„Der Baader-Meinhof-Komplex“

Diese Frau brauchte mich ganz

Von Frank Schirrmacher
14.09.2008
, 15:44
Die Manie der Revolte: Sebastian Blomberg als Rudi Dutschke
Bernd Eichingers und Stefan Austs RAF-Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ bringt eine fast genetische Reproduktion der siebziger Jahre und ihrer Protagonisten. Er ist eine Befreiung von der Erziehungsdiktatur.

Man muss ja nicht mitmachen, wenn Stefan Aust heult. Jeder heult mit Gründen, und jeder heult für sich allein und bestimmt nicht auf Anordnung von Bernd Eichinger. Jetzt über den deutschen Terrorismus Tränen zu vergießen, käme reichlich spät. „Verschluckte Tränen“, wie der seinerzeit von der terroristischen Jugend sehr geliebte Fritz Zorn schrieb. Zorn starb mit einunddreißig Jahren, und nur der Kunstname blieb als ein Grabstein für ungelebte Wut, einer unter vielen, die den Friedhof der kollektiven Kuscheltiere der siebziger und achtziger Jahre bevölkern: Protest, Revolution, Terror, Intensität, Phantasie, Charaktermasken, Warencharakter der Gesellschaft, Tränen und Repression.

Man will da wirklich nicht mehr so gerne herumbuddeln. Nicht noch einmal in den pathetischen Muff von dreißig Jahren. Nicht nach all diesen Dokumentationen, Bekenntnissen, Beteuerungen. Nicht noch einmal dieser Gefühlsterrorismus. Die waren unzufrieden? Sind wir auch. Gelitten? Wir auch. Idealisten? Wir auch. Verletzt? Wir auch. Wütend? Sind wir selbst, ob mit Zielfernrohr oder ohne.

Geschichte als Souvenir

Und wenn nicht gerade der rebellische ältere Kollege aus der „Zeit“ der heutigen Jugend fehlenden Charakter bescheinigt, taucht immer jemand auf, der was zu erzählen hat, über die „Leute“, die damals in Eschersheim die Gudrun und die Ulrike für eine Nacht usw. usw. Die oral history der RAF ist fest in der Hand von Souvenirhändlern, die sonderbarerweise alle aussehen - Haarverlust in Stirn- und Scheitelregion sind ineinander übergegangen, dafür fast schulterlanges Seitenhaar, festgewachsene Nickelbrille - wie der prominente Göttinger Politologe Franz Walter, der sich aktuell selbst allerdings, so ändern sich die Zeiten, nur zur Lage von Kurt Beck äußert.

Hörigkeitsstrukturen im Untergrund: Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek)
Hörigkeitsstrukturen im Untergrund: Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) Bild: Constantin Film

Zwar sehen viele aus diesem Milieu aus wie Walter, aber sie sind so natürlich nicht und reden ganz anders als er, meist in einer Mischung aus Heinrich-Böll- und Peter-Weiss-Kitsch; wer Näheres wissen will, google einschlägige Fachbegriffe (Widerstand, Protest, Aufstand, aufrecht) im Programm der Goethe-Institute 1974-1994.

Vom Montblanc zum Maulwurfshügel

Nicht nur die RAF, auch die sie umgebende Kultur war voller, bis heute fortlebender, sehr verhängnisvoller Größenpathologien, sie reichten von den Feuilletonredakteuren bis zu „Deutschland im Herbst“, von Fassbinder bis Schily und Ströbele, von Peter Schneider bis Peter Weiss. Erinnert sich noch jemand an den Reader „Anarchismus. Von Bakunin bis Baader“? Ein Titel, der, um Peter Hacks' in anderem Zusammenhang gebrauchtes Wort zu variieren, in dem gleichen Maße sinnreich ist wie: „Vom Montblanc zum Maulwurfshügel“.

Der Trick war ebenso einfach wie erbärmlich und funktioniert bis heute: Nachdem im kulturellen Milieu bald auch der größte Narr von Revolution nicht mehr reden konnte, ohne sich lächerlich zu fühlen, ging es fortan immer nur um die Verzweiflung des in Wahrheit nie gewillten Revolutionärs an der in Wahrheit nie gewollten Revolution. Gebrochene Idealisten: unendliche Mengen, die nicht nur die Lehrerzimmer, Redaktionsstuben und vor allem die Schauspielensembles der Republik bevölkerten und abends beim Edelzwicker und in der Lederjacke taten, was seit der pragmatisch-phantasielosen Adenauer-Zeit in Deutschland nicht geschehen war: Sie vermischten Seelenleben und Innerlichkeit mit Politik und Gewalt.

Austs Tränen

So wie die Ziele des deutschen Terrorismus in neunzig Prozent seiner Lebenszeit unbestrittenerweise nur darin bestanden, Gefängnisinsassen zu befreien (um dann weiterzusehen), so ist die gesamte deutsche Revolutionsrhetorik der siebziger und achtziger Jahre nichts anderes als eine Rhetorik über die Verzweiflung an der Revolution, eine Rhetorik, deren Schwundstufen heute noch im deutschen Schlager überdauern („Ich will nicht!“ und vieles andere mehr).

Die Rezeption des deutschen Terrorismus war Terror. Die Rezeption von rechts ebenso wie die von links, und dort vor allem jener Tugendterror, der jungen Menschen die Revolte verordnete wie heute der Berliner Rundfunk das Fröhlichsein.

Filmreif bis in den Tod

Und wer glaubt, die RAF-Faszination sei eine Spezialität der Linken gewesen, irrt. Wer zählt die Bürgerlichen, die sich zu vorgerückter Stunde raunend brüsteten, auch sie hätten in den sechziger Jahren auf Sylt durchaus mit der Meinhof usw. usw. Die RAF war stets eine Projektionsfläche für die Gewalt-, Sexualitäts- und Angstphantasien des Establishments. Lüge war das eine wie das andere. Nie mehr „Sand im Getriebe“-Reden von Leuten, die der Schmierstoff des Konformismus sind, nie mehr revolutionäres Mitleid mit den angeblich lethargischen Mittzwanzigern, kurz: keine Geschichten mehr vom Krieg.

Gäbe es eine Rache der Rezeption, die RAF, die sich bis in den eigenen Tod filmreif stilisierte, hätte nichts anderes verdient, als dass sich der Kinosaal der Ewigkeit jeden Tag nur mit schniefenden popcornessenden Franz Walters nebst einigen „taz“-Redakteuren der zweiten Stunde füllt. Am besten, eine Empfehlung an Bernd Eichinger: gar keinen Film über die RAF. Die Sache ist so einfach: Mann/Frau - Waffe - Mord. Kann man in wenigen Strichen zeichnen. Wer die RAF und die Kultur der alten Bundesrepublik begreifen will, muss zurück vom Montblanc zum Maulwurfshügel und darf keine Cinemascope-Filme, sondern nur Daumenkino machen.

Auf wen man nicht bauen kann

Und nun weint ausgerechnet Stefan Aust und sagt das auch noch. Und man selbst sitzt mutterseelenallein ohne Franz Walters beruhigende Glossen und ohne Popcorn in einem Kino, im Kopf den fertigsten und abturnendsten Film aller Zeiten, zusammengeschnitten aus allen Informationen der letzten Jahrzehnte. „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen“, will man im Geist Herrn Eichinger zurufen, der auf Lob spekuliert und andernfalls angeblich auch unangenehm werden kann, der populärste Satz, mit dem wildgewordene Pfarrer damals Revolution machten, das „nicht“ übrigens kursiv gedruckt.

Brecht, von dem er stammte, hatte ihn auf seine Frauen bezogen, und deshalb würde ihn heute auch wiederum Eichinger eher verstehen als die Pfarrer. Aber weil Angehörige unserer Nach-RAF-Generation nicht so auf Protest stehen und der direkten Konfrontation aus dem Weg gehen, sagt man es nicht.

Ensslins Augenbrauen

„Oh Lord, won't you buy me a Mercedes-Benz!“ Janis Joplin, erster Satz. Letzter Satz, nach fast zwei Stunden, deutsch, Mohnhaupt: „Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren!“ Dazwischen die Geschichte. Ihr materieller Gehalt, die pure Ausstattung, die Bemalung der Leinwand ist enorm: totale Identität von Darstellung und Dargestelltem, Sieg der Maske und des Klonens, eine fast genetische Reproduktion der siebziger Jahre und ihrer Protagonisten.

Eichinger und sein Regisseur Uli Edel befehligen eine ganze Armee von Fabrikanten, die gewissermaßen den Montblanc mit Pappmaché wieder aufbauen, die verhassten siebziger Jahre bis zu jedem Schnürsenkel, bis zu jedem Clark's-Boot, bis zu jeder Fransenjacke wiederherstellen. Sie sind ganz stolz auf ihre Exaktheit, und es ist, von der Augenbrauenpartie der Ensslin bis hin zum Redefluss des Rudi-Dutschke-Klons, den Sebastian Blomberg spielt, einfach nur perfekt. Das Audimax mit seinen Hunderten tobenden Studenten ist reine Wirklichkeit. Sie können jeden kopieren, denkt man, wenn man das sieht, wie Dutschke gemacht ist. „Gemacht“ sind auch Ensslin, Meinhof, Baader und Raspe. Gemacht in der Weise, dass ihren filmischen Reproduktionen ein fast unmerklicher sciencefictionhafter Schimmer anhaftet, als würden die Figuren durch ein Aquarium oder durch eine glasklare, nur an den Rändern spürbare Wasseroberfläche beobachtet. Das macht den Film so sonderbar cool und modern.

Minimale Verfremdung

Uli Edel hat in den Prospekt der Vergangenheit Ausschnitte gerissen, in die Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck oder Johanna Wokalek, die Geburtsjahrgänge 1961 bis 1975, immer auch ein bisschen als Figuren der Zukunft eintreten können. Das ist keine Dokumentation und kein Historienfilm. Das Ganze hat etwas von Paralleluniversum und also die Kraft, seine eigene Zeit zu setzen, und womöglich die Kraft, die gesamte RAF-Rezeption auf eine neue Grundlage zu stellen.

Von allem, was Filmer sagen, hat Truman Capote einmal geschrieben, meinen sie nur vierzig Prozent. Eichinger und Edel sagen mit jeder Silbe einhundertzehn Prozent. Hundert Prozent dienen der totalen Imitation des Vergangenen, bis hin zu Details, die niemand (nicht einmal Aust) kennt und die kein Zuschauer begreift, die Tiger-Aufkleber etwa, die das geheime Erkennungszeichen der RAF an die Polizei waren und die im Film ebenso geheim bleiben wie in der Wirklichkeit. Die zehn Prozent aber dienen dazu, den realistischen Film künstlich zu machen - ein minimaler Verfremdungseffekt, nichts anderes als ein sanftes Kräuseln auf der filmischen Oberfläche, aber eines von der Art, das Strudel anzeigt, den Sog, der einem die Füße unter dem Boden wegreißt.

Es bricht das Herz

Das Gefühl, das sich einstellt, kann man auf Deutsch nicht gut, besser aber in der Sprache Janis Joplins benennen: „heartbreaking“. Dieser Film macht seinen Zuschauer sehr empfindlich, auch das Licht in ihm ist sonderbar, leicht blendend, wie die Morgensonne nach der Rekonvaleszenz. „Heartbreaking“ gegen eigenen Willen und eigene Absicht und ohne, um das gleich an die Adresse konservativer Sittenpolizisten zu sagen, die Täter gegen die Opfer auszuspielen.

Furchtbar und böse ist diese Welt samt der Trittbrettfahrer, die sich mit Raspe-Monologen noch jahrelang an den Trend der „Intensität“ dranhängten. Schrecklich und mitleiderregend das Leid der Opfer. Aber zu sehen, wie Ulrike Meinhof allmählich zu begreifen beginnt, was mit ihr geschieht, zu sehen, wie Martina Gedeck dieses langsame und in Wahrheit zutiefst von der eigenen Angst verängstige Erwachen spielt, ist sehr unangenehm für den Betrachter, der sein Urteil sich schon gebildet hat und sich nun korrigieren muss.

Ein neuer Typ Frau

Überhaupt die Frauen. Mag die Filmkritik darüber entscheiden, wie gut dieser Film ist. Ästhetisch gelingt ihm, in die ausdifferenzierte Literaturgeschichte einen neuen Typus von Frauen einzuführen. Gedeck als Meinhof, Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt und vor allem Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin findet man in der von Ottilien und Melusinen wimmelnden deutschen Phantasiewelt überhaupt nicht. Gudrun Ensslin zählt in ihrem Hass und ihrer Mordbereitschaft zu den rätselhaftesten Figuren der RAF. Johanna Wokalek gelingt ein atemberaubender Transformationsprozess. Die Rolle scheint sie bei fast totaler Selbstaufgabe sich angeeignet zu haben.

Die Hungerstreikdiät, der die Schauspielerinnen während des Drehs unterworfen waren, hätten geholfen, sagt sie im Gespräch mit Katja Eichinger. „Diese, wie mir scheint, komplizierte Frau, brauchte mich ganz“, sagt sie mit Blick auf die Identifikation. Wokalek, denkt man, ist nach dieser Rolle eine große Schauspielerin. Und Eichinger und Stefan Aust sind die besten Drehbuchautoren: die Idee Horst Herold (den Bruno Ganz genial spielt) zur Instanz der Deutung, die Polizei zum Hermeneut eines irrsinnigen Kommunikationsprozesses zwischen Staat und Terroristen zu machen, ist bestechend.

Ein Kampf um Heim und Herd

Terrorismus ist Kommunikation mit echten Toten. Terrorismus lebt aus der Wut, aber es ist eine Wut, die Zuschauer braucht. In der Vergangenheit hat er es geschafft, uns alle zu Zuschauern in der Wirklichkeit zu machen. Und nun, zu Zuschauern unserer selbst als Zuschauer des Terrors? Mag sein, so tautologisch das manchem klingen mag. Dann wäre dieser Film auch eine Heilung, eine Reduktion zumindest der Überinformation in unserem Kopf. In der Welt, in der wir leben, ist nichts so gefährlich wie geschlossene Weltbilder. Man lernt sein Leben nur noch durch ständigen Wechsel in Paralleluniversen.

Sie haben sich grausam getäuscht. Sie waren die Staatsfeinde und wurden sich in ihrem fixierten Universum selber zu kleinkarierten, eifersüchtigen, liebessüchtigen Gegnern. Natürlich sind die sexuellen Hörigkeitsstrukturen vor allem zwischen Baader und Ensslin seinerzeit weder dem Boulevard noch dem BKA entgangen. Aber erst jetzt, durch Objektivierung durch die Kunst und die totale Logik der Erzählung, erkennt man, wie sehr die zweite, die Stammheim-Phase des Terrorismus auch nichts anderes als ein spießiger Kampf um Heim und Herd war. Die Botschaft lautet: Terror ausschließlich zwecks Befreiung der Eingeschlossenen im Stammheim-Bunker, Erhöhung des Drucks auf die kämpfende Truppe durch Selbstmorddrohung, letztes Aufgebot aller verfügbaren Reserven (in Mogadischu und bei Schleyer) für letzten Befreiungsschlag, das hohe Paar, das schließlich gemeinsamen Selbstmord begeht - das alles klingt wie die Travestie auf die Bunkerdämmerung von 1945.

Ein Film über die Liebe

Es gibt ein Kassiber von Ensslin an Baader, in dem sie „dem Kameraden“ Kinder und ein Heim verspricht. Nach der erfolgten Verurteilung wären die Gefangenen auf verschiedene Gefängnisse verlegt worden, und Baader und Ensslin hätten sich so lange nicht gesehen, wie lebenslang dauert. Diese nie ausgesprochene, weil bürgerliche Perspektive muss entsetzlich gewesen sein. Nicht Politik, die sowieso nicht mehr formuliert wurde, sondern gemeinsame Haushaltsführung war am Ende der Grund für den Terror.

Diese einander selbstzerstörerisch liebenden Menschen haben, wie der Film zeigt, eine alles entscheidende falsche Grundannahme formuliert. „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“, schrieb Meinhof zur Begründung des politischen Kampfes. Aber das ist selbst bürgerlicher Selbstbetrug. Die schlimmsten Feinde des Menschengeschlechts, Hitler an erster Stelle, hatten die unbegreifliche Liebe der Menschen auf ihrer Seite, sie wurden herbeigewünscht, nicht gefürchtet, und ihre Taten verübten sie oft mit der grenzenlosen Liebe ihrer Anhänger, die noch die schlimmsten Taten rechtfertigten. Diese Pathologie zu verstehen, dafür bietet Eichingers und Austs Werk eine Chance.

„Der Baader-Meinhof-Komplex“ ist ein Film über die Liebe.

Quelle: F.A.S.
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