Berlinale

Ein Zweikampf braucht keine Moral

Von Andreas Kilb
03.03.2021
, 11:03
Auf der Berlinale erzählt das deutsche Kino Geschichten von Erich Kästner bis zum 11. September. Der Umgang mit der Sachlichkeit im Film erweist sich dabei als nicht so einfach.

Eine Neue Sachlichkeit im Film hat es nie gegeben. Das mag daran liegen, dass das Kino in jener Zeit – als neusachliche Bücher, Bilder und Bauten entstanden – gerade mit dem Übergang vom Stumm- zum Tonfilm beschäftigt war. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass vor der Kamera das Sachliche ohnehin immer den Vorrang hat.

Die Liebe mag eine Himmelsmacht sein, aber am Ende ist sie eine Sache zwischen Mann und Frau (oder Mann und Mann, Frau und Frau und so fort). Auch Berlin, die deutsche Hauptstadt, ist für viele, die sie nicht kennen, ein imaginärer Ort, aber bei Dominik Graf erscheint sie ganz real als Mischung von Außen- und Innenräumen, die Graf teils in Bautzen und am Berliner Stadtrand gefunden, teils im Studio konstruiert hat.

Dominik Graf hat Erich Kästners „Fabian“ von 1931 verfilmt, einen Roman, der ein Sittenbild der Weimarer Republik im vorletzten Jahr vor ihrem Untergang zeichnet. Ursprünglich sollte das Buch „Der Gang vor die Hunde“ heißen, doch der Titel gefiel dem Verleger nicht, der auch ein paar Stellen strich, die ihm anstößig erschienen. Vor acht Jahren wurden sie in einer Neuedition gedruckt. Auch Graf hat sie wieder eingefügt, wenn auch teilweise an anderer Stelle. Das ist das Recht des Kinos: Geschichten so zu sortieren, dass sie zu seinen filmischen Formen passen.

Innere Unordnung

Aber die Form ist in „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ gerade das Problem. Ein neusachlicher Roman mit apokalyptischen Obertönen lässt sich nicht wie ein Kostümkrimi bebildern. Deshalb sucht Graf in der ersten Stunde seines Films angestrengt nach einer Gegenästhetik zu „Babylon Berlin“. Die Welt, durch die der Dichter und Werbetexter Jakob Fabian (Tom Schilling) dahintreibt, ist ein Hexenkessel aus wirbelnden, brüllenden, tanzenden und oft auch dokumentarischen Bildern. Die innere Unordnung, die Fabian in die Arme von Irene Moll (Meret Becker) und dann wieder ins nächste Variété treibt, spiegelt sich im äußeren Aufruhr der Nackttänze und Straßenschlachten.

Aber dann kommt plötzlich Ruhe ins Spiel, weil Fabian die Referendarin Cornelia (Saskia Rosendahl) kennenlernt, die mit großer Sachlichkeit ihren Aufstieg zum Filmstar betreibt. Die Liebe funkt dazwischen, die beiden werden ein Paar. Als Fabian Cornelia seinem reichen und vornehm verzweifelten Freund Labude (Albrecht Schuch) vorstellt, der gerade von seiner Geliebten verlassen worden ist, ergibt sich eine Konstellation, die aus vielen Filmen vertraut ist, ein Dreiecksidyll am Vorabend der Katastrophe.

Aber Kästner wollte auf etwas anderes hinaus, und so muss der Film bald wieder zurück ins Variété, zu Zerrüttung und Gewalt. Dass er dabei, anders als der Roman, die Lovestory nicht aus den Augen verliert, liegt auch daran, dass Saskia Rosendahl und Tom Schilling ein so schönes Paar sind, dass man sich wünschte, Kästner hätte eine andere Geschichte für sie geschrieben. (Das hat er auch, aber es ist nicht „Fabian“.)

Der Film stolpert ins Gemächliche

Einmal sieht man Jakob Fabian nach einem Besuch bei Cornelia zwischen den Studiobauten von Babelsberg herumirren. Statt den Ausgang zu finden, gerät er immer tiefer in die Kulissenwelt hinein. Das ist, wie Dominik Graf weiß, die Gefahr jeder Klassikerverfilmung, und deshalb hat er sie in ein starkes Bild gepackt. Aber starke Bilder sind nicht alles im Kino. Es geht, neben den Räumen, auch um Zeit. „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ dauert drei Stunden, und damit stellt sich der Film selbst ein Bein. Er stolpert ins Gemächliche. Er überzieht. Kästner wollte, wie er sagte, seiner Zeit einen Zerrspiegel vorhalten. Grafs Film hält uns ein Panorama vor. Es zeigt viele und vieles. Aber es zerrt nicht an uns.

Daniel Brühls Regiedebüt „Nebenan“ teilt mit „Fabian“ das seltsame Schicksal, dass es auf der Berlinale im Wettbewerb läuft, aber nicht gestreamt werden kann. So könnte einer der Preise dieses Digitalfestivals am Ende an einen Film gehen, den niemand außer ein paar Auserwählten gesehen hat. Dabei handelt gerade „Nebenan“ von den Schattenseiten des Privilegs, von dem Fluch, den es bedeutet, berühmt zu sein.

Der Schauspieler Daniel, dargestellt von Daniel Brühl, geht in eine Berliner Eckkneipe, um sich vor dem Flug nach London, wo er ein Casting für einen Superheldenfilm hat, zu entspannen. Doch der Tresen ist eine Falle. Ein Mann hat dort auf Daniel gewartet, der die intimsten Geheimnisse des Schauspielers kennt, sein Bankkonto, seine Passwörter, seine Gelüste, den Betrug seiner Frau. Bruno (Peter Kurth) ist ein Nichts, ein rachsüchtiger, kleinkarierter Wendeverlierer, und doch schafft er es, sein Opfer zum Weinen zu bringen. Dass dessen Tränen wiederum nur gespielt sind, gehört zu den dramaturgischen Kniffen, die die Handschrift eines Könners verraten.

„Nebenan“, geschrieben von Daniel Kehlmann, ist im Grunde ein Zweipersonenstück, das sich der filmischen Form nur bedient. Aber in den eineinhalb Stunden, die das Duell zwischen dem Star und dem Nobody dauert, passt ihm diese Form so perfekt, dass die Frage nach dem Sinn der autobiographischen Übung bedeutungslos wird. Die Wahrheit liegt im Spiel von Brühl und Kurth, und wer unbedingt eine Moral braucht, kann sich an den Satz halten, dass ein Leben auf der Sonnenseite des Kinos und der Geschichte seinen Preis hat. Das ist nichts Neues. Aber „Nebenan“ hat es neu formuliert.

„Dieser Film entstand nach einer wahren Geschichte“

Zur Sachlichkeit im Kino gehört, dass es seinen Gegenstand klar benennt. Anne Zohra Berracheds Film „Die Welt wird eine andere sein“, der in Berlin im Panorama läuft, tut sich damit schwer. Zwei Medizinstudenten treffen sich Mitte der neunziger Jahre in Greifswald. Saeed ist Libanese, Aslis Familie stammt aus der Türkei. Sie verlieben sich, lassen sich von einem Imam trauen, ziehen zusammen. Aber dann findet Saeed neue Freunde in Hamburg. Aus dem Jemen, wohin er für mehrere Wochen verschwindet, kehrt er mit Narben am Körper zurück. Schließlich besucht er eine Flugschule in Florida. Am Tag nach dem 11. September 2001 erfährt Asli, dass er einer der Entführer war, die mit vier Verkehrsflugzeugen den Anschlag auf Amerika verübt haben.

„Dieser Film entstand nach einer wahren Geschichte.“ Die Geschichte des Terroristen Ziad Jarrah und seiner Verlobten, die Anne Zohra Berrached leicht verändert erzählen will, könnte die Chronik einer Liebe und einer Verblendung sein. Aber die Regisseurin, scheint es, ist sich unsicher, ob beides je stattgefunden hat. Deshalb inszeniert sie die Beziehung von Asli und Saeed als Hin und Her von Abschieden und Wiederbegegnungen, Schlägen im Park, Umarmungen im Meer. Ob die beiden über ihre Zukunftspläne gesprochen, ob sie sich je richtig kennengelernt haben, will der Film nicht wissen. Aber er lässt die Frage auch nicht offen, sondern deckt sie mit Bildern zu. Auf diese Weise geht er nicht nur an der emotionalen, sondern auch an der historischen Wahrheit seiner Geschichte vorbei. Sachlichkeit in Filmen kann grausam sein. Falsch ist sie nie.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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