Romanverfilmung „München“

Der Diktator und der Diplomat

Von Andreas Kilb
13.01.2022
, 13:08
Der Frieden, den er bringt, wird nicht lange halten: Jeremy Irons als Neville Chamberlain in „München“
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Christian Schwochow hat einen Roman von Robert Harris über die Münchner Konferenz verfilmt. In „München – Im Angesicht des Krieges“ glänzt vor allem Ulrich Matthes als Hitler.
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Zu Hitler, dachte man, ist im Kino alles ge­sagt. Chaplin, Alec Guinness und Anthony Hopkins haben ihn gespielt, und dann hat Bruno Ganz den sterbenden Diktatur mit Brüllen und Fuchteln endgültig ins kollektive Bildergedächtnis eingebrannt. Der Rest sind Nebenrollen. Aber das täuscht. Die Figur lebt, und man erkennt es daran, dass sie große Schauspieler immer wieder zu einzigartigen Anverwandlungen reizt. Der vorerst letzte in der Reihe ist Ulrich Matthes – ausgerechnet Matthes, von allen Hitler-Darstellern nach Chaplin wohl derjenige, der Hitler am wenigsten ähnlich sieht. In Oliver Hirschbiegels „Untergang“ hat er im Schatten von Bruno Ganz mit eisiger Verve den hohlwangigen, hohläugigen Joseph Goebbels gespielt. In Christian Schwochows Verfilmung von Robert Harris’ Roman über die Münchner Konferenz verkörpert er nun den „Führer“.

In „München – Im Angesicht des Krieges“ geht es, kurz gesagt, darum, dass Hitler in dem diplomatischen Pokerspiel, das am 29. und 30. September 1938 in München stattfand, als Verlierer vom Platz geht, obwohl er die besseren Karten hat: eine Erzählung, die einigermaßen quer zu den klassischen Deutungen des Geschehens steht. Um sie plausibel zu machen, hat Harris eine Art dramaturgisches Viereck konstruiert, in dem den historischen Protagonisten, also dem deutschen Diktator und dem britischen Premierminister Chamberlain, jeweils eine fiktive Figur zugeordnet ist.

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Im Fall Hitlers ist das der Diplomat Paul von Hartmann, der im Film von Jannis Niewöhner gespielt wird. Harris ging es in seinem 2017 erschienenen Roman um eine Eh­renrettung Chamberlains, dessen Ap­pea­se­ment-Politik dem britischen Empire die lebensnotwendige Frist zur Nachrüstung seiner Flotte und seiner Luftstreitkräfte verschaffte. Schwochow dagegen will auch die Ehre der deutschen Diplomatie retten. Deshalb baut er die Szene, in der von Hartmann Hitler in dessen Münchner Privatwohnung gegenübertritt, zum historischen Schlüsselmoment aus.

© YouTube/Trailer auf Deutsch

Es ist die letzte von vier Begegnungen zwischen von Hartmann und dem Alleinherrscher des „Dritten Reiches“ und die entscheidende. Bei den ersten drei Treffen hat Hitler den jungen Attaché provoziert und verspottet, er hat ihn als Klugscheißer abgekanzelt, sich seine Uhr geliehen und sie ihm unter dem Gelächter der abendlichen Tischgesellschaft im „Führerbau“ zu­rück­gegeben. Diesmal aber hält von Hartmann eine Pistole in der Hand. Er verbirgt sie in einer Mappe mit Presseberichten, die er Hitler überreichen soll, und er ist entschlossen, sie zu benutzen. Aber er zögert, seine Hand zittert, während er dem Diktator auf dessen Frage nach der Stimmung im Volk antwortet, die Deutschen hätten Angst vor einem kommenden Krieg.

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Der „Führer“ hat den Blick eines Reptils

In diesem Augenblick hängt alles an Ul­rich Matthes. Bei den Dreharbeiten ist Matthes für Martin Wuttke eingesprungen, der in Quentin Tarantinos „Inglourious Ba­sterds“ den braunen Kanzler gespielt hat. Wuttkes Hitler war einer, den man erschießen konnte (was bei Tarantino dann auch geschah). Matthes’ Hitler ist es nicht. Er hat die Körperspannung eines Androiden und den Blick eines Reptils. Am erstaunlichsten ist aber, was Matthes mit seiner Stimme macht. Er hält sie immer knapp unterhalb der Schwelle, an der sie schneidend wird, so wie sein Mund stets kurz vor dem Zuschnappen innehält. Das viel be­schwo­re­ne Charisma des „Führers“ übersetzt Matthes in eine Mechanik der Selbstkontrolle. Hitlers Paladine lieben ihn, weil er sie verschont. Kälter, präziser kann man die Aura des Diktators nicht umreißen.

Die Besetzung von Matthes ist einer von zwei Glücksfällen, die Schwochows „München“ aus dem Durchschnitt der Netflix-Spielfilmproduktionen herausheben. Der zweite betrifft die Inszenierung der Außenaufnahmen. Die Handlung des Romans spielt größtenteils in Innenräumen, worüber sich auch der Film nicht hinwegsetzen kann. In den wenigen Szenen im Freien aber entwerfen Schwochow und sein Ka­me­ra­mann Frank Lamm ein Panorama der Un­ru­he. Die Straßen sind voller Menschen, Autos pflügen durch die Menge, selbst in Bierkellern gibt es keinen un­be­lausch­ten, unbeobachteten Moment. Aus Lautsprechern quillt Marschmusik, je­der Schritt hallt auf dem Straßenpflaster nach. Der Alltag des „Dritten Reiches“ flimmert im Vorgefühl künftigen Unheils.

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Die deutsch-englische Freundschaft bleibt ein Konstrukt

In dieses Land am Rande der Panik reist Neville Chamberlain mit seinem unerbittlichen Friedenswillen. In der Geschichte, die Robert Harris erzählt, ist Chamberlain die Hauptfigur, und daran ändert sich auch im Film nichts, schon deshalb, weil Jeremy Irons den britischen Premier mit derselben souveränen Abgeklärtheit spielt, mit der er auch einen Borgia-Papst oder den Patriarchen der Modefirma Gucci verkörpert. Aber das Historische al­lein ergibt noch keine Story, und darum hat Harris in das Duell der Staatsmänner einen fiktiven Handlungsstrang eingebaut, der von der Begegnung zwischen Paul von Hartmann und seinem Studienfreund Hugh Legat (George MacKay) erzählt. Le­gat gehört inzwischen zum Kreis um Chamberlains, während von Hartmann Kontakte zur militärischen Op­po­si­tion um Ludwig Beck unterhält. Als der britische Geheimdienst erfährt, dass von Hartmann im Besitz des sogenannten Hoßbach-Protokolls ist, in dem Hitlers Ex­pan­sions­pläne in Europa festgehalten sind, wird Le­gat nach München geschickt, um die Papiere an sich zu bringen.

Es ist klar, dass die Handlung ein Kon­strukt ist, mit dem Harris komplexe historische Vorgänge versinnbildlicht. Im Ro­man wird diese Schwäche durch Per­spek­tiv­wechsel und Spannungsbögen überdeckt. Im Film tritt sie offen zutage. Für die Szenen etwa, in denen das Studentenleben Legats, von Hartmanns und ihrer jüdischen Bekannten Lenya (Liv Lisa Fries) geschildert wird, fehlt Schwochow das erzählerische Material, so dass die Freundschaft der Männer reine Behauptung bleibt. Auch das Ehedrama des Briten und die Liebschaft des Deutschen mit einer Generalsgattin (Sandra Hüller) wirken wie angeklebte Or­na­men­te. So einfach lässt sich Geschichte eben doch nicht lebendig machen.

Es sei denn, man heißt Ulrich Matthes. Als Paul von Hartmann Hitler von der Friedenssehnsucht der Menschen erzählt, steht diesem der Ärger über den verhinderten Feldzug gegen die Tschechoslowakei ins Gesicht geschrieben. Aber er zuckt nicht, als von Hartmann in seine Mappe greift. Die Pistole bleibt in ihrem Versteck, das Attentat findet nicht statt. Wir wissen, was anschließend geschah. Durch Matthes er­fah­ren wir auch, warum.

Seit vergangener Woche im Kino, ab 21. Januar auf Netflix.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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