FAZ plus Artikel„Nomadland“ von Chloé Zhao

Heimatbilder ohne Rast

Von Verena Lueken
13.04.2021
, 10:48
Am Rand von allem Land muss man sich sowohl mit dem Verstand wie mit dem Herzen orientieren: Fern (Frances McDormand) denkt ins Weite.
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Vergangenes Jahr gewann Chloé Zhaos Film „Nomadland“ in Venedig, jetzt gewinnt er britische Preise und gilt als Oscar-Favorit. Was für eine eigenartige Sachbuch-Verfilmung ist das?
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Was ist ein Mensch ohne Haus? Obdachlos? Nicht unbedingt. Ohne Haus, sagt Fern, als sie in einem Baumarkt eine Bekannte trifft, die sie darauf anspricht, bedeute nicht: ohne Heim. In den Vereinigten Staaten, wo das Eigenheim einem Fetisch gleichkommt, ist das einerseits eine erstaunliche Aussage. Unterwegssein, herumziehen, der Arbeit nach oder einem Traum hinterher, das ist, andererseits, der gegenläufige Teil der Mythologie. Fern ist eine Nomadin. Dazu kam es, weil in dem Ort Empire, in dem sie als Aushilfslehrerin mit ihrem Mann lebte, bis er starb, die Fabrik zumachte, die Empire seine Existenzberechtigung gab. Der Ort hörte auf zu existieren. Die Menschen verschwunden, die Baracken, zugenagelt, dem Verfall preisgegeben, die Postleitzahl eingezogen.

Fern ist eine der Letzten, die geht. Wenn der Film „Nomadland“ beginnt, packt sie gerade einen alten Teller, der sie an etwas erinnert, das sie nicht vergessen will, und wenige andere Dinge in ihren Van. Mit ein paar Decken und Kissen hat sie sich eine Schlafnische darin eingerichtet, einen Eimer als Klo hingestellt, einen Kocher, den sie mit nach draußen nehmen kann, und das Vehikel Vanguard getauft, ein tautologischer, ein generischer Name und doch nicht ohne Zuneigung, wie sich spätestens zeigt, als der Motor aufzugeben droht. Der Wagen ist ihr Transportmittel und wird ihr Heim. Von Empire, dem Ort, der nicht mehr ist, bricht Fern auf. Schneeregen draußen, kalte Nässe auch drinnen. Auf leerer Straße irgendwohin hält sie an, steigt aus und hockt sich ins Feld, um zu pinkeln. In ihrem Blickfeld nichts als flaches Land mit ein paar niedrigen Sträuchern und einigen Flecken Schnee darauf.

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Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
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