Daniel Cohn-Bendit

Auf der Suche nach der jüdischen Identität

Von Claudia Schülke
08.09.2020
, 17:13
Daniel Cohn-Bendit fühlt sich auf seine alten Tage umgetrieben von der Frage nach seiner jüdischen Identität. Der 75 Jahre alte Mann hat darüber einen Film gedreht, der bei den Jüdischen Filmtagen in Frankfurt zu sehen ist.

Der Vater Erich Cohn-Bendit war bekennender Atheist, die Mutter engagiert in ihrer jüdischen Gemeinde. Der Sohn ist es nicht, er geht auch nicht in die Synagoge. Aber er ist Sohn einer Jüdin, und im Judentum gilt die mütterliche Abstammung. Daniel Cohn-Bendit, einst Revoluzzer, Politiker der Grünen, erster Dezernent für Multikulturelle Angelegenheit in Frankfurt und Europa-Politiker, soeben 75 Jahre alt geworden, fühlt sich auf seine alten Tage umgetrieben von der Frage nach seiner jüdischen Identität.

Ein Buch dazu ist in Arbeit, aber vorher hat der Wahlfrankfurter mit Niko Apel, dem Sohn seiner Frau, einen Film gedreht. Das Kino Mal seh’n hat ihn nun für die dritten Jüdischen Filmtage in sein Programm aufgenommen, als Premiere. Dafür kann man nur dankbar sein. Denn der Dokumentarfilm, den nach Angaben Cohn-Bendits kein deutscher Sender zeigen will, zeigt nicht nur den Autor auf der Suche nach seiner jüdischen Identität, sondern jüdische Identität aus vielen Perspektiven. Der Titel „Wir sind alle deutsche Juden“ spielt auf den Kampfruf einer Demonstration 1968 in Paris an.

Cohn-Bendit spricht in dem Film zuerst seine vor bald 60 Jahren verstorbene Mutter an: „Maman, durch dich bin ich Jude. Dir habe ich den ganzen Schlamassel zu verdanken. Ich würde dich gern fragen...“ Ein Foto zeigt ihn 1945 an der Brust seiner Mutter. Die Eltern waren 1933 nach Frankreich geflohen, erst nach Paris, dann nach Moissac im Süden. Dort traf er nun seinen neun Jahre älteren Bruder. Gabriel, genannt Gaby, mit dem er in einer „intellektuellen Symbiose“ lebe, will kein Jude sein. Er will sich nicht von anderen in eine Identität sperren lassen. Die Sängerin Talila hingegen, die ihr Jüdischsein mit jiddischen Songs geradezu zelebriert, erinnert sich, dass sich „Dany“ 1968 in Paris seiner jüdischen Identität durchaus bewusst gewesen sei. Das hatte er wohl vergessen. Sie sprechen Französisch, die deutschen Untertitel im Film hat die Jüdische Gemeinde ermöglicht.

Kann er in Israel seine jüdische Identität finden?

Israel ist im Film und im anschließenden Gespräch ein Drehpunkt. Kann er dort seine jüdische Identität finden? Cohn-Bendit erinnert sich, dass er mit 16 schon mal in einem Kibbuz gelebt hatte. Dorthin fährt er, mit dem israelischen Friedensaktivisten Ofer Bronstein, der auch die übrigen Begegnungen arrangiert hat: etwa mit Robi, einer Israelin, und Buschra, einer Palästinenserin, die nach dem gewaltsamen Tod ihrer Söhne zueinandergefunden haben; oder mit einer Siedlerin, die dem Reisenden erklärt, dass die Religion identisch mit der Nation sei, auch mit einer jungen Frau, die ihm vorwirft, sein Volk durch seine Mischehe mit einer Nicht-Jüdin verunreinigt zu haben.

„Wie komme ich heraus aus diesem Dilemma“, fragt sich Cohn-Bendit da. Unter uralten Olivenbäumen auf dem Karmel gesteht ihm ein ehemaliger Admiral der israelischen Marine, dass er sich heute als Minderheit fühle, weil die militärischen Unternehmungen keine gerechten Verteidigungskriege mehr seien. Von einer israelischen Künstlerin erfährt Cohn-Bendit: Jude sein bedeute ein tiefes philosophisches Dasein, denn in dem Wort „Yehudi“ stecke die „Resonanz“. Ein Widerhall auf Gott? Immer in der Tiefe zu schürfen, das sei jüdisch.

Wie nahe beieinander sind die Mentalitäten?

Klingt fast wie die faustische Seele. Ist sie jüdisch? Deutsch? Wie nahe beieinander sind die Mentalitäten? Fragen, die der Film von Cohn-Bendit und Apel auslöst. In einer orthodoxen Jeschiwa setzt sich Cohn-Bendit unter einer Kippa der „Resonanz“ aus – aber nur flüchtig. Der Film fokussiert auf jüdische Identitäten, nicht auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Ein Stoßseufzer: „David hat sich in Goliath verwandelt.“

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Die Ruinen von Masada erinnern an den Massenselbstmord, als im Jahr 73/74 die Römer kamen. „Ähnlich wie beim Aufstand im Warschauer Getto“, so Cohn-Bendit. Im Gespräch nach dem Film erinnert er an Mark Edelmann, der sich damals in Warschau nicht umgebracht hat, sondern in Polen weitergekämpft hat, auch in der Solidarnosc. Ein Vorbild für ihn, der von sich sagt: Ich war nie ein Zionist oder Antizionist. Israel spricht nicht für mich.“ Und dann ganz pointiert: „Israel ist das Ende des Judentums, wie ich es verstehe.“ Dazu gehöre ein „universeller Anspruch, bestimmte Dinge nicht zu akzeptieren“. Heute fragt sich Cohn-Bendit, für welche Identität sich sein Enkel entscheiden wird, der Sohn seines Sohnes Bela und einer Frankfurterin mit eritreischen Wurzeln.

Die Jüdischen Filmtage werden bis zum 13. September an verschiedenen Orten in Frankfurt fortgesetzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schülke, Claudia
Claudia Schülke
Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.
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