Neuer Film von Maria Schrader

Wir sind die Roboter

Von Claudius Seidl
02.03.2021
, 06:57
Die Menschen können das Gute nicht tun, aber programmieren. Die Berlinale zeigt eine romantische Komödie von Maria Schrader, in der es um die Liebe zwischen einer Frau und einer Maschine geht.

Morgens um neun am ersten Berlinale-Tag sind die Besucher meistens ziemlich verschlafen; das kommt von den Feiern am Abend zuvor. Nur kurz hat man das Tageslicht gesehen, dann sitzt man schon wieder im dunklen Kinosaal, und wer sich nicht mit aller Kraft konzentriert, sackt womöglich kurz weg in den besinnlicheren Minuten des Films. Und wäre dieser Film Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ gewesen, dann wäre man immer wieder kurz hochgeschreckt und hätte sich beunruhigt gefragt, wer diese anderen Wesen im Kinosaal sind: Kritikerroboter, Produzentenroboter, Zuschauerroboter?

In diesem Jahr sitzt man aber einigermaßen wach vor seinem Laptop; Feiern hat es keine gegeben, der dunkle Kinosaal bleibt verschlossen – und in der Helligkeit eines Arbeitszimmers wird ein ganz anderer Kontext sichtbar. Überzeugte Kinogänger glauben ja, einen Film habe nur gesehen, wer ihn im Kino gesehen habe; das stimmt natürlich, einerseits, für Filme, die mehr Tiefe haben, als es ihnen selbst und den Zuschauern womöglich recht ist. Aber das kleine Display und die große Distanz beim Sehen öffnen manchmal den Sinn für Zusammenhänge, die dem verschlossen bleiben, der in den Inszenierungen versinken will.

Die Maschine ist heilig

Netflix ist vom Berlinale-Server nur zwei, drei Klicks entfernt, und nicht nur weil das Berlin von „Ich bin dein Mensch“ dem Berlin von „Unorthodox“, Maria Schraders preisgekrönter Miniserie, so ähnlich sieht mit seinem fast schon postkartenhaften Mitte-Flair (deswegen aber auch), schaut man auf diesen Film, wie man auf eine Serie schauen würde. Es geht um eine Frau, die erwachsen, Wissenschaftlerin und nicht unbedingt glücklich ist. Und um einen Roboter, den sie testen soll: ob er als Gefährte tauge, ob er wirklich etwas lerne mit jeder Interaktion; und ob er störanfällig sei. Die Frau ist Maren Eggert, nervös, neurotisch, klug und voller Zweifel an der ganzen Sache – man schaut und hört ihr gerne zu. Der Roboter wird, notgedrungen, von einem Menschen gespielt, dem zurückhaltend gut aussehenden englischen Schauspieler Dan Stevens, weshalb jeder, der ein bisschen Gespür für Chemie im Kino hat, gleich weiß, dass das mit den beiden etwas werden wird. Dazwischen spielt sich ab, was deutschen Drehbüchern so einfällt, wenn das Genre die Romantic Comedy ist – und, völlig verdorben von zu vielen Serien, denkt man, dass diese beiden in ein größeres Ensemble gehörten, noch fünf interessante Figuren (oder Roboter) und deren andere Beziehungsprobleme; dann könnte das eine unterhaltsame Miniserie werden.

Die Begegnung von Mensch und Roboter (oder wie immer die künstlichen Wesen heißen) wirft im Kino meist die Frage nach der Echtheit des Menschen auf: Wenn die künstlichen Wesen ein künstliches Bewusstsein und künstliche Erinnerungen haben – woher weiß der Mensch, dass seine Erinnerungen echt sind?

Dass das Drehbuch von Jan Schomburg und Maria Schrader einen anderen Weg geht, das wird einem spätestens in jener Szene bewusst, in der Maren Eggert und ihr Roboter einen Ausflug machen, und auf einmal steht der künstliche Mensch auf einer Lichtung, und um ihn herum gruppieren sich mächtige Hirsche. Er rieche nicht nach Mensch, sagt der Roboter, deshalb hätten die Tiere keine Angst vor ihm – und wer da an Grenouille denkt, den Mörder aus dem „Parfüm“, ist auf der falschen Spur. Das Bild sagt: heiliger Hubertus, heiliger Franziskus – und das ist es, was wir lernen, während wir den Roboter betrachten. Er ist mehr Heiliger als Maschine, ein Wesen, das gewissermaßen jungfräulich erschaffen, nicht gezeugt wurde – und sein Algorithmus ist so programmiert, dass er immer das Gute tut. Was dann doch eine Aussage über die Menschen ist, die das Gute vielleicht nicht tun, aber immerhin programmieren können. Zu gern würde man Maria Schraders Serie „Wir sind die Roboter“ sehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
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