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Berlinale mit Coixet und Varda

Die Zeit begleiten, während sie vergeht

Von Verena Lueken
 - 13:52
Was aussieht wie ein schönes Schlussbild, ist ein schönes Schlussbild, und zwar aus „Elisa & Marcela“ von Isabel Croixet im Wettbewerb der Berlinale.

Agnès Varda geht in keinen Wettbewerb mehr. Als Filmemacherin ist sie konkurrenzlos in ihrem Eigensinn, ihrer Kreativität und in dem, was sie selbst die „subjektiv dokumentarische“ Qualität ihrer Filme nennt. Ihre Kunst verändert, was sie vorfindet. Konkurrenzlos ist Agnès Varda auch als Erzählerin ihres Werks und Philosophin des Kinos überhaupt, konkurrenzlos selbst als bildende Künstlerin, die ihr Leben lang mit dem fotografischen Abbild der Wirklichkeit gearbeitet hat und das nun außerhalb des Kinos fortsetzt. Sie ist neunzig, und es gibt niemanden, der es mit ihr aufnehmen kann, wie sie schlagfertig und überlegt in der Pressekonferenz in Berlin bewies. Ihr Film „Varda par Agnès“ lief konsequenterweise im Wettbewerbsprogramm außer Konkurrenz.

Ein Glück für dieses Festival und seinen fahlen Wettbewerb, dass es einen aktuellen Film von ihr gibt. Und mit ihr. „Varda par Agnès“ ist, der Titel deutet es an, eine Art ausgedehnter Masterclass, ausgedehnt über viele Meisterklassen, die sie über die Jahre gehalten hat, in der Pariser Oper, in einem halbvollen Kino oder im Freien. Immer hatte sie Filmbeispiele dabei, immer Ausschnitte aus ihrem Werk und Bilder von Dreharbeiten, die ihr neuer, vielleicht letzter Film nun zusammenmontiert. Möglicherweise hat sie von ihrem ersten Film, „Cléo 5 à 7“, in Paris erzählt, von „Vogelfrei“ in einem Dorfkino, von „Le Bonheur“ in einem Garten und von „Black Panther“ in einem Vorlesungssaal. Für ihren Film spielt es keine Rolle. Sie trägt immer Lila in Lagen, und da sie seit vielen Jahren einen dreifarbigen Pilzkopf aufhat, merkt man nicht immer, wie viel Zeit zwischen ihren Auftritten liegen mag. Auch das spielt keine Rolle. Denn sie wiederholt sich nicht.

Bauwerk aus hunderten Filmdosen

Nicht jeder Künstler hat zu seiner Kunst Substantielles zu sagen. Agnès Varda aber weiß sehr genau, was sie tut, und erzählt darüber, als säße sie mit Freunden am Kamin. „Inspiration, création, partage“, das seien die drei Komponenten, wobei sie mit création „Arbeit“ meint und mit partage die Teilhabe des Zuschauers, ohne dessen Auge, dessen Reaktion ihre Filme nicht zu den kleinen Wunderwerken werden, die sie meistens sind.

Doch auch wenn es nicht funktioniert, wie zum Beispiel bei ihrem Film zum hundertsten Geburtstag des Kinos, „Les Cent et Une Nuits de Simon Cinéma“, wirft der Fehlschlag noch lustige und vielsagende Anekdoten ab, zum Beispiel darüber, wie ein Ententeich zum Meer wurde, über das Catherine Deneuve in den Armen von Robert de Niro gleitet, während das Kamera- und Tonteam in Anglerhosen nebenher watet und de Niro fehlerfrei einen französischen Text aufsagt, den er phonetisch auswendig gelernt hat.

Es geht, sagt Agnès Varda, im Kino nicht darum, die Zeit anzuhalten, sondern darum, die Zeit in ihrem Vergehen zu begleiten. Für sie bedeutete das auch, vom Filmemachen hinüberzugehen in die Bildende Kunst und das Kino dort weiterleben zu lassen. Nachdem auch ihre Filme nur noch in digitalen Kopien vorgeführt werden, baut sie aus den Tausenden Metern belichteten Filmmaterials in Ausstellungsräumen „Filmschuppen“. Sie sehen so aus, wie Kinder Häuser malen. Man kann hineingehen und an den Wänden entlanggehen und dabei Bild für Bild den Film sehen, aus dem sie gebaut sind. Manchmal fällt das Licht durch die Filmstreifen, und wir sehen kurz eine Projektion, die wieder verschwindet. Aus hunderten Filmdosen baut Agnès Varda einen Torbogen, durch den man auf den Schuppen zugehen kann – eine wahrlich inspirierte Interpretation ihrer Feststellung, das Kino wandere ins Museum ab.

Proteste vor der ersten Vorführung

Nach zwei Stunden mit dieser Frau, die alles verkörpert, was Menschsein bedeutet und was das Kino im emphatischsten Sinn so lange ist, wie sie und ihre Filme zu sehen sein werden, hat es alles schwer, was auf die Leinwand kommt. Aber ein Absturz ins banale Kunstgewerbe, wie es Isabel Coixets „Elisa & Marcela“ vorführte, war dennoch besonders schmerzhaft.

Gegen die Programmierung dieses Films im Wettbewerb der Filmfestspiele gab es schon Proteste, bevor er überhaupt zu sehen war. Nicht, weil er im Übermaß vollkommen ironielos die Irisblende einsetzt, um aus den Porträts seiner Hauptfiguren historische Medaillons zu basteln; nicht wegen des aufdringlichen Streicherschmalzes, das von der Tonspur tropft, nicht wegen der restlosen Historisierung seines Stoffs, sondern weil er eine Produktion von Netflix ist. Wie im letzten Jahr in Cannes die französischen Kinobesitzer, so haben dieser Tage die deutschen dagegen protestiert, dass „Elisa & Marcela“ überhaupt in Berlin um eine Auszeichnung konkurrieren darf. Ob und wie lange eine Kinoauswertung vorgesehen sei, bevor der Film ins Streamingabo komme, sei unklar, was von der anderen Seite mit der Versicherung pariert wird, zumindest in Spanien sei ein Kinostart sichergestellt. Die Berlinale hat sich entschlossen, das als hinreichend zu betrachten, um den Film dem Kino zuzuschlagen.

Die Geschichte der beiden Frauen, die sich um die Jahrhundertwende in Galicien ineinander verlieben, einen Priester durch die Verkleidung der einen Frau als Mann hinters Licht führen und heiraten, um in Porto aufzufliegen, im Gefängnis zu sitzen und schließlich nach Argentinien fliehen zu können, ist in seinem geschmäcklerischen Schwarzweiß streckenweise unerträglich. Im Detail ist er ungenau (Elisas Kurzhaarschnitt wächst sich im Gefängnis in wenigen Tagen aus), in der Zuspitzung sentimental (in Spanien verraten die guten Bürgersfrauen die beiden, in Portugal bringen sie Geschenke ins Gefängnis, das recht gemütlich aussieht), und wenn am Schluss eine Texteinblendung darüber informiert, dass seit 2005 Männer und Frauen in Spanien auch untereinander heiraten dürfen und die Ehe von Elisa und Marcela nie annulliert wurde, ist die ganze Geschichte säuberlich im Buch längst vergangener Skurrilitäten abgelegt. Unwahrscheinlich, dass die Jury das anders sieht.

Wobei wir bei den Favoriten wären. Gibt es sie überhaupt? Der türkische Beitrag von Emin Alper oder Wang Quan’ans „Öndög“ aus der Mongolei? Einer der deutschen Filme, von Angela Schanelec oder Nora Fingscheidt? Keine Prognose.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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