Brian De Palma zum Achtzigsten

Irre Augen sehen mehr

Von Maria Wiesner
11.09.2020
, 14:00
Brian De Palma hat in den Siebzigern den Splitscreen etabliert und Hitchcock so manche filmische Hommage gesetzt. An diesem Freitag wird der Regisseur von „Carrie“ und „Scarface“ 80 Jahre alt – und hat noch immer schaurige neue Ideen.

In den Siebzigern liebte Brian De Palma die intime Irreführung: Mit Softporno-Weichzeichnern näherte er sich schönen Frauenkörpern, nur um das so geweckte voyeuristische Begehren des Publikums blutig zu bestrafen.

Die Stephen-King-Verfilmung „Carrie“ (1976), die ihn weltberühmt machte, beginnt unter Anwendung dieses Kunstgriffs mit einem thematischen Tabubruch: Das erste Blut, das während einer Duschszene läuft, ist Menstruationsblut. Auch technisch traute er sich in diesem Film, vom Stoff gedeckt, Brüche der Konvention – die geteilte Leinwand, bei anderen oft Spielerei, konfrontiert hier Täter und Opfer direkt; die junge Sissy Spacek, beim Abschlussball mit Schweineblut übergossen, nimmt Rache an den Mitschülern, und ihr unirdischer Horrorblick steht gleichsam als Kontrollinstanz unmittelbar neben allem, was sie mit telekinetischen Fähigkeiten in Flammen aufgehen lässt oder durch die Luft wirbelt.

Bis das Grauen so eskaliert, pirscht sich De Palma mit an den Nerven reißender Suspense-Präzision an den Höhepunkt heran. Den kühlen Kopf für die Berechnung der Dramaturgie und die fast schon wissenschaftliche Genauigkeit des Schnitts soll ihm sein Vater, ein Chirurg aus New Jersey, mitgegeben haben.

Die filmische Technik im engeren Sinn hat er von Alfred Hitchcock übernommen. Seinen Vorbildern gönnt er gern Hommagen, die er so elegant in seine Filme integriert, dass sie nie Pastiche bleiben: In „Dressed to kill“ (1980) wird der Flirt einer frustrierten Hausfrau mit einem sonnenbebrillten Unbekannten zum Katz-und-Maus-Spiel im Museum, den klaren Verweis auf eine ähnliche Szene in Hitchcocks „Vertigo“ vergisst man aber schon nach den ersten Sekunden, in denen das Spiel seine ganz eigene Beklemmung entwickelt. Wie die Arbeiten seiner Mitstreiter beim New-Hollywood-Kino, einer Bewegung junger Regisseure (darunter George Lucas, Steven Spielberg oder Martin Scorsese), die sich in den siebziger Jahren vom alten Studiosystem unabhängig machte, sind auch einige De Palma-Filme heute Klassiker der Popkultur. Der am häufigsten zitierte ist wohl der Gangsterfilm „Scarface“ (1983).

Auf einen echten Mafia-Boss in Neapel wirkte er so betörend, dass der eine Villa nach dem Vorbild des pompösen Baus aus Marmor und Gold erschaffen ließ, in dem De Palma Al Pacino als Mafiaboss Drogen schnupfen und Maschinengewehre abfeuern lässt. Noch immer mangelt es De Palma nicht an Ideen. Das nächste Projekt soll ein Horrorfilm werden, der Harvey Weinsteins sexuelle Übergriffe verarbeitet; man muss da wohl mehr befürchten als Blutvergießen. An diesem Freitag aber feiert De Palma erst einmal seinen achtzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot