Filmfestival Cannes

Ende einer Kreuzfahrt

Von Andreas Kilb
23.05.2022
, 15:38
Noch sonnen sie sich: Szene aus „Triangle of Sadness“
Video
Den Folgen der Globalisierung kann niemand entkommen, ob auf einer Luxusjacht oder in einem rumänischen Dorf. Davon erzählen Filme von Ruben Östlund und Cristian Mungiu im Wettbewerb von Cannes.
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Eine Luxusjacht unterwegs im Mittelmeer. Die Passagiere räkeln sich in der Sonne, die Crew schuftet unter Deck, der Kapitän hat sich in seiner Kajüte verschanzt. Ein russischer Milliardär prahlt, morgen werde er das Schiff kaufen. Ein englisches Ehepaar erzählt von seinen Profiten im Handgranatengeschäft. Eine Badende fordert die Kellnerin auf, sich an ihrer Stelle in den Pool zu setzen. Und eine Frau, die im Rollstuhl sitzt, wiederholt immer dieselben drei Worte: „In den Wolken. In den Wolken.“

Dann zieht ein Seesturm auf. Die Crew serviert das Dinner wie vorgesehen, aber die Gäste können die Leckereien nicht mehr genießen. Einer nach dem anderen erhebt sich vom Tisch und stürzt an die Re­ling oder erbricht sich gleich auf seinen Teller. Der Kapitän und der Oligarch trinken derweil die Bordbar leer und reißen Witze über Marx und Lenin. Das Licht fällt aus. Die Toiletten laufen über. Doch am nächsten Morgen ist der Himmel wieder klar. Nur dass am Horizont jetzt ein Piratenboot lauert. Ge­weh­re werden geladen, Granaten gezückt, das englische Ehepaar bekommt die Durchschlagskraft seiner Produkte zu spüren. Schließlich zerreißt ei­ne Explosion das Schiff. Die Überlebenden retten sich auf eine Insel. Der Kapitän ist nicht darunter. Aber eine Putzfrau.

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Der Schwede Ruben Östlund hat 2017 mit der Satire „The Square“ in Cannes die Goldene Palme gewonnen. In seinem Film „Triangle of Sadness“ macht er mit der globalen Klassengesellschaft ebenso Ernst, wie er sich in „The Square“ über den Kunstmarkt lustig gemacht hat. Aber bevor er uns auf die Insel des kommenden Tages mitnimmt, spielt er ein bisschen Welt­un­ter­gang. Jeder Passagier, der kotzend vom Stuhl fällt, wird von der Kamera einzeln verabschiedet. Das kostet viel Kinozeit. Von den zweieinhalb Stunden, die „Triangle of Sadness“ dauert, sind zwei Drittel Vorspiel, erst dann kommt der Film zur Sa­che. Denn die Putzfrau, die sich im Dingi aus der sinkenden Jacht gerettet hat, ist auf der Insel die einzige, die Fische fangen und Feuer machen kann. Rasch führt sie unter den Überlebenden das Kommando. Einer der Passagiere, Carl, ist Fotomodell. Ihn macht die neue Chefin unter den Augen seiner Freundin zu ihrem Liebhaber. Zur Belohnung füttert sie den Rest der Truppe mit Salzstangen aus ihren Vorräten. Als es einem anderen Passagier gelingt, einen Esel zu erschlagen, der sich im Dickicht verlaufen hat, ist das postsozialistische Ro­binson-Idyll beinahe perfekt.

© The Playlist

Im Kino ist Wirkung eine Frage der Ökonomie. Bei Ruben Östlund läuft die Er­zähl­öko­nomie derart aus dem Ruder, dass man sich an eins jener Feste erinnert fühlt, die erst zu spät anfangen und dann nicht mehr enden wollen. Dennoch bekam sein Film bei der Premiere in Cannes minutenlange Ovationen. Unter den Kritikern, die in der Branchenzeitschrift „Screen“ ihre Wertungen abgeben, gilt „Triangle of Sadness“ als Preisfavorit, was der Gott der Palmen verhindern möge. Immerhin ist Östlunds Werk bislang der Film mit der sichtbarsten deutschen Beteiligung im Wettbewerb von Cannes. Sunnyi Melles tanzt im Badeanzug einen wilden Pas-de-deux mit der Dekadenz, und Iris Berben spielt als Frau im Rollstuhl eine jener Nebenrollen, die man nicht so leicht vergisst.

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Bärenmasken und Ku-Klux-Klan-Mützen

Die Goldene Palme, die der Rumäne Cristian Mungiu in Cannes gewonnen hat, ist zehn Jahre älter als die von Östlund. Mit „R.M.N“ nimmt Mungiu zum vierten Mal am Wettbewerb des Filmfestivals teil. Am Anfang sieht man einen Schlachthof in Deutschland. Ein Arbeiter schlägt einen Kollegen im Streit, läuft weg und macht sich auf den Heimweg in sein Dorf in Siebenbürgen. Dort warten eine launische Geliebte, eine zerrüttete Ehe und ein verschrecktes Kind auf Matthias. Der Kleine hat im Wald etwas Furchterregendes gesehen. Worum genau es sich handelt, werden wir nie erfahren. Aber es könnte sein, dass es ein Bild aus der Zukunft war.

Die Unordnung der Gegenwart kreuzt sich in „R.M.N.“ mit der Angst vor dem, was kommt. Die örtliche Kupfermine ist seit Jahren geschlossen. Eine Großbäckerei, die mit EU-Subventionen aufgepäppelt wurde, kann nur Mindestlöhne zahlen, deshalb werden drei Arbeiter aus Sri Lanka einfliegen. Aber das Dorf, in dem eine bedeutende ungarische und eine aussterbende deutschsprachige Minderheit lebt, verschwört sich gegen die Hilfskräfte. Hassmails werden verschickt, Un­ter­schrif­ten gesammelt, der Pfarrer macht sich zum Sprachrohr des Fremdenhasses. Csilla, die Geliebte von Matthias, ist die Managerin der Bäckerei. Als sie mit den Männern aus Asien Silvester feiert, fliegt eine brennende Fackel durchs Fenster. Die Männer, die draußen warten, tragen Bärenmasken und Ku-Klux-Klan-Mützen. Der Wald ist dabei, die globale Zivilisation zu verschlingen.

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Bilder lassen sich nicht durch Bilder heilen

„R.M.N.“ wäre ein großartiger Film, wenn es ihm gelänge, diese Bedrohung in einfache, klare Bilder zu fassen. Aber Mungiu verzettelt sich beim Versuch, möglichst viele Verhältnisse auf einmal zu schildern, ökonomische, sexuelle, familiäre. Deshalb wirkt seine Geschichte wie eine Fernsehserie, die sich ins Kino verirrt hat. Ihre Fäden laufen auseinander, statt sich zum Drama zu verdichten. Da hilft auch der Auftritt der siebenbürgischen Bären am Ende nicht.

Der iranische Wettbewerbsbeitrag dieses Jahrs spielt in der Stadt Maschhad. Im Herbst 2001, kurz nach den Anschlägen vom 11. September, treibt dort ein Prostituiertenmörder sein Unwesen. Eine Journalistin macht sich auf die Suche nach ihm. Schließlich stellt sie sich selbst an den Straßenrand, um sich vom Täter auflesen zu lassen. Als er versucht, sie zu erwürgen, packt sie ihm an seiner beim letzten Mord verletzten Hand, so dass sie entkommen kann. Als der Serienkiller vor Gericht steht, wird er für die Öffentlichkeit zum Helden. Er ha­be die heilige Stadt Maschdad von Unrat säubern wollen, sagt der Mann, und die Menschen glauben ihm, obwohl die Ka­mera etwas anderes gesehen hat.

Ali Abbasis Film „Holy Spider“ will den Zynismus der iranischen Gesellschaft an­pran­gern. Dabei bedient er sich einer Bildsprache, die selbst Züge von Zynismus hat. Drei Frauenmorde zeigt er ausführlich und in Großaufnahme. Später weidet er sich wie zum Ausgleich am Anblick des ver­ur­teil­ten Täters, der am Galgen erstickt. Aber Bilder lassen sich nicht durch Bilder heilen. Das wichtigste Detail der Geschichte wird nur am Rande er­wähnt: Ali, der Mörder, ist ein Veteran des iranisch-irakischen Konflikts der Achtzigerjahre. Da ist er wieder der Krieg, mit dem alles Unheil anfängt.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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