Martin Sheen zum Achtzigsten

Der Joker Hollywoods

Von Verena Lueken
03.08.2020
, 07:46
James Dean und der Kriegsfilmklassiker „Apokalypse Now“ machten ihn berühmt. Das Fernsehen hat keinen besseren amerikanischen Präsidenten hervorgebracht als ihn. Martin Sheen zum Achtzigsten.

Er wurde berühmt, weil er einmal aussah wie James Dean. Und so spielte. Gespenstisch fast. Das war Teil des Konzepts. „Badlands“ hieß der Film, gedreht von Terrence Malick, und Martin Sheen ist darin ein sehr junger Mann, dem sein Land in den Weiten der Dakotas nichts zu bieten hat, außer der grenzenlosen Freiheit zu morden. Einmal legt er sich sein Gewehr über die Schultern wie ein totes Tier. Sheen hatte schon sechzehn Film- und Fernsehrollen unterm Gürtel. Aber so wie hier hatte er noch nie gespielt. Als käme er aus der Vergangenheit, die nahtlos mit Gegenwart und Zukunft verschwimmt, weil die Verhältnisse zementiert sind, oben und unten, arm und reich, Gesetz und gesetzlos. Und drum herum sehr viel Land und sehr wenig Hoffnung. Der Film ist von 1973, aber die Stimmung von ziellosem Ausgesetztsein hatte sich seit Deans Tod achtzehn Jahre vorher nicht grundlegend verändert.

„Badlands“ betrat Martin Sheen auf einem Müllwagen. „Apocalypse Now“ als betrunken nackt tanzender Soldat. Auch hier ist auf sein Land, für das er gekämpft hat, kein Verlass. Danach hätte alles aus ihm werden können. Aber er legte sich nicht fest. Zwanzig Jahre später dann doch für viele Jahre: als Präsident der Vereinigten Staaten. Aaron Sorkin, der „The West Wing“ erfunden hat, knüpfte wieder an die großen ersten Auftritte Sheens an. Verzögerte in der Pilotfolge sein Erscheinen. Dichtete ihm einen Fahrradunfall an. Und ließ ihn schließlich aus dem Hintergrund ins Zentrum treten mit dem Zitat des ersten Gebots: „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Wenn einer das sagen kann, ohne dass es einen gruselt, dann ist es Martin Sheen.

„The West Wing“ war eine große Serie. Wenn man von dort zurück auf „Badlands“ schaut, kann man in einer Szene sehen, Sheen ahnte schon damals, dass diese Rolle in ihm steckte. Da sitzt er im Haus eines reichen Mannes, probiert die Polstermöbel aus und richtet sich in einem Sessel ein. Schlägt die Beine übereinander und telefoniert. Tut so. Gibt Anweisungen. Mit natürlicher Autorität, aber nicht endloser Geduld. Trotz allem prinzipiell freundlich.

Die Liste seiner 256 Rollen, die auf der Internet Movie Database aufgezählt sind, lässt vermuten, Sheen hat nicht sehr oft nein gesagt. In vielen Filmen taucht er plötzlich auf und verschwindet schnell wieder. Nachts, beim ziellosen Herumzappen durchs Lager der Filmgeschichte, begegnet man ihm immer wieder, und obwohl er nicht mehr aussieht wie damals, hat er immer noch diesen Gang, ein wenig linkisch, aber gleichzeitig lässig und auf der Hut.

Vielleicht liegt es an „West Wing“, dass er gern als Mann besetzt wird, der ein Abzeichen trägt, das ihn zum Vertreter Amerikas oder einer seiner Institutionen macht. Als Polizist, Detektiv, Ermittler, wie auch immer er im Einzelfall heißt, als FBI- oder CIA-Beamter, vielleicht auch als Kirchenmann. Ansonsten aber hat er in so vielen Filmen und Fernsehproduktionen so viele unterschiedliche Rollen gespielt, dass vermutet werden darf, er ist, weil er so gut ist in allem, was er tut, der Joker Hollywoods. Der Mann für alle, auch verfluchte Fälle. Eigentlich heißt er Ramón Antonio Gerardo Estévez. Heute wird er achtzig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
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