Filmkritik zu „Black Widow“

Mein Name ist Romanoff, Natasha Romanoff

Von Maria Wiesner
07.07.2021
, 13:59
Abschied von einer Superheldin: Scarlett Johansson als „Black Widow“
Was heißt hier Bond? „Black Widow“ mit Scarlett Johansson webt aus bekannten Zutaten überraschend lebendiges Actionkino.

Manchmal weiß man vorher alles. Wer eine Karte für den neuesten James-Bond-Film kauft, erhofft sich zwei Stunden voller irrwitziger Verfolgungsjagden, gut choreografierter Kampfszenen, exotischer Orte und schöner Frauen in engen Klamotten. Filme, die von Superhelden handeln, sind dagegen oft Überraschungen, denn Marvel lässt die Kinoadaptionen seiner Comics gern in verschiedenen Filmgenres erzählen. So wurde aus „Spiderman“ eine Coming-of-Age-Geschichte, „Ant-Man“ handelt von einem Diebescoup, und das Leben der ehemaligen russischen Auftragskillerin Black Widow überrascht nun mit irrwitzigen Verfolgungsjagden, gut choreografierten Kampfszenen, exotischen Orten und schönen Frauen in engen Klamotten – ein waschechter Agententhriller also.

Stoff dafür bietet die Vorlage zur Genüge: Natasha Romanoff, die seit „Iron Man 2“ (2010) von Scarlett Johansson verkörpert wird, wurde als Kind in einem russischen Elitetrainingsprogramm zur Spionin mit Lizenz zum Töten ausgebildet, hat sich jedoch später auf die Seite der Superhelden geschlagen. In einem halben Dutzend Filme kämpfte Romanoff an der Seite von Thor, Captain America und Iron Man gegen Bösewichter und ließ immer nur in Andeutungen durchblicken, was sie erlebt hatte – etwa, wenn sie in einer wilden Schießerei dem Bogenschützen Hawkeye zurief: „Just like Budapest, all over again“ (nach fast zehn Jahren wird endlich auch dieser Subplot des Marvel-Kino-Universums erklärt).

Romanoffs Geschichte beginnt 1995 in Ohio, wo das Mädchen mit seiner Familie lebt. Doch weder die Eltern noch die kleine Schwester Yelena sind mit ihr verwandt – die vier sind von den Russen entsandte Agenten, deren Fassade gerade fällt. Die Fluchtsequenz setzt den Ton für den Rest des Films: Die „Eltern“ packen Romanoff und ihre „Schwester“ ins Auto, rasen zu einem Kleinflugzeug. Die Mädchen springen an Bord, die Mutter (Rachel Weisz, die als Wissenschaftlerin Melina Vostokoff beweist, dass Frauen in Hollywood heute auch mit 51 Jahren noch kampfbereite Superheldinnen sein können) übernimmt das Steuer, der Vater (David Harbour als Red Guardian, dem die deutsche Synchronisation zum Glück den schlechten russischen Akzent streicht) schießt ihnen den Weg frei. Autos fliegen durch die Luft. Die Mutter wird angeschossen. Natasha klettert ans Steuer. Der Vater versucht ins Flugzeug zu springen, Kugeln fliegen, die Startbahn ist zu kurz. Als endlich der Vorspann rollt, bemerkt man, dass man vielleicht mal wieder atmen sollte. Wie in jedem guten Agentenfilm geht es in diesem Tempo weiter. Die Handlung spielt mal in den verstaubten Souks Marokkos, mal an den felsigen Fjorden Norwegens, mal über den Dächern Budapests.

Elegante Verbeugung vor dem Action-Genre

Nach mehr als einem Jahr, in dem die Pandemie das Reisen auch innerhalb Europas fast unmöglich machte, wirken diese Schauplätze so exotisch und außergewöhnlich wie Bonds alte Abenteuer an den Stränden Nassaus oder den Kasinos von Macao. Überhaupt ist „Black Widow“ eine elegante Verbeugung vor dem eigenen Genre. Auf der Flucht durch Norwegen schaut Romanoff abends „Moonraker“, mag diesen Film sogar so sehr, dass sie die Sätze mitspricht, mit denen Bösewicht Drax James Bond bedroht. Die Sprüche, mit denen sich Romanoff und Yelena (Florence Pugh) beim Wiedersehen in Budapest beharken („Kannst Du auch mal landen, ohne so ‘ne Pose mit den Haaren zu machen?“), sind wiederum reine Hommage an die Cop-Buddy-Filme der späten Achtziger – ähnlich Liebevolles warfen sich Mel Gibson und Danny Glover („Lethal Weapon“, 1987) oder Bruce Willis und Samuel L. Jackson (Stirb Langsam: Jetzt erst recht, 1995) auch an den Kopf. Und die Witze halten das Ironie-Level, mit dem Roger Moores Bond sich selbst nicht ernst nahm.

Kampfschwestern: Die ehemaligen russischen Elitekillerinnen Natasha Romanoff (Scarlett Johansson, links) und Yelena Belevo (Florence Pugh) führen nicht nur Wortgefechte gern.
Kampfschwestern: Die ehemaligen russischen Elitekillerinnen Natasha Romanoff (Scarlett Johansson, links) und Yelena Belevo (Florence Pugh) führen nicht nur Wortgefechte gern. Bild: AP

Die wahre Kunst des Actionfilms aber sind die Kampfszenen. Seit der ehemalige Stuntman David Leitch als Regisseur des Kalter-Kriegs-Thrillers „Atomic Blonde“ gezeigt hat, wie wichtig für so etwas kluge Kameraarbeit ist – bei ihm prügelte sich Charlize Theron als Agentin in einer wie ohne Pause aufgenommenen Szene durch einen Berliner Wohnblock –, hat Hollywood einiges gelernt, auch was das Kämpfen von weiblichen Helden angeht, die eben anders als Männer mehr auf Kreativität und Technik vertrauen statt auf schiere Muskelkraft. Und da Kampf im Actionfilm immer auch die Handlung vorantreibt, dient beispielsweise die Begegnung zwischen Romanoff und Yelena dazu, die Spannungen zwischen den beiden nun erwachsenen „Schwestern“ abzubauen. Dabei zerlegen sie genüsslich eine Küche, nutzen Teller, Messer, Vorhänge, werfen, wickeln und würgen mit allem, was ihnen in die Hände kommt.

Die Kamera tanzt um das Kampfpaar herum, zoomt hinein, wenn ein Detail wichtig wird, nimmt das Zimmer im Ganzen in den Blick, wenn die Kämpferinnen Platz für Bewegung brauchen, geht mit Sprüngen und Würfen der Frauen mühelos mit, sodass man nie den Überblick verliert. Verantwortlich für diese Übersichtlichkeit ist Stuntkoordinator Rob Inch, der schon in „Wonder Woman 1984“ (2020) Kirstin Wiig als Raubkatze auf Gal Gadot losließ.

Etwas außer Form: David Harbour (Mitte) spielt den alternden Superhelden „Red Guardian“.
Etwas außer Form: David Harbour (Mitte) spielt den alternden Superhelden „Red Guardian“. Bild: AP

Die Regisseurin, die ihm hier freie Hand gibt, ist die Australierin Cate Shortland, der auch zu verdanken ist, dass dieser Actionfilm die Geschichte der Hauptheldin glaubwürdig erzählt. Johansson selbst wollte sie für den Film haben.

Als Marvel der Filmemacherin das Angebot unterbreitete, bei „Black Widow“ Regie zu führen, lehnte diese zunächst ab. Sie hatte bislang Independent-Filme gedreht mit Fokus auf Frauenfiguren, die sich durchkämpfen müssen, darunter das preisgekrönte Nachkriegsdrama „Lore“ (2012) und den Psychothriller „Berlin Syndrom“ (2017), von denen aber Johansson so begeistert war, dass sie Shortland persönlich überzeugte.

Denn sie wollte ihrer Figur einen würdigen Abschied gönnen – „Black Widow“ ist ein Prequel, erzählt also die Geschichte vor „Avengers: Endgame“, dem Film, in dem sich Natasha Romanoff opfert, um die Welt zu retten. Shortland nimmt die Figur ernst, gibt Johansson genug Momente, in denen die Frau hinter der Killerinnenfassade sichtbar wird, und legt Romanoffs Gegenspieler nur in groben Strichen an. Eine Entscheidung im Sinne des Genres, denn wie viel Psychologie gesteht man sonst schon Bonds Widersachern zu? Es hilft, dass „Black Widow“ fast ohne großen Bezug zu den anderen Filmen des Marvel-Kino-Universums bestehen kann und dass seine Heldin eben nicht zu jenen Superhelden zählt, die qua Geburt Übermenschen sind (Thor, Wanda), sondern eine durchschnittliche Frau ist, die sich durch hartes Training zur Retterin qualifiziert. James Bond kann froh sein, dass ihr nur ein einziger Film gewidmet wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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