Berlinale-Wettbewerb

Lassen Sie die Finger von der Axt!

Von Andreas Kilb
16.02.2007
, 20:29
Am Ende eines Festivals werden die Augen müde. In Jiri Menzels Film „Ich habe den englischen König bedient“ bleibt alles Stimmung, Pose, Arrangement. Mit Jacques Rivettes Beitrag verhält es sich genau umgekehrt.

Der blonde Jan, ein kleiner Mann mit flinken Augen und Händen, versteht wenig von der Welt, aber er kann mit Geld umgehen. Wenn er eine Handvoll Münzen auf den Boden wirft, bücken sich die größten und wichtigsten Leute danach, und Jan genießt den Triumph des Zuschauers. Auf einem tschechischen Provinzbahnhof, wo er den Reisenden Würstchen verkauft, probiert Jan den Trick zum ersten Mal aus, dann wiederholt er ihn in dem Kleinstadthotel, in dem er als Kellner dient, und in der Prager Luxusherberge, in der er sogar dem äthiopischen Kaiser aufwarten darf. Und schließlich zwingt er sogar die SS-Männer, die in dem zum Lebensborn-Heim umgerüsteten böhmischen Landhotel, in dem Jan mit seiner Frau arbeiten darf, mit sudetendeutschen Frauen arische Kinder zeugen, vor sich auf die Knie. Bis der Krieg dem Spiel ein Ende macht.

Am Ende eines Festivals werden die Augen müde, sie haben sich sattgesehen an all den Geschichten, den Dramen und Melodramen vom Ende der Welt oder aus dem Dickicht von nebenan. So kommt es, dass man einem Film wie Jiri Menzels „Ich habe den englischen König bedient“, der nichts als eine opulente Schwejkiade sein will, eben diese Opulenz nicht verzeihen kann, dass man seiner prachtvollen Fassaden, seiner erlesen gedeckten Tische und halbnackten Lebedamen schneller überdrüssig wird, als der Held einen Kaffee servieren kann. Menzels Film, eine Adaption von Bohumil Hrabals Roman von 1980, ist eine der teuersten tschechischen Produktionen aller Zeiten, und das sieht man. Was man nicht sieht und nicht spürt, ist ein Motiv, das die Geschichte über das bloß Bilderbogenhafte hinaus in Schwung brächte, eine innere Bewegung, die der visuellen Pracht erst Substanz gäbe. Alles bleibt Stimmung, Pose, Arrangement in diesem Film, und das ist für die kinosatten Berlinale-Augen einfach zu wenig.

Nie mehr als zehn Personen im Bild

Mit Jacques Rivettes Film „Ne touchez pas la hache“ verhält es sich genau umgekehrt. Rivette hat eine Erzählung von Balzac verfilmt, eine bittere Love Story aus der Zeit der Restauration, aber er lässt fast alles weg, woran das Publikum der Kostümschinken gewohnt ist. Es gibt keine Aufmärsche, keine Barockschlösser, keine Schlachten und keine Orchestermusik vom Band in diesem Film, und auf den Bällen, die er zeigt, sind nie mehr als zehn Personen im Bild.

Statt dessen konzentriert sich Rivette ganz auf das, wovon Balzac in düster strahlender Prosa erzählt: die tragische Geschichte zweier Menschen, denen es nicht gelingt, die Schranken ihres Charakters und ihrer Herkunft zu überwinden. Sie, die Herzogin von Langeais (Jeanne Balibar), ist eine verwöhnte Seele aus dem Faubourg St. Germain, reich, kokett und skrupellos aus Unerfahrenheit. Er, der General von Montriveau, hat in seinen Jugendjahren unter Napoleon gedient und später in Afrika nach den Nilquellen gesucht, er verkörpert die neue, romantische Sensibilität. Die Herzogin hält ihn hin, sie will geliebt werden, ohne sich selbst zu geben; Montriveau erträgt ihre Launen, bis er beschließt, den Spieß umzudrehen. Jetzt erkennt sie, was sie an ihm verloren hat, und überschüttet ihn mit Liebesbeweisen, opfert ihm sogar ihren guten Ruf. Schließlich setzt sie ihm eine letzte Frist. Dann geht sie ins Kloster. Der Film beginnt mit der Wiederbegegnung der Liebenden in einem Konvent auf Mallorca. Noch einmal scheint zwischen ihnen alles möglich. Aber es ist zu spät.

Schlichtheit und Direktheit

Rivette inszeniert diese Tragödie der Irrungen mit einer Schlichtheit und Direktheit, die alles andere als einfach ist. Bei ihm ist jede Szene ein Drama für sich, mit Vorspiel, Wortwechsel, Konflikt und Nachhall, aber der Film wirkt dennoch nie theatralisch, nur viel unerbittlicher und genauer als die historischen Drei- oder Vierteiler des Fernsehens. Als Montriveau der Herzogin die titelgebende Anekdote über das Henkersbeil erzählt, das dem englischen König den Kopf abschlug, und ihr für den gleichen Abend ein furchtbares Unglück voraussagt, wartet man auf irgendein visuelles Echo dieser Bedrohung, aber gleich darauf wird Menuett getanzt, als wäre nichts passiert. Gerade diese Ungerührtheit macht die Schrecken der Liebe, von denen „Ne touchez pas la hache“ erzählt, noch spürbarer und realer. Manchmal wünschte man sich, Jeanne Balibar und Guillaume Depardieu würden etwas mehr Verve in das Duell ihrer Figuren legen, aber auch so ist Rivettes Film ein Lichtblick im Berlinale-Wettbewerb.

Dasselbe würde man auch gern über David Mackenzies „Hallam Foe“ sagen, der am Freitag als vorletzter Beitrag in Konkurrenz gezeigt wurde. Der Film beginnt tatsächlich vielversprechend, als Familiengeschichte aus dem tiefen Schottland, wo der siebzehnjährige Hallam darum ringt, den plötzlichen Tod seiner Mutter zu verwinden und sich mit seiner neuen Stiefmutter, die er zugleich hasst und begehrt, zu arrangieren. Aber dann schickt Mackenzie seinen Helden auf Reisen. Hallam kommt nach Edinburgh, streunt herum, findet einen Job, verliebt sich in eine Frau, die seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten ist, spioniert sie auch aus, landet mit ihr im Bett, wird gekränkt und gehätschelt und muss am Ende doch an den See zurück, in dem seine Mutter starb. Und während eine Wendung die andere jagt, merkt man, dass diese Küchenpsychologie, mit der dieser Film an seine Figuren herangeht, von Anfang nicht gestimmt hat. Man sieht immer das Drehbuch, das unter den Szenen liegt, den Text hinter den Bildern, die Bastelarbeit der Phantasie.

Und ringsum die Häuser, Türme, Straßen von Edinburgh. Nach Paris, Berlin, Kapstadt, London, Los Angeles, Ulan Bator und Wittenberge ist das vielleicht die zwanzigste Stadt, die man im Wettbewerb auf der Leinwand gesehen hat. Aber was heißt schon gesehen? Solche Begegnungen sind allzu flüchtig. Sie verfließen wie Tränen im Regen.

Quelle: F.A.Z., 17.02.2007, Nr. 41 / Seite 38
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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