jene Sichtbarkeit gewährt wird, die ihnen die Diktatoren aller Art verweigern wollen. Die Filmindustrie spielt dabei eine Nebenrolle, auch wenn sie die Festivals mit den Stars versorgt, die vor dem Kinoeingang die Kameras der Fans und Fotografen aufblitzen lassen. Ohne die Industrie würden die Festivals verarmen. Ohne den realen Kontakt zum Publikum würden sie aufhören zu existieren.

Aber der „buzz“, das Marktgerede, der Branchentalk, sei für die Filme gerade in Pandemie-Zeiten lebenswichtig – so haben Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, der künstlerische Leiter und die Geschäftsführerin der Berlinale, ihre Entscheidung begründet, das Festival in eine Online-Veranstaltung für Insider und ein für Juni angekündigtes „summer special“ für das Publikum aufzuteilen. Damit gehen die beiden Direktoren eine riskante Wette ein. Wird das „industry event“ ein medialer und geschäftlicher Erfolg, könnte die Frage aufkommen, wofür Kritiker und Branchenvertreter in Zeiten des Kinosterbens überhaupt noch echte Filmvorführungen brauchen. Geht das Kalkül dagegen nicht auf, dürfte der Imageschaden für die Berlinale größer sein, als es die pandemiebedingte Absage für Cannes im vergangenen Jahr gewesen ist.

Das Bindeglied und die Sollbruchstelle der beiden Berlinale-Hälften sind die Festivalpreise. Der Goldene Bär und die übrigen Juryauszeichnungen werden am Freitag bekanntgegeben, aber erst im Juni verliehen. Bis dahin sollen sie den Filmen Rückenwind geben, ihre kommerziellen Chancen steigern, ihre Sichtbarkeit erhöhen. Aber Festivals sind keine Wohltätigkeitsbasare. Ihr Ansehen lebt von den internationalen Premieren, die sie für sich buchen und vermarkten können. Bis das „summer special“ beginnt, könnten viele in Berlin ausgezeichnete Filme ihre Weltpremiere schon hinter sich haben. Die Publikums-Berlinale wäre dann nur noch ein kuratorischer Nachklapp, dessen Spannungsmomente sich in der langen Zwischenzeit verflüchtigt hätten.

Der Schatten der filmischen Provinzialität

In diesem Jahr werden zum ersten Mal keine Silbernen Bären für die beste männliche und weibliche Hauptrolle verliehen, sondern nur ein Haupt- und ein Nebendarstellerpreis. Auf den ersten Blick ist das eine sinnvolle Konzession an die Aktivistinnen der sexuellen Vielfalt, denen die Aufteilung in „binäre“ Geschlechterrollen gegen den Strich geht. Auf den zweiten ist es eine Eselei. Das Kino lebt von Geschichten mit weiblichen und männlichen Figuren, ganz gleich, ob sie queer, trans oder „straight“ sind. Die LGBTIQ-Aktivistinnen, die anstelle des halbierten Darstellerpreises zusätzliche Auszeichnungen für gendergerechte Rollen und Produktionen fordern, haben mehr publizistischen Instinkt bewiesen als die Berlinale-Leitung. Wenn die Jury ihre Sinne beisammen hat, wird sie den Schauspielerpreis aufteilen, um seine Wirkung nicht zu halbieren.

In der diesjährigen Wettbewerbsauswahl haben die deutschen Filme einen starken Stand: Dominik Grafs Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“, Daniel Brühls Regiedebüt „Nebenan“, Maria Schraders Frau-trifft-Roboter-Liebesgeschichte „Ich bin dein Mensch“, Maria Speths Schuldokumentation „Herr Bachmann und seine Klasse“, dazu noch Christian Schwochows politische Parabel „Je suis Karl“, die als „Berlinale Special“ läuft. In dieser Präsenz steckt ein historischer Trend. Seit langem sind die Kinematographien der großen Filmländer dabei, sich voneinander zu entkoppeln. Der Siegeszug der Streaming-Anbieter hat diese Entwicklung verstärkt, und die Festivals bilden sie ab. Ihr deutlichstes Zeichen ist das Fehlen amerikanischer Filme im Berlinale-Wettbewerb.

Die großen Hollywoodstudios gehen dem Festival mit ihren Blockbustern ohnehin aus dem Weg. Aber auch Independent-Produktionen sind immer weniger auf die Kinoauswertung angewiesen, sie können ihr Publikum auch auf Netflix, Amazon und Arthouse-Plattformen wie Mubi finden. Die Entscheidung, dann gleich für die Streaming-Dienste zu drehen, ist für die Regisseure nur der logische nächste Schritt. In demselben Maß aber, wie sich das Geschäft von Netflix & Co. internationalisiert, fällt auf die nationale Filmkunst der Schatten der Provinzialität.

Deutsche Spielfilme laufen heute seltener, deutsche Serien öfter denn je im Ausland. Insofern darf man gespannt sein, inwiefern bei Maria Schrader, die für den Netflix-Vierteiler „Unorthodox“ einen Emmy gewonnen hat, und Christian Schwochow, der für Netflix den Roman von Robert Harris über die Münchner Konferenz adaptiert hat, die Konventionen der Streaming-Ästhetik auf ihre Kinobilder durchschlagen.

Fünf Tage Filmstreams: Das ist das Gegenteil eines Events. Aber ein Ereignis sind diese 71. Berliner Filmfestspiele dennoch, schon deshalb, weil noch kein Festival so konsequent den Spagat zwischen dem Digitalen und dem Realen gewagt hat. Wenn alles gutgeht, werden die hundertzwanzig kurzen und langen Filme der diesjährigen Auswahl im Juni in einer besseren Welt auferstehen, und das „industry event“ wird eine einmalige Episode gewesen sein. Aber selbst dann lässt sich das digitale Gespenst nicht wieder in die Kiste zurückzwingen. Sein Triumph, durch die Pandemie beschleunigt, ist unaufhaltsam, und die Frage ist nur, ob es die Kinokultur bloß verwandelt oder zerstört. Die zweigeteilte Berlinale wird darauf eine erste Antwort geben.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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