FAZ plus ArtikelHollywood-Regisseur King Vidor

Professionalität, Instinkt, Größenwahn

Von Andreas Kilb
23.04.2020
, 07:20
King Vidor (links) erklärt Patricia Neal und Gary Cooper 1949 eine Szene in „Ein Mann wie Sprengstoff“.
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Der Regisseur King Vidor hat das Hollywoodkino vom Stummfilm bis zum Ende des Studiosystems geprägt. Grund genug, ihn heute wiederzuentdecken.
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Irgendwann werden die Kinos wieder öffnen. Die Studios ihren Betrieb aufnehmen. Die Schauspieler und Techniker am Set erscheinen. Es wird Benefizveranstaltungen geben, Sonderfördermittel, kommunale Rettungsprogramme. Und Insolvenzen. Die Branche, die schon lang am Tropf des Staates hängt, wird weiter am Tropf hängen. Ihre Schrumpfung, von Wachstumsphasen unterbrochen, hält seit sechzig Jahren an. In Deutschland, in Europa ist das Kino seit Generationen der Patient, zu dem es die Pandemie jetzt auch in Amerika macht. Dort aber, im Herzen der westlichen Filmindustrie, füllen keine staatlichen Finanzhilfen die Lücken, die der Lockdown reißt. Stattdessen gibt der Markt die Antwort auf die Frage, was nach Corona bleiben wird. Die Krise ist der große Entwicklungsbeschleuniger, sie lässt die altersschwachen Teile der Branche absterben und gibt den starken, aufstrebenden Playern neuen Raum. Sie beschleunigt, was sich ohnehin seit langem abgezeichnet hat, und reißt dem Kommenden die Türen auf. Jetzt ist die Zeit, Schlussstriche zu ziehen, und eines der Phänomene, für die dabei der Vorhang fällt, ist Hollywood.

Nicht das alte Hollywood der Tycoons und Studioregisseure – dieses Hollywood starb schon in den siebziger Jahren, auch wenn sein Abgesang bei Wim Wenders oder Peter Bogdanovich noch ein Jahrzehnt andauerte. Sondern das Hollywood, das danach kam, die Ära der Blockbuster, das Kino von Steven Spielberg, George Lucas, James Cameron, Peter Jackson. Dessen Geschäftsmodell, das mit Budgets jenseits des bis dato Vorstellbaren hantiert, setzt feste Starttermine und Verwertungsketten voraus, das Memorial Day Weekend im Mai, den Unabhängigkeitstag im Juli, die Sommersaison, in der das amerikanische Publikum in die Multiplexe strömt. Diese Kette ist jetzt unterbrochen. Der Kinostart wird zum Roulettespiel. Die Streamingdienste übernehmen die Vollversorgung mit bewegten Bildern. Die nächste „Herr der Ringe“-Serie wird von Amazon produziert, mit einer Viertelmilliarde Dollar Anfangsbudget. Umgekehrt expandiert der Disney-Konzern mit einer neuen Plattform auf den Streamingmarkt. Der Triumph des digitalen Heimkinos schreibt sich der Herstellungslogik ein. Die Branche, die im Spätsommer ihre Abspielstätten wieder anfährt, wird nicht mehr dieselbe sein. Ihr Erfolg, der von Produktionsstäben geplant und von seriellen Formaten angetrieben wird, wird sich künftig nach Klicks und Abonnentenzahlen bemessen, nicht mehr nach Leinwänden und Besuchern.

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Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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