Freiluftkino

Zwischen Hollywood und Arthouse

Von Anna Vollmer
11.07.2021
, 17:43
Eine Filmvorstellung auf der Piazza San Cosimato. Die Fotografin Letizia Battaglia ist per Video zugeschaltet.
In Rom beweist eine Gruppe junger Leute mit dem „Cinema in Piazza“, dass man mit Kino noch immer Massen anlocken kann. Wenn man sich etwas traut.

Mehr als acht Jahre ist es her, da erzählte ein Freund aus Rom, eine Gruppe junger Leute in unserem Alter habe ein verfallenes Kino besetzt. Das Cinema America lag in Trastevere und stand seit Langem leer. Schon von draußen roch es muffig, drinnen war es feucht und kalt. In diesem regnerischen März waren wir fast die einzigen Gäste, von oben tropfte es. Auf der Leinwand lief irgendein experimenteller Film, wir froren, rochen den Schimmel und dachten: Gesund kann ein Besuch hier nicht sein. Wir gingen vor Filmende und kamen nie wieder.

Zwei Jahre später schwärmten Kolleginnen von ihren Abenden auf der Piazza San Cosimato in Trastevere, nur wenige Straßen vom Cinema America entfernt. Eine Gruppe Anfang Zwanzigjähriger zeige dort Filme, und das ganze Viertel schaue zu. Die Kolleginnen, um die fünfzig und nicht unbedingt dafür bekannt, sich in der Besetzerszene Roms herumzutreiben, waren begeistert. Die Gruppe, so stellte sich heraus, war dieselbe, die wenige Jahre zuvor das Cinema America besetzt hatte. Dort hatte der Schimmel gesiegt, doch der Verein, der sich „Piccolo America“ nannte, existierte nach wie vor. Er hatte eine Leinwand auf der Piazza aufgestellt, auf der es jeden Abend etwas zu sehen gab: In jenem Sommer 2015 vor allem Filme von Disney, den Cohen-Brüdern und alles von Pier Paolo Pasolini. Der Eintritt war umsonst und die Piazza jeden Abend voll. Einmal kamen wir zu spät zu einer Vorstellung von Pasolinis „Mamma Roma“ und fanden kaum einen Platz.

Alles von Anime bis Dokumentation

Inzwischen ist das Cinema America eine Institution und hat die Mischung aus Pop- und sogenannter Hochkultur perfektioniert. Tausende von Zuschauern kommen jeden Sommer, um sich, wie in diesem Jahr, Werke von Céline Sciamma oder Wim Wenders, aber auch Anime- oder Harry-Potter-Filme anzusehen. Das Kino, so zeigt sich, funktioniert noch immer - wenn man sich nur etwas traut. An einem Sonntagabend Anfang Juli steht „La mafia non è più quella di una volta“, „Die Mafia ist nicht mehr die, die sie mal war“, auf dem Programm - ein bizarrer Dokumentarfilm des italienischen Regisseurs Franco Maresco. Darin trifft Letizia Battaglia, weltberühmte Fotografin und Anti-Mafia-Kämpferin, auf Ciccio Mira, einen palermitanischen Unternehmer, der in der Vorstadt Volksmusikkonzerte organisiert.

Um acht beginnt die Piazza San Cosimato sich zu füllen, schon am Nachmittag waren alle Sitzplätze, die man seit der Pandemie reservieren muss, vergeben. Ein Absperrband begrenzt den Freiluftsaal, die Plätze sind als runde Aufkleber auf den Pflastersteinen markiert. Am Eingang wird Fieber gemessen. Die Zuschauerzahl ist zwar begrenzt, aber wer außen vorbeigeht, kann trotzdem mitgucken. Es gibt einen Wagen, der Bier und Popcorn verkauft, viele bringen Klappstühle und Decken oder ihren Hund mit. Es wird geraucht und getuschelt.

Letizia Battaglia, 86 Jahre alt und wie immer mit rosa gefärbtem Bob und Zigarette in der Hand, ist per Video zugeschaltet, Goffredo Fofi, Schriftsteller und Filmkritiker, persönlich anwesend. Allein in diesem Sommer waren nicht nur zwei der beliebtesten Regisseure Italiens, Carlo Verdone und Ferzan Oztepek, im Cinema America zu Gast, sondern auch Edgar Reitz und Oliver Stone. Wim Wenders und Ken Loach sollen noch kommen. Was eine Vorstellung davon gibt, wie bekannt das Kino mittlerweile ist, aber auch die Bandbreite an Filmen zeigt, die hier noch bis zum 1. August zu sehen ist. Nicht nur in Trastevere, sondern auch an anderen Orten, selbst in der römischen Vorstadt, gibt es nun Vorstellungen mit Hunderten von Zuschauern. Nebenbei renoviert der Verein das Cinema Troisi, ein weiteres verlassenes Kino.

Das Kino und die Politik

Valerio Carocci, Vorsitzender des „Piccolo America“, kriegt trotz seines Erfolgs einiges ab. Vor zwei Jahren wurden er und seine Mitstreiter von Rechtsradikalen zusammengeschlagen, und die linke Szene kritisiert den Gründer immer wieder: Er sei ein Unternehmer geworden, der sich als Retter der Kultur verkaufe und mit Politik und Wirtschaft flirte, heißt es dort. Hunderte von Filmprojektionen wollen schließlich bezahlt werden, und die BNL Bank ist einer der Hauptsponsoren. Politiker zeigen sich gern im Kino - vergangenen Sommer war Giuseppe Conte zu Besuch und setzte sich zu den restlichen Zuschauern auf den Steinboden.

Dass Carocci ein brillanter Netzwerker mit persönlichen Ambitionen ist, mag stimmen. Was seine Leistung jedoch nicht schmälert: Wer hätte gedacht, dass die Menschen in Scharen herbeiströmen, um anzuschauen, was vielerorts als Nischeninteresse verkauft oder gleich totgesagt wird? Dass Politiker sich Wählerstimmen erhoffen, weil sie ins Kino gehen? Und dass all das einer Gruppe Freiwilliger unter dreißig zu verdanken ist? Vielleicht kommt der Erfolg des Cinema America daher, dass seine Macher fest an die Möglichkeiten des Kinos glauben. Und seine Grenzen kennen: An diesem Sonntag wird das Cinema America sein übliches Programm an allen drei Schauplätzen absagen und stattdessen das EM-Finale zwischen Italien und England zeigen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Vollmer, Anna
Anna Vollmer
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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