Film „Bad Tales“

Anordnungen gegen das Chaos

Von Bert Rebhandl
07.01.2022
, 14:14
Gabriel Montesi (rechts) als Amelio Guerrini mit Justin Korovkin als seinem nerdigen Sohn Geremia.
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Der neue Film von Damiano und Fabio D'Innocenzo erzählt von einer prekären Kindheit. Ein phantasmatisches Experiment, das in einen Misstrauensantrag gegen die Eltern mündet.
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Kinder haben es wirklich nicht leicht. Sie können sich ihre Eltern nicht aussuchen, und wenn die Entscheidung einmal gefallen ist, also mit der Geburt, leben sie in einer Schicksalsgemeinschaft, die nur in glücklicheren Fällen ein gelungenes En­de findet. Also eine reife Persönlichkeit, die sich gern an die Zeit des Heranwachsens erinnert. In nicht wenigen Fällen aber enthält das autobiographische Ge­dächtnis wohl ähnlich „sinnlose, düstere Geschichten“ wie sie der italienische Film „Favolacce“ von den Brüdern Da­miano und Fabio D’Innocenzo enthält. „Bad Tales“ lautet der englische Verleihtitel, für den Kinostart in Deutschland wurde der Beititel „Es war einmal ein Traum“ hinzugefügt. Das soll wohl märchenhaft klingen, aber in der Siedlung Spinaceto an der Peripherie von Rom ist nichts ein Traum. Oder wenn, dann ein böser, so wie man ihn haben könnte, wenn man an einem heißen Nachmittag aus einem unruhigen Nickerchen hochschreckt.

Geremia ist eines der Kinder in den „Bad Tales“. Er lebt mit seinem Vater Amelio in einem Haus, das früher einmal ein Wohnwagen war, der aber nie mehr auf Reisen gehen wird, weil er durch Anbauten sesshaft gemacht wurde. Amelio ist selber ein halbes Kind, ein Alleinerzieher, der es für eine gute Idee hält, seinen nerdigen Sohn auf einer staubigen Wiese mit einem Kleinwagen im Kreis jagen zu lassen. Geremia hat natürlich längst noch keinen Führerschein, sein Va­ter nötigt ihn aber, schon einmal or­dentlich das Gaspedal des Lebens durchzutreten.

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Tableaubild eines Sommers

Dennis steht da im Vergleich noch gut da. Sein Vater Bruno hat der Familie ein richtiges Haus gekauft, ein Eigenheim mit aufblasbarem Swimming Pool, in dem die ganze Anwohnerschaft die „Billigvariante eines normalen Sommers“ genießt – bis jemand nachts ein Messer in das Plastik rammt und in dem sehr schmalen Vorgarten eine Überschwemmung verursacht. Bruno ist im­mer ziemlich gestresst, er strahlt einen Überdruck aus, auf den Dennis reagiert, indem er sich stark zurücknimmt. Er versucht, es allen recht zu machen, auch einer Freundin namens Ada, die findet, sie und er müssten endlich „bumsen“. Das Wort hat die Zehnjährige aus dem Browserverkauf ihres Vaters, der auf dem Handy offensichtlich sehr viele eher ex­tremere Pornos schaut.

Wie die Brüder Innocenzo diese Szene filmen, in der Ada sich für Dennis bereit macht, während der dann, mit betont erwachsen klingen wollenden Worten, seine Flucht vor der erotischen Überforderung vorbereitet, das ist charakteristisch für ihren Stil: ein Tableaubild eines Sommers, die Kinder halb durch das Dickicht verdörrter Pflanzen verdeckt, bis Dennis als eine vage Figur im Hintergrund sich aus der Szene verdrückt. Fast immer ist die Kamera eher weiter weg, fängt sie Kompositionen ein, hilflos choreographiert anmutende Anordnungen ge­gen das Chaos. So beginnt der Film auch mit einer Art Aufmarsch: Pietro, der erfolgreiche Nachbar, lässt seine Kinder antreten und ihre Zeugnisnoten vortragen. Die sind allesamt exzellent, bis auf das Fach Betragen („comportamento“), da hat die kleine Viola nur eine Neun statt einer Zehn.

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Deftiger Realismus á la Innocenzo

Untergründig arbeiten alle Kinder daran, ihr Betragen in einen großen, dann auch dramatischen Misstrauensantrag gegen die Eltern zu verwandeln: die einzige Autorität in Spinaceto, scheint es, ist ein latent pervers wirkender Chemielehrer, der betont arglos Rezepte zum Bombenbau vorträgt und die Kinder auch wissen lässt, dass eines der giftigsten Mittel gegen Unkraut in jeder Drogerie für wenig Geld zu kaufen ist. Damit ist eine doppelte Lunte ausgelegt, die von den Brüdern Innocenzo dann durch Absurdität entzündet wird. Ihr Kino könnte man als eine heutige Variante des deftigen Realismus sehen, den einst Ettore Scola in Italien vertreten hat („Die Hässlichen, die Schmutzigen und die Gemeinen“). „Favolacce“ lief 2020 auf der Berlinale, in Toronto hatten sie im vergangenen September schon einen neuen Film namens „America Latina“ am Start, in dem sie einen weiteren Schritt in Richtung eines eigenwilligen Surrealismus machen: das Ressentiment gegen sich selbst, das dort ein Zahnarzt ausbrütet, ist in den Männern von „Bad Tales“ schon vorbereitet.

© The Match Factory

Ein wenig seltsam mutet an „Favolacce“ die erzähltheoretische Rahmung an: Die ganze Geschichte hat einen Erzähler aus dem Off, von dem nicht klar wird, was er mit Spinaceto zu tun hat, es gibt angeblich ein Tagebuch eines Mädchens, geschrieben mit grüner Tinte, das als Grundlage für die Begebenheiten dient, von denen die Brüder Innocenzo erzählen, und zwar in Form einer „wahren Ge­schichte, die auf falschen beruht“. Dieses halbe Dementi bräuchte es gar nicht, man sieht ja ohnehin, dass das ein phantasmatischer Film ist, ein Versuch, eine Kinderperspektive mit anderen Perspektiven zu verbinden, die eher rätselhaft sind.

Die Kamera ist in „Favolacce“ häufig in den Bäumen, so als käme der Film aus einer Überwachungskamera, die zugleich voyeuristisch und strukturell operiert. Dem Rätsel des Lebens, zumal für Zehnjährige, kommen die Innocenzos so aber ganz gut bei. Und wenn mit dem kleinen Geremia vielleicht sogar so etwas wie ein künftiger Prophet der Resilienz hervorgeht, dann hat man die „Bad Tales“ auf jeden Fall mit Gewinn gesehen.

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Quelle: F.A.Z.
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