Kino: „Berlin Alexanderplatz“

Über den Rand der deutschen Wirklichkeit

Von Andreas Kilb
15.07.2020
, 11:52
Burhan Qurbani hat Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ neu verfilmt. Sein Held ist ein Flüchtling aus Afrika, der ins Berliner Drogenmilieu gerät. Kann das gutgehen?

Im Oktober letzten Jahres wurde im Görlitzer Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg eine Statue des amerikanischen Konzeptkünstlers Scott Holmquist aufgestellt. Sie zeigte einen Mann mit afrikanischen Gesichtszügen, der in der rechten Hand ein Mobiltelefon hält, während die linke zur Faust geballt ist. Die Statue, erklärte Holmquist, sei eine Hommage an die Dealer im Görlitzer Park, die „heldenhafte Arbeit“ leisteten, denn sie setzten ihre Freiheit für den Kampf gegen „das Drogenverbot der Gesellschaft“ aufs Spiel. Das Denkmal hieß „Last Hero“. Nach einem Tag wurde es wieder abgebaut. Man kann es auf der Website des Künstlers betrachten.

Das Kreuzberger Dealerdenkmal ist der heimliche Zwilling von Burhan Qurbanis Film „Berlin Alexanderplatz“ – auch wenn man drei Stunden Kino und eine Skulptur nur bedingt vergleichen kann. Auch der Film porträtiert einen Mann aus Afrika, der zu einem Drogendealer-Netzwerk in Berliner Parks gehört, und seine Hauptfigur trägt ebenfalls heroische Züge. Aber anders als Scott Holmquists Heldenstatue kann Qurbanis Film die Vorgeschichte dieses Mannes darstellen. Und anders als ein Bildhauer kann Qurbani diese Geschichte weitererzählen, mit allen Konsequenzen. Dazu bedient er sich einer Vorlage aus den zwanziger Jahren, eines der bekanntesten Romane der deutschen Literatur: Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Das ist sein Geniestreich, seine große Idee, aber damit beginnen auch seine erzählerischen Probleme.

Ein Star aus dem Nichts

Döblins Buch ist schon so lange Schulstoff, dass man davor zurückzuckt, seinen Inhalt noch einmal wiederzugeben; auch Qurbani hat sich, wie er in Interviews berichtet, im Abitur mit der Interpretation der Geschichte abgequält. Aber einiges spricht dafür, dass der Nachruhm des Romans seinen Höhepunkt überschritten hat. Seine Bekanntheit unter deutschen Lesern nimmt ab. Deshalb ist es vielleicht nicht ganz überflüssig, darauf hinzuweisen, dass „Berlin Alexanderplatz“, anders als vielerorts kolportiert, nicht von einem Liebesdreieck handelt, sondern vom Überlebenskampf eines einzelnen Mannes in der Großstadt. Die Idee mit dem Liebesdreieck stammt von Rainer Werner Fassbinder, der den Roman 1980 in eine fünfzehnstündige Fernsehserie verwandelt hat, und seine Wirkungsmacht ist so groß, dass sie bis heute unseren Blick auf Döblins Werk bestimmt. Aber Döblins Idee war eine andere.

Der einzelne Mann heißt bei Döblin Franz Biberkopf und bei Qurbani Francis. Im Film wird er von Welket Bungué dargestellt, einem in Guinea-Bissau geborenen, in Deutschland lebenden portugiesischen Schauspieler. Bungué ist mehr als eine gute Besetzung, er ist ein Fund: eine imposante, athletische Gestalt mit geschmeidigen Bewegungen und einem Gesicht, aus dem das Kino alles herauslesen kann, Gier, Freude, Furcht und Schmerz. Kein Jedermann, ein Star aus dem Nichts.

Der Film beginnt auf dem Meer. Nacht, Wellen, Angstschreie, eine Frau ertrinkt, ein Mann kann sich retten. Er wird an den Strand gespült. Es ist Francis. Dann eine Baustelle in der Mitte Berlins, eine Flüchtlingsunterkunft am Stadtrand, dunkelhäutige Männer, die schwarz arbeiten, deutsche Wörter lernen und auf Feldbetten schlafen. Und ein weißer Mann mit Baseballkappe, der verkrümmt geht wie ein Magenkranker und mit Fistelstimme Drogenverkäufer unter den Flüchtlingen anwirbt: „Ihr habt etwas Besseres verdient.“ Das ist Reinhold, Francis’ Gegenspieler, sein Freund, sein Versucher, sein Teufel.

Döblins Idee bestand darin, in der Geschichte des Franz Biberkopf den Moloch der Großstadt darzustellen – und in ihrem Spiegel das ganze Getriebe der Moderne, die den Menschen und seine Seele auffrisst und verdaut. Qurbanis Idee besteht darin, mit Hilfe von Döblins Figur den Moloch Deutschland zu zeigen: seine Ausbeuter, seine Spießer, sein Glücksversprechen und seine ernüchternde Realität. Dabei ist ihm die filmische Form auf die Füße gefallen. Ein Spielfilm ist kein Epos. Und so kam Fassbinders Liebesdreieck zum Zug. Die Welt, zur Allegorie verdichtet, zieht sich in „Berlin Alexanderplatz“ auf drei Figuren zusammen: Francis, Reinhold und die Frau zwischen ihnen. Fassbinder brauchte einen langen Anlauf zu dieser Lesart, bei Qurbani lag sie schon bereit.

Berliner Beutezüge wie bei Scorsese

Albrecht Schuch hat für seine Darstellung des Reinhold den Deutschen Filmpreis gewonnen. Mit knapp fünfunddreißig ist er da, wo Götz George erst als Schimanski hinkam: bei einer Körperlichkeit, die nichts Gemachtes mehr hat. Gegen die raumgreifende, positive Präsenz von Bungué setzt er seine raumzerstörende. Wo immer Reinhold auftaucht, wird es kalt, der Schauplatz verengt sich, Feindschaft liegt in der Luft. So wie immer dann, wenn Jella Haase als Mieze ins Bild kommt, die Raumtemperatur steigt, als hätte jemand am Heizungsregler gedreht. Haase verkörpert das absolut Gute, und dieses Handicap ihrer Rolle kann sie nicht abschütteln, auch wenn sie bei Bedarf loskreischt und mit den Füßen stampft, dass der Putz von den Altbaudecken bröselt.

Mit Miezes Auftritt in der zweiten der drei Kinostunden von „Berlin Alexanderplatz“ verliert Qurbanis Film schlagartig die Bodenhaftung. Bis dahin hat sich die Geschichte konsequent am Rand der deutschen Wirklichkeit entlang bewegt, im Sprung von einer Episode zu nächsten: der Männerbund zwischen Francis und Reinhold, den die Club-Besitzerin Eva vergeblich zu sprengen versucht; die Dealer-Idylle im Volkspark Hasenheide, in der sich der Flüchtling vom Mannschaftskoch zum Berater hochdient; der Raubüberfall, bei dem Francis von Reinhold aus dem Fluchtauto geworfen wird und seinen linken Arm verliert. Im Kino, hat Qurbani erklärt, sei er eher mit amerikanischen als mit europäischen Filmen aufgewachsen, und das merkt man seiner Regie an. Er weiß, wie man einen nächtlichen Beutezug so inszeniert, dass er wenigstens ein bisschen wie bei Scorsese aussieht. Und die wiederkehrenden Flashbacks, in denen Francis von einem Stier, seinem Seelentier, und einer Geistheiler-Séance phantasiert, sollen zwar schamanistisch wirken, sind aber reinstes Hollywood.

Der Rest ist Melodram

Diese Erzählstrategie des genrehaft aufgemöbelten Realismus bricht mit Miezes Erscheinen zusammen. Sie ist die einzige Figur des Romans, die Qurbani nicht aktualisiert hat, weil er zu ihr kein Äquivalent in der Gegenwart finden konnte. Deshalb betrachtet er sie so, wie Wim Wenders den Engel im „Himmel über Berlin“ betrachtet hat: mit einer Liebe, die an Herablassung grenzt. Aber mit der Bordsteinheiligen der zwanziger Jahre, die hier zum Luxus-Callgirl aufgestiegen ist, drängt auch die biblische Symbolik des Romans zurück in die Geschichte, und an dieser Ladung verschluckt sich der Film.

Bis dahin konnte man verdrängen, dass „Berlin Alexanderplatz“ keine Fortsetzung von „Mean Streets“ ist, sondern ein mittelalterliches Stationendrama. Jetzt aber muss die ganze O-Mensch-Leier abgekurbelt werden, vom „Schnitter, der heißt Tod“ bis zur Hure Babylon mit den sieben Köpfen. Qurbani versucht dagegenzuhalten, indem er den Maskenball, den es auch bei Döblin gibt, als kolonialen Kehraus mit Bungué im Gorillakostüm und Schuch in Tropenuniform inszeniert, aber das Spektakel kann den dramaturgischen Zusammenbruch des Films nicht mehr aufhalten. Der Rest ist Melodram, garniert mit einem Happy-End, das sich aus einer Netflix-Serie auf die Leinwand verirrt hat.

Es gibt Literaturverfilmungen und Filme, die ihre Vorlagen nur als Steinbruch nutzen. „Berlin Alexanderplatz“ ist weder das eine noch das andere, und in dieser Unentschiedenheit liegt sein Manko. Er hat eine Vision, für die er Döblins Roman als Vehikel eigentlich nicht braucht, aber er traut sich nicht, das Buch hinter sich zu lassen. Darin gleicht er dem Kreuzberger Künstler, der ein politisches Statement in die antiquierte Form eines Heldendenkmals kleidet. Um das, was auf Denkmälern und in Filmen zu sehen ist, wird gerade heftig gestritten. In dieser Hinsicht immerhin hat Qurbani alles richtig gemacht. Doch das ist ein schwacher Trost bei einem Film, der so tief Luft holt und so kleinlaut verklingt.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot