Filmfestival von Cannes

Chirurgie ist der neue Sex

Von Andreas Kilb
28.05.2022
, 12:29
Cannes’ ganzer Glamour - die indische Schauspielerin Aishwarya Rai auf dem roten Teppich bei der Premiere des Films „Armageddon Time“.
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Lebe wohl, Babylon: Tom Cruise kam zum 75. Geburtstag, im Wettbewerb überzeugten vor allem die Filme von Veteranen wie Cronenberg und den Dardenne-Brüdern. Ein Rückblick auf das Festival.
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Sein stärkstes Zeichen setzte das Festival gleich zu Beginn. Die Patrouille de France, die Kunstflugstaffel der französischen Luftwaffe, malte mit den Düsen ihrer Alpha Jets eine Trikolore in den Himmel über der Croisette. Die Ehrung galt keinem einheimischen Film, sondern der Fortsetzung des 36 Jahre alten Blockbusters „Top Gun“, und der Mann, der sie entgegennahm, war nie Stammgast in Cannes: Tom Cruise.

Nachdem ihn das Galapublikum im Festivalpalast mit stehenden Ovationen gefeiert hatte, sagte er den entwaffnendsten Satz, den ein Hollywoodschauspieler zu seinen Fans sagen kann: „Ihr seid mein Leben.“ So umarmten sie sich, der Star und das Festival, dessen roter Teppich zu den Sternen führt. Auf den Film, der anschließend gezeigt wurde, kam es nicht mehr an. Man sollte solchen Versöhnungen nicht trauen. Diesmal musste man es.

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Kurz zuvor, bei einer Fragestunde (hier heißt sie „Rendezvous“) vor tausend Zuhörern im zweitgrößten Festivalkino, hatte man allerdings erfahren, dass die Jugendlichkeit, die Cruise in „Top Gun: Maverick“ immer noch ausstrahlt, das Ergebnis harter Arbeit und schmeichelhafter Beleuchtung ist. Der knapp Sechzigjährige sieht jetzt nicht wie der junge Tom aus, sondern mehr wie der späte James Garner.

Von den besten in die gerade noch guten Jahre

Aus den besten Jahren wechselt er in die gerade noch guten. Das gilt auch für das Festival, das in diesem Jahr 75 wird, aber dieses Jubiläum nur bedingt wahrhaben will. Zwar hängen überall in den Straßen und an jedem Bauzaun Poster von damals, als Romy Schneider, Marcello Mastroianni, Martin Scorsese und tutti quanti in Cannes Hof hielten. Aber die Handvoll Filmklassiker, die man für diesen Anlass restauriert und digitalisiert hat, läuft in kleinen Sälen oder nachts an einem fernen Strand.

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Tom Cruise in Cannes
Spektakel bei Premiere von „Top-Gun“-Fortsetzung
Video: Reuters, Bild: AP

Dabei schaut dem Festival sein Alter aus jedem Knopfloch. Diesmal lief kein einziger Debütfilm im Wettbewerb. Dafür stammten zwei Drittel der Beiträge von Regisseuren, die schon mindestens einmal einen der Hauptpreise gewonnen haben. Das gilt auch für den Schweden Ruben Östlund und die belgischen Dardenne-Brüder, die eine Dauerkarte für das Rennen um die Goldene Palme zu besitzen scheinen.

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Und siehe da, beide – oder besser: alle drei – erfüllten die Erwartungen, die mit der Einladung nach Cannes verbunden sind. In der ersten halben Stunde von Östlunds „Triangle of Sadness“ sieht man ein junges Paar (beide sind Models), das sich über Geld- und Genderfragen streitet. Dann checken die beiden auf einer Luxusyacht ein, die irgendwo im östlichen Mittelmeer herumkreuzt.

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Wie in einem Hotelfilm werden die übrigen Gäste vorgestellt: ein versoffener Kapitän (Woody Harrelson), ein russischer Oligarch, ein britisches Ehepaar, dessen Firma Landminen produziert, eine Frau im Rollstuhl (Iris Berben) und eine champagnersüchtige Blondine (Sunnyi Melles). Man sonnt, mästet und langweilt sich, dann zieht ein Sturm auf, und aus dem Lustkahn wird ein Narrenschiff.

Lustkahn und Narrenschiff

Alles kreischt und kotzt (nur der Kapitän und der Oligarch saufen weiter und reden dabei über Marx und Lenin), bis ein Piratenboot am Horizont auftaucht und die Yacht versenkt. Die Überlebenden retten sich auf eine Insel.

Noch ist es lustig - eine Szene aus „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund.
Noch ist es lustig - eine Szene aus „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund. Bild: Festival de Cannes

Und hier wird „Triangle“ interessant. Denn die Putzfrau, die im Rettungsboot angetrieben wird, kann als einzige unter den Schiffbrüchigen Fische fangen und Feuer machen. Deshalb führt sie auf der Insel bald das Kommando, sie verteilt die Vorräte und nimmt sich den Fotomodell-Jüngling als Bettgenossen.

Diese kollektive Robinson-Phantasie würde man gern in allen Einzelheiten ausbuchstabiert sehen, aber der Film hat bis zum Yachtuntergang schon hundert Minuten gebraucht, sodass ihm für sein Finale nur eine gute Dreiviertelstunde bleibt. Auf diese Weise verschenkt Östlund eine der besten Ideen, die das Kino in diesem Jahr gehabt hat. Der Szenenapplaus, den „Triangle of Sadness“ in Cannes bekam, und der Preis, den er vermutlich gewinnen wird, sind der Lohn für die Pointen, nicht für das falsche Timing dieses unausgegorenen Films.

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Am anderen Ende der Skala möglicher Filme zum Thema Globalisierung und Klassengesellschaft liegt der neue Film der Dardennes: „Tori et Lokita“. Tori und Lokita geben vor, Geschwister zu sein, damit das Mädchen eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt und für den Jungen sorgen kann, den es auf einem Flüchtlingsboot aus Afrika getroffen hat. Aber die Geschichte, die Lokita den Behörden erzählt, ist nicht stimmig, und so kann auch die Geschichte von ihr und Tori nicht gut ausgehen.

Eine Szene aus David Cronenbergs Wettbewerbsbeitrag „Crimes of the Future“.
Eine Szene aus David Cronenbergs Wettbewerbsbeitrag „Crimes of the Future“. Bild: Nikos Nikolopoulos

Auf dem Weg dorthin wird ein knappes Panorama der westeuropäischen Willkommensgesellschaft entfaltet: ein Pizzabäcker, der Tori und Lokita als Drogenkuriere einsetzt, ein Kartell, das illegale Cannabisfarmen betreibt, Schleuser, die ihre Opfer ausbeuten, dazu wohlmeinende Heimleiterinnen und Bürokraten.

Im Kino darf man sich auf die Instinkte verlassen

Das alles ist ohne große Kunstanstrengung inszeniert, und ein Kenner des Werks von Jean-Pierre und Luc Dardenne könnte jetzt sagen, dass die Brüder schon bessere Filme gedreht haben. Aber im Kino darf man sich auf seine Instinkte verlassen, und deshalb hatte „Tori et Lokita“ in Cannes jeden Preis verdient. Ein Film mit Bodenhaftung, eine Geschichte von heute, ganz anders als „Top Gun“ und auch alles andere, das derzeit im Kino läuft.

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Jeden Tag lag ein anderes Kreuzfahrtschiff in der Bucht von Cannes. Nachts waren die Riesenkästen rot erleuchtet. Nur das Schiff am Anfang von David Cronenbergs „Crimes of the Future“ blieb dunkel. Es war auf ein Riff gelaufen: totes Metall. So tot wie die Welt, in der Cronenbergs Geschichte spielt. Die globale Zivilisation ist in „Crimes of the Future“ an sich selbst zerschellt, nur ihre steinernen Reste stehen noch.

Aber darunter, in den Körpern der Lebenden, regt sich etwas, keimt die Saat der Zukunft. Die einen haben gelernt, Plastik zu verdauen, das sie zermahlen und in schokoladentafelgroße Brocken pressen. Die anderen leiden an etwas, was als „akzeleriertes Evolutions-Syndrom“ bezeichnet wird: Sie produzieren unablässig neue Organe.

Szene aus „Tori et Lokita“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne.
Szene aus „Tori et Lokita“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Bild: Festival de Cannes

Zu ihnen gehört Saul Tenser (Viggo Mortensen), der mit seiner Frau Caprice (Léa Seydoux) ein Künstlerduo bildet. Die beiden inszenieren die Entnahme der überschüssigen Organe aus Sauls Körper als Live-Performance. Manchmal legen sie sich auch zu zweit unter die ferngesteuerten Skalpelle: Chirurgie, heißt es in „Crimes of the Future“, sei der neue Sex. Die Behörden aber wollen Saul bei den Plastikessern einschleusen, um deren Netzwerk zu zerschlagen. Das geht schief, wie fast alles in der Geschichte, aber im Scheitern liegt gerade das Glück dieses Films.

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Der 79-jährige Cronenberg kam nach Cannes wie ein König auf Abschiedstour. Er hat es nicht mehr nötig, Kinokassen zu füllen, Preise zu gewinnen, Produzenten zu beglücken. So ist auch sein Film eine Art Lebewohl. Alles taucht noch einmal auf: der Körper als Brutstätte, die Kreuzung von toter und belebter Materie, das Dreieck aus Lust, Verstümmelung und Tod.

Kleine Fluchten in die Welt von Kindheit und Jugend

Selbst den Filmtitel hat Cronenberg vor fünfzig Jahren schon einmal verwendet. Man könnte sein neues Werk, in Anspielung auf einen Film von Fellini, „Cronenbergs Schiff der Körper“ nennen. Nur dass es eben nicht fährt. Es liegt still und brütet traumhafte Bilder aus.

Von solchen Bildern hätte man sich mehr gewünscht im Wettbewerb des Festivals. Falls die Corona-Pandemie, wie manche meinen, die Phantasie der Regisseure beflügelt hat, dann war davon in diesem Jahr noch nichts zu sehen. Stattdessen flüchteten viele Filme in die Welt der Kindheit und Jugend, um dort den Schlüssel für die Gegenwart zu finden.

Die schönste dieser Zeitreisen war Valeria Bruni-Tedeschis „Les Amandiers“, die Geschichte einer Gruppe junger Schauspieler, die in den Achtzigerjahren an der Theaterschule von Patrice Chéreau (gespielt von Louis Garrel) im Pariser Vorort Nanterre aufgenommen werden. Bei Bruni-Tedeschi hat die Vergangenheit keinen Goldschleier, ihre Figuren durchleben jeden Moment, als gäbe es kein Morgen, ganz gleich, ob es um die Angst vor Aids, das Versagen in den Proben oder den Selbstmord eines der Protagonisten geht.

Diese Unbedingtheit hebt ihren Film über vergleichbare Erinnerungstrips bei James Gray (dessen „Armageddon Time“ ein Liebling der Filmkritiker in Cannes war) und Mario Martone (der in „Nostalgia“ ein neapolitanisches Familienalbum aufblätterte) hinaus, und sie zeigt zugleich, worum es im Kino der Nostalgie eigentlich geht: darum, dass auch das unwiederbringlich Verlorene reine Gegenwart wird. Nur so spürt man den Schmerz darüber, dass es verloren ist.

Cannes als Festung gegen die Streamingportale

Cannes, das war einmal der Kreuzungspunkt von Hollywood und Europa, das beste aus beiden Welten, Babylon und Götterhimmel des Kinos – hier die amerikanischen Produzenten und ihre Deals im Hotel Majestic, dort die Meister der siebten Kunst und ihre Filme im Festivalpalast. In diesem Jahr aber wurde keine neue Hundert-Millionen-Dollar-Produktion auf den Plakatwänden an der Croisette angekündigt.

Die Superheldenfilme, in die heute das große Geld der Studios fließt, erleben ihre Premiere anderswo, und die Streaming-Serien, auf deren Umsätze die audiovisuelle Indus­trie ihre Hoffnungen setzt, bleiben vom Festival an der Côte d’Azur ausgeschlossen. So gleicht es mehr und mehr einer Festung, die ihre Mauern verstärkt und ihre Eingänge verriegelt, obwohl der Felsen, auf dem sie steht, Jahr für Jahr brüchiger wird. Das kann noch eine Weile so weitergehen. Aber nicht weitere 75 Jahre.

Der schönste Dialog des Festivals stammt aus Claire Denis’ Wettbewerbsfilm „Stars at Noon“ (der in jeder anderen Hinsicht eine Enttäuschung war). „Sind Sie käuflich?“ – „Ich bin von der Presse.“ – „Sind wir nicht alle von der Presse?“ – „Dann sind wir alle käuflich.“ Lebe wohl, Babylon.

Quelle: F.A.S.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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