Film „Corpus Christi“

Psalm Nummer Dreiundzwanzig

Von Bert Rebhandl
03.09.2020
, 09:43
Ein junger Mann kommt aus dem Gefängnis und wird für einen Priester gehalten. In Jan Komasas Film „Corpus Christi“ füllt Bartosz Bielinia diese Rolle besser aus, als es ein bloßer Betrüger je könnte.

Ein junger Mann namens Daniel hat ein besonderes Talent. Er kann den Psalm 23 so singen, dass sich alle davon getröstet fühlen, selbst die wirklich harten Jungs im Gefängnis, in dem Daniel gerade sitzt. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ – das heimliche Leitmotiv für den Film „Corpus Christi“ von Jan Komasa. Daniel steht kurz vor der Haftentlassung auf Bewährung. Und er würde nun am liebsten ganz in den Dienst Gottes treten. Bisher war er nur Messdiener bei einem Häftlingsseelsorger, nun möchte er selbst Priester werden. Aber das geht nicht, nicht mit seiner Vorstrafe. Stattdessen soll er sich bei einem Sägewerk in der tiefen polnischen Provinz melden. Er steht dann dort auch schon fast vor der Tür, macht aber noch einmal kehrt, und geht zur Dorfkirche. Und in diesem Moment sorgt der Herr zum ersten Mal für ihn.

Er lässt es nicht mangeln an ein paar Zufällen, die es mit sich bringen, dass Daniel, der aus dem Gefängnis noch einen Klerikerkragen bei sich trägt, für einen Geistlichen gehalten wird. Der alte Vikar wähnt einen jungen Pilger vor sich und bittet ihn prompt, ihn ein paar Tage zu vertreten. Mit seinen kurz geschorenen Haaren und seinem stechenden Blick kann man den jungen Mann ohne Weiteres für einen Asketen halten. Dass er auch unter Rowdies bestehen könnte, ahnt natürlich niemand.

Schon früh lässt Jan Komasa das entscheidende Stichwort fallen. Unter den christlich Gläubigen können alle Priester sein, Männer, Frauen, Geweihte und auch Sünder. Das allgemeine Priestertum war nie ganz vergessen, wurde aber in der Aufbruchsperiode der Katholischen Kirche rund um das Zweite Vatikanum wieder stärker in den Vordergrund gerückt. Jan Komasa und der Drehbuchautor Mateusz Pacewicz machen sich mit „Corpus Christi“ erzählend Gedanken darüber, wie in einem konservativ katholischen Land wie Polen so etwas wie ein Priestertum von den Rändern der Gesellschaft her aussehen könnte. Wie wichtig der Ortspfarrer als soziale Figur immer noch ist, konnte man kürzlich zum Beispiel auch der Serie „Signs“ entnehmen, die auf Netflix läuft, und die deutlich auf ein repräsentatives Soziogramm des heutigen, ländlichen Polen hinaus will.

Der falsche Priester als Rockstar

Die Welt, in die Daniel kommt, gleicht der von „Signs“ in vielerlei Hinsicht. Es gibt einen mächtigen Bürgermeister, der fast so etwas wie ein lokaler Magnat ist, ihm gehört klarerweise das Sägewerk. Es gibt Jugendliche, die sich in der Kirche nie blicken lassen, und die es auf ihren Partys ordentlich krachen lassen. Und es gibt den Pfarrhaushalt, eine Frau namens Lidia sorgt dafür, dass der selbstverständlich zölibatär lebende Priester zumindest leiblich nicht verhungert.

Wie man eine Beichte abnimmt, kann Daniel noch schnell aus einer Suchmaschine improvisieren, dann muss er auch schon die erste Buße verfügen, also gibt er der Frau, die ihren Sohn geschlagen hat, eher so etwas wie einen therapeutischen Vorschlag mit auf den Weg als eine Strafe. Was aus Daniel in diesem Moment spricht, würde man religiös als den Geist Gottes bezeichnen, man kann es aber auch ganz einfach für gesunden Menschenverstand halten. Beim ersten Gottesdienst, bei dem Daniel im kostbaren Gewand vor die Gläubigen tritt, zeigt er sich auch als Showtalent. Auch hier hält „Corpus Christi“ genau die Balance: Charisma gibt es als religiöse wie als irdische Geistesgabe. Man kann hinter den unorthodoxen Auftritten von Daniel (der sich als Prieser Tomasz nennt) auch eine kleine Geschichte der Reformen der christlichen Liturgie und überhaupt der Veränderungen des klerikalen Habitus seit den 60er Jahren sehen. Viele Menschen, die einschlägig sozialisiert wurden, werden sich noch an die ersten Popmessen erinnern, an die ersten Kapläne mit langen Haaren, und an die ersten Soziologen in Soutane. All das erledigt Daniel intuitiv.

Auf Netflix kann man inzwischen auch schon Komasas nächsten Film „Hater“ sehen, und da gibt es den ziemlich schroffen Gegensatz zu dem mindestens landschaftlich idyllischen Polen. Der „Hasser“ ist dort ein junger Mann, der aus dem Dorf nach Warschau kommt, und auf eine Elite trifft, die fast schon arrogant wirkt in ihrer Weltgewandtheit. Während alle noch glauben, er wäre ein fleißiger Student der Rechte, driftet dieser Tomasz in eine Welt der digitalen Manipulation ab, er wird zu einem Stalker, der davon profitiert, dass der Umgang mit sozialen Netzwerken noch von den Verführungen der Influencer-Generation geprägt ist. Als ein stellenweise plakatives, aber auch geschickt pointiertes Bild des (nicht nur) polnischen Schismas mag „Hater“ auch taugen, weil eine wesentliche Intrige schließlich den Bürgermeister von Warschau betrifft – eine Figur, die deutlich auf liberale Identifikationsfiguren in der politischen Landschaft Polens gemünzt ist.

In „Corpus Christi“ gelingt es Komasa vor allem mit einem dramaturgischen Kunstgriff, die Funktion von Daniel geschickt zu akzentuieren. Er findet das Dorf nämlich nach einem Verkehrsunfall mit mehreren Todesopfern in Trauerarbeit vor. Hier wird die Amtsanmaßung endgültig spannend, denn die Erzählung wird nun auch zu einer Reflexion darauf, welche Institutionen eine Gemeinschaft braucht, um mit sich selbst zurechtzukommen.

Das Drehbuch von Mateusz Pacewicz legt hier den Schwerpunkt vor allem auf die Rivalität zwischen dem Bürgermeister und dem jungen „Priester“. Zugleich erweist sich „Corpus Christi“ als starker Ensemblefilm, der die weit verzweigten Konfliktlinien einer Serie wie „Signs“ auf knapp zwei Stunden verdichtet. Nebenbei wächst ständig die Gefahr, dass irgendjemand das doppelte Spiel von Daniel/Tomasz durchschaut. Aber mit Blick auf den Psalm 23 und die „Gewissheit“, dass „der Herr“ in seiner Rätselhaftigkeit es an nichts mangeln lässt, geht das doppelte Spiel von „Corpus Christi“ mustergültig auf: als ein Miteinander und Gegeneinander nun nicht mehr von Gott und Menschen, sondern von Religion und Kunst, und deren korrespondierenden Funktionen. Davon hat Daniel keine Ahnung, außer dass er in manchen Momenten wirkt wie ein Rockstar unter dem Bilde Jesu.

Quelle: F.A.Z.
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