Beau Bridges wird 80

Der fabelhafte Mister B.

Von Claudius Seidl
09.12.2021
, 06:21
Beau Bridges, Michelle Pfeiffer und die Lichter von San Francisco in dem Film „Die Fabelhaften Baker Boys“.
Der Schauspieler Beau Bridges war immer ein Held oder Schurke für den zweiten Blick. Und im Kino der Repräsentant der normalen Leute. An diesem Donnerstag wird er achtzig Jahre alt. Ein Glückwunsch.
ANZEIGE

­Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Beau Bridges morgens mit dem Bus zur Arbeit fährt, im Regenmantel, mit einer Aktentasche – aber vorstellbar ist es schon, wenn man heute zurückblickt auf all die Rollen, die er gespielt hat in seiner Karriere, die 1948, da war er sieben Jahre alt, mit einer Kinderrolle in der Komödie „No Minor Vices“ angefangen hat. Und die, wie sein Auftritt neulich, in „One Night in Miami“ bewiesen hat, so schnell nicht beendet sein wird.

ANZEIGE

Zurückschauen kann man, aber überschauen kann wohl nicht einmal Beau Bridges selbst dieses Werk, all die Filme, Serien, Fernsehspiele, denen er durch seine pure Präsenz etwas gab und gibt, das man Bodenhaftung nennen kann oder Welthaltigkeit. Und das sich immer verband mit einem Identifikationsangebot für jene Männer im Publikum, die ahnten, dass sie selber auch nie einen Attraktivitätswettbewerb gewinnen würden.

Für die Rolle des Helden (oder des glamourösen Schurken) ist sein Kinn zu flach, und das Gesicht ist ein bisschen zu breit. Aber Augen hat er, sehr tiefe, sehr dunkle. Und wenn er die richtigen Rollen bekommt, dann ist man als Zuschauer hin und her gerissen: Soll man sich von der Behäbigkeit der Gesichtszüge einlullen lassen – oder soll man die Augen als Warnzeichen betrachten? Mit diesem Gesicht kann Beau Bridges Männer mit einem Abgrund in sich spielen und auch solche ohne, was im lebens-nahen amerikanischen Kino nicht zu un­terschätzen ist.

Was die Männer von den Jungs unterscheidet

Woher er solche Männer kennt, ist eine Frage, die seine Biographie nicht beantworten kann. Er ist der Sohn des Schauspielerpaares Lloyd und Dorothy Brid­ges, der ältere Bruder von Jeff, er war ein Junge, der in Holmbly Hills aufwuchs, einem schicken Viertel von Los Angeles, und dessen Eltern, wenn sie arbeiten mussten, meistens von einer Limousine zum Drehort gefahren wurden. Anscheinend hat er, was er vom Leben der ge­wöhnlichen Menschen weiß, beim Studium seiner Drehbücher gelernt. Offensichtlich war er ein guter Schüler.

ANZEIGE

Seine erste nennenswerte Rolle spielte er in „The Incident“, einem Nouvelle-Vague-haft inszenierten und etwas zu di­daktisch erzählten Film von 1967. Eine U-Bahn, nachts, auf dem Weg von der Bronx nach Manhattan, zwei Halbstarke terrorisieren die Fahrgäste. Keiner wagt es, sich zu wehren. Und dann steht Beau Bridges, als junger Rekrut mit einem Gips am rechten Arm, auf, ignoriert seine Angst, ignoriert den Schmerz. Und wird tatsächlich fertig mit den beiden. Fast seine ganze Karriere ist in diesem Showdown vorgezeichnet.

Dass sein jüngerer Bruder Jeff schmalere und markantere Züge hat, dass Jeff die eigenwilligeren und die rebellischeren, also die besseren Rollen bekam: Dem hat sich Beau Bridges mit bewundernswerter Tapferkeit gestellt, 1989, in dem Film „Die fabelhaften Baker Boys“, in dem er nur scheinbar der Spießigere, der Loser und Langweiler war. Zwei Brüder, beide Pianisten, treten in zweitklassigen Ballsälen auf, und natürlich ist Jeff der Begabtere, der Künstler, der viel mehr will. Und der, als eine Sängerin zu dem Duo stößt, mit ihr eine Liebesgeschichte anfängt. Aber Beau, der erkannt hat, dass er kein Genie ist, und der weiß, dass er eine Familie durchbringen muss, handelt letztlich erwachsener. Jeff ist der Baker Boy, Beau ist ein Mann: Das spürt man, jedenfalls beim fünften oder sechsten Wiedersehen (wofür dieser Film unbedingt gut genug ist).

ANZEIGE

Und das ist der Trost, den Beau Bridges und Hollywood jederzeit spenden können: dass Attraktivität keine Gnade ist, kein Geschenk der Gene. Sie stellt sich im Handeln her; man muss nur das Richtige tun. In der Serie „Homeland“ spielte Bridges den amerikanischen Präsidenten; eine Rolle, die gerade groß genug für ihn war. An diesem Donnerstag wird er achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE