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Fatih Akins Berlinale-Beitrag

Warten auf den Engel, der nicht mehr kommt

Von Andreas Kilb
 - 14:27
Nachts, wenn Fritz Honka kam: Jonas Dassler in „Der Goldene Handschuh“zur Bildergalerie

Der Film, den Fatih Akin über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka gedreht hat, beginnt mit der Zerstückelung einer Leiche. Honka (Jonas Dassler) hat vergeblich versucht, die tote Frau in einem Plastiksack die Treppe hinunter zu schleppen, jetzt macht er sich daran, sie zu zerlegen. Er entkleidet die Tote, dann holt er eine Handsäge aus der Küche und beugt sich über den Frauenkörper. In diesem Augenblick weicht die Kamera zur Seite aus. Ein Möbelstück schiebt sich ins Bild. Man hört das Kratzen und Schaben der Säge. Da springt Honka auf und schaltet den Plattenspieler ein, und es erklingt Adamos Schnulze „Es geht eine Träne auf Reisen“: „Sie geht auf die Reise zu dir, / Der Wind bringt sie mir mit den Wolken, / Und ich weiß, sie kommt nur von dir.“

Über die Moral des Filmemachens bei der Darstellung von Gewalt ist oft gestritten worden, mal mehr, mal weniger ab-strakt. In Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“ wird dieser Streitfall konkret. Der Film geht an die Grenze dessen, was man im Kino zeigen kann, wenn man nicht nur die Splatter-Gemeinde, sondern ein größeres Publikum erreichen will, und manchmal, wie in der Anfangsszene, schrammt er hart an dieser Grenze entlang. Dann möchte man die Augen schließen und am liebsten nichts mehr sehen, aber nicht deshalb, weil das, was hier passiert, so schrecklich ist. Sondern weil man weiß, dass es wirklich geschah.

Fritz Honka, ein Hilfsarbeiter aus Leipzig, hat zwischen 1970 und 1975 vier ältere Frauen aus der Prostituiertenszene in seiner Dachwohnung in Hamburg-Ottensen ermordet und zerteilt. In Heinz Strunks Roman „Der Goldene Handschuh“, nach dem Akins Film entstand, ist Honka der Irrläufer, aus dessen Blickwinkel sich die Schilderung des Reeperbahnmilieus zum Gesellschaftspanorama der alten Bundesrepublik verdichtet. Strunk entfaltet dieses Panorama auf gut zweihundertfünfzig Seiten, mit Haupt- und Nebensträngen, als Kneipen-, Täter- und Unternehmerfamiliengeschichte. Fatih Akin dagegen hat in zwei Kinostunden viel weniger Platz, er muss gleich zur Sache kommen, zu Honka und dem, was er tut.

Etwas, das im Kino selten geworden ist

Und so lange der Film bei seinem Helden bleibt, den Jonas Dassler mit einer hilflosen Verzweiflung spielt, die man in Deutschland so nur bei Peter Lorre in „M“ und „Der Verlorene“ erlebt hat – so lange ist Akins „Goldener Handschuh“ groß. Er ist groß, weil er die Frauen, die Honka umbringt oder zu töten versucht, weder verachtet noch romantisiert, sondern in ihren zerbrochenen Gesichtern die Sehnsucht nach jenem Glück zum Vorschein bringt, das die Schlager der siebziger Jahre versprechen. Und er ist groß, weil er das Halbwelttheater des Bierlokals in St. Pauli, das Buch und Film den Namen gab, mit der illusionslosen Härte betrachtet, die den meisten bundesrepublikanischen Rückblicken fehlt. Hier sitzen und saufen sie zusammen, die Ex-SS-Offiziere und die ehemaligen Zwangsprostituierten aus den Lagern, die Gefallenen, Gepfändeten und Betrogenen, und warten auf den Engel der Geschichte, der nicht mehr kommt. Stattdessen erscheint ein krummer, bulliger Mann mit einer Flasche Schnaps in der Hand und einer Säge im Küchenschrank.

Aber Akin will auch den Sehgewohnheiten des Mainstreams gerecht werden, und dabei hat er, wie schon bei früheren Anlässen („Solino“, „Aus dem Nichts“), keine glückliche Hand. Man merkt es an dem Weichzeichner-Blick, mit dem er die beiden Teenager betrachtet, die er als Entlastungszeugen in sein historisches Gruppenbild einschreibt – eine Illustrierten-Blondine, ein Peter-Handke-Verschnitt mit Rennrad; zwei Klischees ohne Wert. Vor allem aber merkt man es an der Hast, mit der er sich von seiner Hauptfigur verabschiedet, nachdem ein Wohnungsbrand der Feuerwehr die Tür zu Honkas Höhle aufgestoßen hat. Der „Goldene Handschuh“ endet wie ein „Polizeiruf“ mit Blaulicht und Sirene. Kino-Epen sehen anders aus.

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Fatih Akin auf der Berlinale
Extrem nah am Täter und fast unerträglich

Den genervten Ton, mit dem er von den Kritikern auf der Berlinale abgefertigt wurde, hat Fatih Akins Film dennoch nicht verdient. „Der Goldene Handschuh“, was immer man von seinem Sujet halten mag, handhabt die Bildsprache des Kinos mit einer Selbstverständlichkeit, die im Festivalwettbewerb längst nicht die Regel ist. Die Österreicherin Marie Kreutzer etwa hat so viel Stilwillen in die Geschichte zweier ungleicher Schwestern gesteckt, die sie in ihrem Film „Der Boden unter den Füßen“ erzählt, dass ihr für die dramaturgische Ausarbeitung offenbar keine Kraft mehr blieb. Der Norweger Hans Petter Moland, ein Dauergast in Berlin, begräbt in „Out Stealing Horses“ ein Familiendrama aus den vierziger Jahren unter einer Schmalzschicht pathetischer Naturbilder, so dass man am Ende froh ist, aus dem Wald, in dem es spielt, wieder herauszukommen. Und „God Exists, Her Name is Petrunija“ ist zwar der bisher beste Filmtitel dieses Jahres, aber die Provinzfarce der mazedonischen Regisseurin Teona Strugar Mitevska, die er schmückt, ist leider nur halb so witzig, wie sie mit einer besseren Hauptdarstellerin und einem schärferen Sinn für Pointen hätte sein können.

In Agnieszka Hollands 140-Minuten-Geschichtsbilderbogen „Mr. Jones“ ist der Journalist Gareth Jones in der Ukraine unterwegs, als er etwas sieht, was seinen Finger am Auslöser stocken lässt. Es ist das Jahr 1933, und die Opfer der großen stalinistischen Hungerkatastrophe, des Holomodor, werden auf Karren verladen: Männer, Frauen, schreiende Säuglinge. Da verzichtet Jones auf das Foto, das er machen wollte. Später blickt Hollands Film auch noch in den Abgrund des Kannibalismus, aber es ist diese Szene, die in Erinnerung bleibt, weil sie etwas zeigt, was man nicht erwartet. Etwas, das im Kino selten geworden ist und auf den Festivals, seinen Marktplätzen, noch seltener. Nennen wir es, mit einem alten Wort, Moral.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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