„Die Outsider“

Bleib Gold, Ponyboy, bleib Gold

Von Maria Wiesner
28.12.2021
, 08:41
Improvisiert statt inszeniert: Emilio Estevez, Rob Lowe, C. Thomas Howell, Matt Dillon, Ralph Macchio, Patrick Swayze, Tom Cruise
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Als das „Brat Pack“ laufen lernte: Francis Ford Coppola hat seinen Filmklassiker „Die Outsider“ aus dem Jahr 1983 neu überarbeitet.
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Manche Künstler sind froh, wenn sie ein Projekt abgeschlossen haben. Der amerikanische Regisseur Francis Ford Coppola gehört nicht zu ihnen. Auch Jahrzehnte nachdem ein Film, den er gedreht hat, im Kino lief, beschäftigt ihn das Werk. Unlängst erzählte er in einem Interview, dass er im privaten Archiv noch alle frühen Schnittfassungen, nicht verwendeten Szenen und sonstigen Reste seiner Filme habe. Es verwundert also kaum, dass alle paar Jahre neue Versionen seiner Klassiker entstehen.

Coppola hat erst im vergangenen Jahr den dritten Teil des Mafia-Epos „Der Pate“ neu geschnitten. Vom Vietnamkriegsdrama „Apocalypse Now“ existieren mittlerweile sogar drei offizielle Versionen, die dem zweieinhalbstündigen Original aus dem Jahr 1979 zwischen dreißig und fünfzig Minuten Filmmaterial hinzufügten. Und seit Neuestem gehört auch das Jugenddrama „Die Outsider“ in die Reihe der mutierten Coppola-Filme. In diesem Winter kam eine digital nachbearbeitete Version mit gut zwanzig zusätzlichen Minuten für kurze Zeit auf die große Leinwand und erschien dann als „Special Edition“ fürs Heimkino.

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Die längere Fassung entstand bereits vor einigen Jahren, erzählt Coppola zur Einführung im DVD-Bonusmaterial, als er den Film in der Schulklasse seiner Enkelin Gia Coppola, die mittlerweile selbst Regisseurin ist, zeigte. „Die Schüler kannten das Buch besser als ich selbst, und in der Originalfassung mussten so viele wichtige Szenen wegfallen.“ Tatsächlich hatte der Verleiher Warner Brothers Anfang der Achtzigerjahre darauf gedrungen, dass Coppola sein Material auf knapp neunzig Minuten beschränkt. Die Romanvorlage von Susan E. Hinton war ein Jugendbuchklassiker, der Film also für ein junges Publikum gedacht; vor den sozialen Medien traute man Heranwachsenden zu, sich länger als eine Stunde auf ein Medium zu konzentrieren.

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© YouTube/KinoCheck

Was Coppola jetzt ergänzt hat, passt so organisch zum Bekannten, dass man sich fragt, wie der Film überhaupt in einer anderen Fassung hat existieren können. Zehn Minuten dienen als neuer Anfang, der zum einen die sozialen Spannungen zwischen reichen und armen Jugendlichen in Tulsa stärker herausarbeitet und zum anderen die Darsteller glänzen lässt: Da verlässt nun also Thomas Howell ein Kino, in dem „The Hustler“ mit Paul Newman läuft, posiert vor einer spiegelnden Tür und ahmt Newmans lässige Bewegung nach, wie der als Kleinstadt-Billardspieler nach oben zu kommen versucht. Ein paar reiche Kids im Ford Mustang entdecken den Jungen und jagen ihn bis in sein Viertel, in dem die Vorgärten nicht mehr gepflegt sind und verrostete Autos erst angeschoben werden müssen, bevor sie mit altersschwachem Seufzen starten.

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Die reichen Jungs setzen Howell mit einem Messer zu und erbeuten eine pomadierte Haarlocke, die ihm und seinen Kumpels den Spitznamen „Greaser“ geben. Dann geraten sechs Halbwüchsige in die Schlägerei, und was folgt, ist ein Auftritt der ersten Liga der Hollywood-Darsteller, bevor sie erste Liga wurde: Rob Lowe springt über die Motorhaube, Patrick Swayze rollt Hemdsärmel hoch und verteilt Prügel, Emilio Estevez versucht es mit Tritten, Matt Dillon packt einen Knüppel und geht damit auf den polierten Ford los. Irgendwo im Handgemenge wuselt Tom Cruise herum, der schon hier in seiner physischen Präsenz heraussticht, weil er die vom Regisseur angeordneten Turnübungen offenbar ernster genommen hat als der Rest. Cruise zerrt einen Angreifer fast aus dem Wagen, macht später einen Salto von einem Autodach, reibt sich nach dem Sturz in die Tiefe den Kopf und rennt dann weiter. Keiner dieser späteren Superstars hatte vor diesem Film große Rollen gespielt, nur Matt Dillon war schon aus einigen Jugendfilmen bekannt; hier macht er sich James Deans Rebellen-Posen zu eigen. Für Rob Lowe war „Die Outsider“ das Debüt.

Neue Gesichter einer wilden jungen Darstellerriege

Die gesamte Szene, von der Schlägerei bis zum Abhängen im verwilderten Vorgarten, wurde improvisiert. Coppola ließ die Kamera laufen, wollte einfangen, wie die Jungen sich möglichst natürlich bewegten. Das erklärt die Energie, die diese Szene noch heute hat. Die Sätze klingen nicht eingeübt, denn statt die Schauspieler ihren Text lernen zu lassen, ließ der Regisseur sein Ensemble Situationen proben, wie sie die Figuren im Film erleben. Im DVD-Kommentar berichtet Coppola, dass er den Darstellern der armen Arbeiterkinder schlechtere Unterkünfte und weniger Tagegeld gegeben habe. Die gemeinschaftsbildende Taktik ging weit über die Dreharbeiten hinaus auf, die meisten der jungen Darsteller der „Greaser“-Gang blieben einander für die nächsten Jahre eng verbunden und bildeten im Kern das, was Zeitungen später als „Brat Pack“ bezeichneten: die neuen Gesichter einer wilden jungen Darstellerriege. Für die Neuversion hat Coppola aber nicht nur bislang Unbekanntes ans Licht geholt, sondern auch Änderungen vorgenommen, vor allem in der Überarbeitung der Musik.

Ursprünglich von seinem Vater Carmine Coppola komponiert, war sie elegisch und stark von Themen aus „Vom Winde verweht“ beeinflusst. Coppola hatte seinen Vater darauf hingewiesen, dass Margaret Mitchells Roman für die Jugendlichen im Film eine große Rolle spielt – einige Szenen wurden als direkte Zitate gedreht, etwa wenn zwei Jugendfreunde, von blutroter Abendsonne angestrahlt, vor einer Kirche über das Leben diskutieren. Carmine Coppola schoss dann allerdings für den Geschmack des Sohnes kompositorisch etwas über das Ziel heraus, weshalb man im überarbeiteten Film nun Songs von Elvis hört, während die Jugendlichen aus der Arbeiterklasse durch die Stadt ziehen. Der beherzte Eingriff zeigt, was das ganze Unternehmen bedeutet: Andere Regisseure mögen sich der Neuverfilmung fremder Klassiker widmen, Coppola gelingt die Neuerung seiner eigenen allein am Schnitttisch.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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