Filmfestival Cannes

Tod aus der Luft und Überleben am Boden

Von Andreas Kilb
25.05.2022
, 14:58
Ungekünstelt: Joely Mbundu und Pablo Schils in „Tori und Lokita“
Video
Der ukrainische Regisseur Sergej Loznitsa und die belgischen Brüder Dardenne zeigen an der Croisette ihre neuen Filme. Dabei geht es auch um die Frage, wie stark man Bilder manipulieren darf.
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Der ukrainische Regisseur Sergej Loznitsa hat die Demokratisierung seines Landes und den Krieg in der Donbass-Region in einem Spiel- und einem Dokumentarfilm („Donbass“, „Maidan“) festgehalten. Aber er hat auch eine Novelle von Dostojewski verfilmt („Die Sanfte“) und Dokumentationen über die Blockade von Leningrad und das Massaker von Babyn Jar gedreht. Ende Februar trat Loznitsa aus Protest gegen die schleppenden Reaktionen westlicher Künstler auf die russische Invasion der Ukraine aus der Europäischen Filmakademie aus. Mitte März wiederum wurde er aus der Filmakademie seines Heimatlandes ausgeschlossen, nachdem er sich als Kosmopolit bezeichnet und gegen den Boykott russischer Filme ausgesprochen hatte.

Loznitsa, der seit 2001 in Deutschland lebt, sitzt zwischen allen Stühlen, und sein neuer Film „The Natural History of Destruction“, der in Cannes ebenso wie „Mariupolis 2“ von Mantas Kvedaravičius als Sondervorführung im Hauptprogramm lief, wird daran wohl nichts ändern. Der Film beginnt mit Schwarz-Weiß-Bildern einer friedlichen Welt: Schafherden, Ochsenkarren, Fachwerkhäuser, mittelalterliche Mauern, Statuen und Kathedralen. Nach zehn Minuten sieht man das erste Ha­ken­kreuz. Dann sind wir in den Straßen Berlins, die Hakenkreuzdichte nimmt zu. Nach weiteren zehn Minuten tauchen wir in die Nacht des Bombenkriegs. Ein Teppich aus Feuer und aufblitzenden Ex­plo­sio­nen legt sich über die Leinwand.

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Ein Schlaglicht auf den historischen Moment

Danach breitet der Film Ka­pi­tel für Kapitel das Drama der Zerstörung der deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg aus. Wir sehen, wie Bomben- und Jagdflugzeuge gebaut werden. Montgomery spricht vor britischen Rüs­tungs­ar­bei­tern, Furtwängler dirigiert Bruckner im Berliner AEG-Werk. Dann steigen die Bomber auf und verrichten ihr Werk. Unten erkennt man Köln, Ludwigshafen, Heilbronn. Und immer wieder Hamburg. Aus der „Operation Gomorrha“, den An­grif­fen auf die Hansestadt im Juli 1943, stammen die erschütterndsten Bilder des Films. Tote, am Straßenrand aufgereiht, Leichen in Kirchen und auf Plätzen. Zwischendrin ein Neugeborenes.

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© LOOKSfilm

Wenn man sich fragt, warum Loznitsa nicht auch Archivaufnahmen aus Dresden verwendet, wo das Grauen noch größer war, kommt man der Idee des Films auf die Spur. Der ukrainische Regisseur wollte eben keine Anklage formulieren, sondern einen Vorgang beschreiben, die Ausdehnung des Krieges auf die Zivilbevölkerung. „The Natural History of De­struc­tion“ entstand nach den Essays des deutschen Schriftstellers W.G. Sebald über „Luftkrieg und Literatur“ (deren englische Ausgabe denselben Titel trägt wie der Film), aber sein aktueller Auslöser war die Zerstörung Aleppos im sy­ri­schen Bürgerkrieg. Jetzt, nach Putins Überfall auf die Ukraine, bekommen seine Bilder eine zusätzliche Tiefenschärfe. Loznitsa hat sein Material nachvertont und mit Musik unterlegt, ein klarer Verstoß gegen die Regeln des dokumentarischen Handwerks. Aber der Film wirft trotzdem ein Schlaglicht auf den historischen Moment. In Cannes wollte ihn je­der sehen, der ein Ticket bekam.

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Die Darsteller tricksen nicht, sie geben sich hin

Im Wettbewerb zeigten derweil die Dardenne-Brüder ihr neues Werk. „Tori und Lokita“ beginnt mit einem Verhör bei der belgischen Einwanderungsbehörde. Lokita soll schildern, wie sie ihren kleinen Bruder in ei­nem Waisenhaus gefunden hat, und man begreift sofort, dass die beiden keine Geschwister sind. Sie bilden eine Notgemeinschaft: Lokita be­schützt Tori, und der Junge hilft ihr, das Geld zu verdienen, das sie ihrer Mutter nach Afrika schicken will. Aber die Schlepperbande, die sie nach Belgien ge­schleust hat, nimmt Lokita fast alles wieder ab, und die Behörden glauben nicht an ihre Erzählung. Um eine ge­fälschte Aufenthaltsgenehmigung zu be­kommen, lässt sich das Mädchen als Hilfskraft in einer illegalen Cannabisfarm einsperren. Toris Versuche, zu ihr zu gelangen, lösen die Katastrophe aus, auf die der Film unbarmherzig zusteuert.

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© The Upcoming

„Tori und Lokita“ ist sicher nicht der beste Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne, für die Cannes längst so etwas wie eine Dauerausstellung ihres kinematographischen Schaffens ge­worden ist. Dennoch hat das, was sie zeigen, einen wesentlichen Vorzug gegenüber all den anderen Geschichten auf dem Laufsteg des Festivals: Es wirkt nicht gekünstelt. Die Darsteller, die Jean-Pierre und Luc Dardenne vor die Kamera holen, sind Laien, sie tricksen nicht, sie glänzen nicht, sie geben sich hin. Das verleiht der Tragödie von Tori und Lokita eine Unmittelbarkeit, die man im Kino sonst meistens vergeblich sucht. Es ist wahr, diese Geschichte ist überwältigend schlicht. Aber manchmal, in ihren größten Momenten, ist sie schlicht überwältigend.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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