Klassischer Disney-Sound

Schlange hören, nicht Schlange stehen

Von Maria Wiesner
24.08.2020
, 19:22
Vertrauensfrage: Fast hätte die Schlange Kaa den Jungen Mogli in Disneys „Dschungelbuch“ mit ihrem Schlaflied eingelullt.
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Der Ton wurde bereits beim Zeichnen mitgedacht: „The Sound of Disney 1928–1967“ im Deutschen Filmmuseum Frankfurt. Die Ausstellung lässt die Menschen zu Wort kommen, deren Arbeit den Figuren Stimmen, Hörumgebungen und Melodien gaben.
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Disney-Trickfilme sind immer auch Musikfilme. Wie gute Musicals treiben sie ihre Handlung durch Lieder voran. Die Ausstellung „The Sound of Disney 1928–1967“ im Frankfurter Filmmuseum spürt den Anfängen des Tons bei diesem Studio nach und zeigt dabei auf, wie die Firma ein kulturindustrielles Imperium werden konnte. Den Anfang macht Kaa, die Schlange aus dem Dschungelbuch. Deren hypnotisches Lied ist schon zu hören, bevor man die letzte Stufe zum dritten Stock des Museums betritt. Kaas Gesang ist Teil einer Soundinstallation, die ein Halbrund mit samtigen Sitzsäcken vor dem Ausstellungseingang beschallt: ein Medley der Disneymelodien, mal von Chören, mal solo gesungen, das aus den reichen Tonlandschaften der Schaffensphase von 1928 bis 1967 schöpft, auf die sich diese Ausstellung konzentriert, und das zugleich wie ein Trailer für die Klassiker funktioniert, die hinter der Eingangstür warten.

Als die aufschwingt, pfeift vom ersten Bild schon Mickey Mouse als Kapitän in „Steamboat Willie“. Daneben erlauben die Skizzen zum „Tanz der Skelette“ bereits einen Blick auf die „Silly Symphonies“, fünfundsiebzig berühmte Cartoonfilmchen aus den späten zwanziger Jahren, die neben Mickey dem Disney-Klangfilm den Ton vorgaben. An diesen Skizzen kann man ein wichtiges Grundelement der Arbeit von Walt Disney ablesen: Der Ton wurde bereits beim Zeichnen mitgedacht; man meint den Einschlag des Skelettkopfes auf der aufgeplusterten Eule bereits auf Papier hören zu können.

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Da es hier aber weniger um die Zeichnungen als vielmehr um den Ton geht, wandert die Höraufmerksamkeit manchmal schneller als der Blick zur nächsten Leinwandinstallation, von deren Lautsprechern Lieder und mehr durch den Ausstellungsraum tönen – etwa eins aus den „Silly Symphonies“, das ein Grashüpfer auf seiner Geige für Ameisen spielt. Ein Originalnotenblatt zeigt handschriftliche Änderungen Pinto Colvigs. Seine war eine der Stimmen, die Disney halfen, den Grundstein für sein Reich zu legen. Colvig, der von der Vaudeville-Bühne kommend bereits 1931 für das Studio zu arbeiten begann, gab Goofy das Glucksen, grummelte mehrere der sieben Zwerge und durfte sich, wie das ausgestellte Blatt beweist, auch die Freiheit herausnehmen, Texte wie den des Grashüpfers, zu ändern, um sie der Melodie anzupassen.

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Filmmusik von Mickey Mouse
„Steamboat Willie“
Video: Walt Disney Animation Studios, Bild: Oswald Rabbit

Allerlei Anekdoten, Tondokumente und kurze Originalaufnahmen können an interaktiven Stationen über Touchscreens abgerufen werden. Dort erfährt man, dass die Sängerinnen und Sprecher zumeist vor dem Zeichnen gecastet wurden und als Vorlage für die Figur dienten, wie etwa ein Foto der Synchronschauspielerin Eleanor Audley beweist, die dank des Animators Frank Thomas wie die Fleischgewordene Trickfigur der steifen Lady Tremaine aus Cinderella aussieht. Überhaupt ist es wohl das größte Verdienst dieser Ausstellung, dass sie die Menschen zu Wort kommen lässt, deren Arbeit den Disney-Figuren Stimmen, Hörumgebungen und Melodien gaben.

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Begleitet werden die Tondokumente von Originalplakaten und Zeichnungen aus der Sammlung des Münchner Stadtmuseums, das diese Zeitdokumente seit 1963 besitzt. Damals hatte Walt Disney für Marketingzwecke eine Ausstellung mit Originalmaterialien seines Studios auf Tournee geschickt, einiges war in Deutschland geblieben.

Das Konzept der Gesamtschau ist historiographisch: Der Blick auf die verschiedenen Arbeitsfelder im Tonbereich bei Disney folgt der Chronologie der Studiogeschichte, mal werden die Sängerinnen und Musiker in den Fokus genommen, mal wird ein knapper Seitenblick auf die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf internationale Absatzmärkte und veränderte Marketingstrategien geworfen, mal arbeitet man die Feinheiten der Synchronisation heraus, wenn etwa Bambi den „Regen im April“ mit großen Augen anstaunt und der Chor seine lautmalerischen Verse singt – da wechselt die Tonspur mal ins Englische, mal ins Polnische, und lässt die sprachliche Schönheit glänzen, die in keiner Synchronisation verlorengeht.

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Filmmusik aus „Bambi“
„Little April Shower“
Video: Max Canon, Bild: Disney FR

Zuletzt wird „Das Dschungelbuch“ in den Blick genommen, der letzte Film, an dem Walt Disney persönlich mitwirkte und der 1967, ein Jahr nach seinem Tod, ins Kino kam. Exemplarisch steht er auch für alles, was danach folgte, in erprobter und fortan klassischer Verbindung der Animation mit der Arbeit der professionellen Songschreiber und Musiker – man hatte für die Sprech- und Gesangsrollen viele Jazz-Künstler engagiert, so, wie man auch heute das beste Pop-Personal für die computeranimierten Riesenerfolge rekrutiert. Klassik heißt: es bleibt, vor allem in den Publikumsköpfen.Wenn man den dritten Stock des Filmmuseums danach verlässt, könnte es also passieren, dass man für mindestens einen Tag das vordergründig entspannte, aber künstlerisch vor allem perfekte Lied von den „Bare Necessities“ des Bären Balu vor sich hinsummt.

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„The Sound of Disney 1928–1967“. Im Deutschen Filminstitut / Deutschen Filmmuseum, Frankfurt, bis 10. Januar 2021.

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Filmmusik vom „Dschungelbuch“
„Bare Necessities“
Video: Disney Junior UK, Bild: DisneySingItVideos
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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