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Rumänischer Film „La Gomera“

Indizien einer korrupten Welt

Von Bert Rebhandl
Aktualisiert am 16.02.2020
 - 10:55
„La Gomera“ von Corneliu Porumbiou
Zwanzig Jahre Blüte und kein Ende in Sicht: Das rumänische Kino hat einen ganz besonderen Stil. Corneliu Porumboius Korruptionsthriller „La Gomera“ zeigt, wie weit man ihn drehen kann.

Mit der Sprache El Silbo Gomero hat es eine Reihe von interessanten Bewandtnissen. Sie wird nicht gesprochen, sondern gepfiffen. Man muss dazu Finger auf eine bestimmte Weise in den Mund stecken („wie einen Pistolenlauf“, sagt jemand), sodass sich Laute ergeben, die Buchstaben entsprechen. Ob der Silbo eine Sprache ist, oder eher eine Übersetzung in ein anderes Zeichensystem, darüber kann man trefflich streiten. Es sind Diskussionen dieser Art, die den rumänischen Filmintellektuellen Corneliu Porumbiou von jeher interessiert haben. Und er führt sie in seinem neuen Thriller „La Gomera“ weiter, indem er einen Polizisten auf die Insel La Gomera, im äußersten Westen Europas schickt. Cristi Anghelache kommt aus Rumänien, um El Silbo zu lernen. Er bringt eine Erinnerung an eine schöne Frau namens Gilda mit, die ihn nun auf der Insel erwartet. Und er bringt zwei Vokale und zwei Konsonanten mit, die nur seine Sprache, das Rumänische, aufzuweisen hat. Wie kommt El Silbo damit zurecht?

In einer Schlüsselszene von „La Gomera“ sieht man die imposante Gebirgslandschaft von La Gomera. Ein Bild menschenleerer Natur, belebt nur von Pfiffen. Rumänisch, Spanisch, Silbo. Es ist eine Generalprobe für einen Coup, dem der Silbo in Bukarest dienen soll. Cristi soll mit Hilfe der Pfeifsprache einen Verbrecher aus einem Gefängnis befreien helfen. Dazu gäbe es in anderen Ländern vermutlich auch andere Möglichkeiten, aber das Rumänien, von dem Corneliu Porumboiu erzählt, wird lückenlos überwacht. Es ist geradezu bizarr, in welchem Ausmaß hier Kameras und Mikrofone alles mitschneiden. In Cristis Wohnung gibt es keinen Winkel, der nicht erfasst würde, sodass Gilda, die sich mit Cristi an einem sicheren Ort treffen möchte, keine andere Möglichkeit sieht, als mit ihm ins Bett zu gehen. Ihr Körper ist Ablenkung genug, dass sie Cristi dann – post coitum – unbemerkt das Flugticket nach Gomera zustecken kann.

Als er auf der Insel ankommt, macht sie ihm das auch gleich klar, dass er sich keine Hoffnungen machen soll: „Was ich getan habe, habe ich nur wegen der Kameras getan.“ Trotzdem ahnt man als geübter Zuschauer natürlich sofort, dass sich zwischen Gilda und Cristi auch etwas anbahnen könnte, was sich der Überwachung entzieht, und was sich der anderen Kamera offenbaren könnte, der von Corneliu Porumboiu, der Kamera des Kinos, die anderen Gesetzen gehorcht als das im Grunde triviale Regime einer unerbittlichen Kontrolle, von dem „La Gomera“ erzählt. Cristi, gespielt von dem längst über die nationalen Grenzen hinaus bekannten Vlad Ivanov, ist ein Held, wie man ihn aus dem klassischen Kino kennt, eine zwiespältige, faszinierende, tendenziell passive Figur, die dann aber in den entscheidenden Momenten handelt. Bei Gilda (Catrinel Marlon) deutet schon der Name darauf hin, dass sie eine Femme Fatale ist. Man sieht es aber auch sofort. Cristi und Gilda sind füreinander bestimmt. Bleibt nur herauszufinden, worin diese Bestimmung liegt.

Überwachung ist überall, mit gutem Grund

Für das Ausmaß der Überwachung gibt es in Rumänien durchaus gute Gründe. Korruption ist allgegenwärtig, schwarzes Geld kursiert in großen Mengen, in „La Gomera“ ist von dreißig Millionen Euro die Rede, die ein Matratzenfabrikant in Matratzen versteckt haben soll, um sie der venezolanischen Mafia entweder zuzustellen oder aber zu entwenden – dieses Entweder-oder entspricht einer der vielen Spannungsebenen des Films. Man sollte aber nicht meinen, dass Porumboiu an diesen Aspekten der Geschichte wirklich gelegen ist. Er wickelt den Plot eher ab wie einen Faden, an dem er seine Interessen anbringen kann, die sich auf Grundsätzliches beziehen: auf die Frage nämlich: Wie könnte das Kino mit den gesellschaftlichen Problemen umgehen?

Das rumänische Kino hat seit ungefähr zwanzig Jahren eine auffällige Sonderstellung im Weltkino, weil es eine ganze Reihe herausragender künstlerischer Begabungen hervorgebracht hat, die in der Mehrzahl einen bestimmten Stil teilen: ein registrierendes, beobachtendes Erzählen, das stark auf die Mitarbeit des Publikums setzt, weil wichtige Aspekte sich nur indirekt erschließen. Das Prinzip der Konjektur, also des ergänzenden Lesens und Sehens, ist bei Filmemachern wie Cristi Puiu oder Calin Peter Netzer sehr wichtig – bei Corneliu Porumboiu ist es geradezu konstitutiv. Seine Geschichten setzen sich immer zusammen aus dem, was er explizit zeigt und zu hören gibt, und dem, was implizit mitgemeint ist. In „La Gomera“ kippt dieses Verhältnis vielleicht sogar, denn hier ist der Plot beinahe undurchdringlich, während man mit den möglichen Bedeutungsebenen lustvoll spielen kann.

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„Wir sind hier nicht im Wilden Westen“, wimmelt die Polizistin Magda an einer Stelle ab, als ein Kollege ein nicht ganz ordnungsgemäßes Vorgehen vorschlägt. Das ist einerseits eine normale Redensart in Gesellschaften, in denen man gern auf den Stand moderner (europäischer) Institutionalität kommen würde. Der Satz wird allerdings resonant auch dadurch, dass an einer anderen Stelle ein Ausschnitt aus John Fords Westernklassiker „The Searchers“ zu sehen ist – in dem sich die Indianer einer Pfeifsprache bedienen! Für ein konspiratives Treffen wählen Magda und Cristi ausgerechnet die Cinemateca in Bukarest, womit Porumboiu die Hierarchie der Referenzsysteme deutlich macht. Bei einem Showdown (naturgemäß in einem aufgelassenen Filmstudio) befinden sich die Kamera der Polizei dann in der Position, in der im Western die Heckenschützen sitzen.

Das Kino ist für Porumboiu aber keine Instanz, von der aus er souverän die Dekadenz des rumänischen Alltags kritisieren könnte, sondern allenfalls eine Ebene in einer komplexen Suche nach den Bedingungen der gegenwärtigen Umstände. Kein anderer Filmemacher in Europa ist in dem Maß ein Archäologe oder Ätiologe wie Porumboiu, der schon in seinem Meisterwerk „Comoara“ („Der Schatz“, 2015) bis ins revolutionäre 19. Jahrhundert zurückging, um eine Urszene für abgezweigtes Geld zu suchen, also für das Medium, auf dem die rumänische Gesellschaft vor allem beruht. In „La Gomera“ legt er die Spur sehr beiläufig mit einem anderen Filmclip aus: Der Krimiklassiker „Un comisar acuza“ (1974) deutet an, dass die Delikte von heute gar nicht so sehr mit der Transformation in Rumänien seit dem Sturz des kommunistischen Regimes zu tun haben, sondern tief in die faschistische Periode zurückreichen.

„La Gomera“ entspricht schließlich mit seiner Form den Bedingungen, die Porumboiu kritisiert: es handelt sich um ein in hohem Maß verschlüsseltes Werk, das dem Idiom des Kinos keine neue Vokale oder Konsonanten hinzufügt, seine Bedeutungsregister aber auf eine Weise öffnet, dass man nur staunen (und begeistert nach weiteren Indizien suchen) kann.

Quelle: F.A.Z.
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