Kinderfilm „Latte Igel“

Die Prinzessin verteidigt ihren Status

Von Fridtjof Küchemann
28.12.2019
, 21:26
Aufgeschäumte Figuren: Der Kinderfilm „Latte Igel und der magische Wasserstein“ erzählt eine alte Geschichte mit neuen Mitteln. Über die Animation kann man streiten, spannend ist die Geschichte.

Als den Tieren im Wald das Wasser wegbleibt, macht sich ein eher unscheinbarer Held auf den Weg, das Problem zu beheben: Einen Wasserstein will er dem Bärenkönig im fernen Norden entwenden, wenn er das schaffe, sagt ihm ein Rabe, dann werde alles wieder gut. Um vor mehr als sechzig Jahren das Sommerloch im „Hufvudstadsbladet“, der größten schwedischsprachigen Tageszeitung Finnlands, zu überbrücken, hatte sich Sebastian Lybeck dieses erste Abenteuer von Latte Igel ausgedacht. Jetzt kommt – im Winterloch zwischen Weihnachtsprogramm und Preis-Saison – ein Animationsfilm in die Kinos, der die alte Geschichte noch einmal neu erzählt. Dabei ist die Art, wie er sie erzählt, so neu nicht, und das ist durchaus erfreulich.

In einer Zeit, in der selbst in Kinderfilmen die Spannungsmomente gern ins Grauenhafte überzeichnet werden, die Situationen einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, die Schurken lebensgefährlich wirken und ihre Stimmen abgrundtief, all das computerunterstützt, realitätsnah, in der Gebanntheit kindlicher Wahrnehmung kaum auf Distanz zu halten, begegnet hier ein stachelig-trotziger Held einem Luchs ohne Jagdglück und einem Wolfsrudel mit merklichen Hintergedanken, bevor er es mit Bären und ihrem König zu tun bekommt.

Die Geschichte ist so spannend, dass fünf Jahre alte Kinder, sofern sie noch nicht durch die CGI-Fassung von „König der Löwen“ oder auch nur den Gruselwitz der „Shaun das Schaf“-Kinofilme abgehärtet sind, große Augen machen werden. Aber diesmal ohne Schreckenstränen. Selbst wenn der größte aller Gegenspieler, der Bärenkönig Bantur persönlich, wutentbrannt brüllt, weil er seinen Wasserstein vermisst, erschüttert kein eigens ausgesteuerter Bass den Kinosaal, als käme der Schrei direkt aus den Höllenschlünden Mordors. Henning Baum leiht dem Bären seine markante Stimme: Bantur brüllt im satten Bariton.

Die Helden sind Kinder

Dass die Regisseurinnen Regina Welker und Nina Wels dem Herrscher eine Vorliebe fürs Wasserballett angedichtet haben und einen Sohn, der Latte Igel an den Torwächtern vorbei in die Bärenburg schmuggelt, dass sie die alte Abenteuergeschichte überhaupt mit einigem kindlichen Klamauk aufgepeppt haben, tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Selbst an den bemerkbaren Grenzen der Animationstechnik muss man sich nicht stören: Die computergestalteten Frischlinge wackeln davon, als wären sie fünfzehn Jahre alten Flash-Animationen entsprungen, und das Wasser wirkt selbst in den nassesten Szenen, als wäre es aus Kunstharz.

Ist „Latte Igel und der magische Wasserstein“ optisch nicht ganz auf der Höhe unserer disneyüberfütterten Zeit, scheint das Drehbuch diese Höhe unbedingt erklimmen zu wollen: Es dichtet den im Original eher knapp geschilderten Figuren Biographien und Familienschicksale an den Hals, die den Film erst auf seine 81 Minuten Laufzeit bringen, der Geschichte allerdings nicht unbedingt guttun.

Dass Latte Igel anders als im Buch – Latte ist ein schwedischer Männername – ein weiblicher Igel ist, fällt dabei noch am wenigsten ins Gewicht. Während sich Sebastian Lybeck schlicht nicht überlegt haben wird, welchen Geschlechts seine Figuren sind, würde der Film ohne diese Entscheidung ausschließlich unter Jungs spielen – oder, durchaus denkbar, es geschickt im Unklaren halten müssen.

Identitätssuche inklusive

Das geschieht beim finnischen Kinderbuchautor mit dem Alter der Figuren. Im Film indes sind die Helden Kinder. Latte wächst ohne Eltern auf. Sie weiß sich zu wehren, antwortet auf die Zweifel Erwachsener am Erfolg ihrer Mission lediglich, ein schlichtes „Danke“ sei vielleicht für ihren Einsatz angebracht, und weiß von ihrer Familie kaum mehr, als dass sie vom Vater früher „Prinzessin“ genannt wurde – ein Status, den sie den anderen Tierkindern gegenüber auch auf die Gefahr hin verteidigt, verspottet zu werden.

Mobbing, Trotz und der Vorsatz, es allen zu zeigen: Heutzutage braucht es offenbar eine andere Motivation zur Heldentat als ein einfaches Problem wie Wasserknappheit. Noch dazu, wenn sie nicht einmal mit einem der gegenwärtig heißdiskutierten Phänomene der menschengemachten Erderwärmung begründet werden kann: Ursache für die Trockenheit ist in der Kindergeschichte nicht etwa der Klimawandel.

Und der Zyklon, mit dem Latte und ihr Eichhörnchenfreund Tjum es im Buch zu tun bekommen, hat es nicht einmal in den Film geschafft. Das Problem ist einzig der von den Bären gemopste magische Stein. Menschen kommen – im Film wie im Buch – gar nicht erst vor. In aller Ausführlichkeit wird hingegen erzählt, wie sich die Außenseiterin Prinzessin Latte gegen die anderen Tiere wehrt und wie es auch Tjum lange mit ihrem emotionalen Hin und Her zwischen Akzeptanz und Ablehnung schwer hat. Identitätssuche inklusive.

Während der Film „Latte Igel“ die Figuren aufschäumt, lässt er der Handlung Luft ab. Aus einer großangelegten Falle auf dem Rückweg beim Wolfskönig Glufus wird ein Hütchenspiel, von den Listen der beiden Abenteurer bleibt schlichtes Reinlegen ihrer Widersacher. Bei allem, was Regina Welker und Nina Wels ihrem kindlichen Publikum an psychologischer Ergänzung zumuten: Ein gewisses Maß an Handlungskomplexität trauen sie ihm wohl erst gar nicht mehr zu.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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