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Marina Vlady wird achtzig

Rom, Paris und Moskau

Von Andreas Kilb
 - 14:49

Im Mai 1963 berichtete Brigitte Jeremias in dieser Zeitung über die Vergabe der Goldenen Palme in Cannes an Luchino Viscontis Lampedusa-Verfilmung „Der Leopard“. Auch Bette Davis und Joan Crawford waren auf dem Festival zu Gast gewesen, als feindliche Schwestern in Robert Aldrichs „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“. Den Preis als beste Darstellerin aber bekam eine französische Schauspielerin für ihren Auftritt in einem italienischen Film, in Marco Ferreris Ehesatire „Die Bienenkönigin“: Marina Vlady.

Vier Jahre zuvor hatte Simone de Beauvoir an gleicher Stelle einen Aufsatz über Brigitte Bardot als neuen westlichen Frauentypus veröffentlicht. In einer Reihe mit Bardot, der „zweideutigen Nymphe“ des Kinos, nannte sie Audrey Hepburn, Leslie Caron, Françoise Arnoul – und Marina Vlady. Damals war Vlady einundzwanzig Jahre alt und hatte schon zwei Dutzend Spielfilme gedreht; seit ihrem siebzehnten Lebensjahr spielte sie nur noch Hauptrollen. Allein im Jahr ihrer Auszeichnung in Cannes liefen vier Filme mit ihr in Deutschland an; zwei Jahre später spielte sie für Orson Welles eine englische Lady in „Falstaff“. Viel näher kann man dem Sternenhimmel des Kinos nicht mehr kommen.

Aber Marina Vlady, die Tochter eines russischen Exilkünstlerpaars, die mit elf zum ersten Mal vor der Kamera gestanden, mit sechzehn den Regisseur Robert Hossein geheiratet hatte und ein Filmstar gewesen war, bevor sie begriff, was das bedeutete, hörte gerade in dieser Zeit auf, mit Bardot und den anderen Kinonymphen zu konkurrieren. 1967 drehte sie mit Jean-Luc Godard „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, und im selben Jahr lernte sie beim Filmfestival in Moskau den russischen Schauspieler und Liederdichter Wladimir Wyssozki kennen und heiratete ihn zwei Jahre danach. In ihrem Erinnerungsbuch „Eine Liebe zwischen zwei Welten“ hat Vlady diese Ehe, für die sie in die Sowjetunion zog und in die französische KP eintrat, in grellen Farben geschildert: Er dichtete, trank und nahm Drogen, sie kochte für ihn und seine Freunde, bis er mit zweiundvierzig an Herzversagen starb.

In Godards Film ist Marina Vlady die Verkörperung der entwurzelten Kleinbürgerin in der neuen, gnadenlosen Stadt Paris. Sie wohnt in einer der gerasterten Banlieues, gibt morgens ihr Kind bei Nachbarn ab, sitzt beim Friseur, arbeitet als Gelegenheitsprostituierte, um sich teure Kleider und Küchengeräte leisten zu können, und räsoniert mit ihrem Regisseur über die Arbeiterklasse und die Zukunft der Menschheit. Weil aber Vlady mit ihren dunkel getönten Haaren dieselbe träge Eleganz und verführerische Schwermut ausstrahlt, die sie schon als „Die blonde Hexe“ oder als „Mädchen im Schaufenster“ oder in Rolf Thieles Liebesklamotte „Sie“ gezeigt hat, ist „Zwei oder drei Dinge ...“ eben kein Philosophieseminar geworden, sondern eine Elegie. Die Elegie eines Lebens, das sich ewig im Kreis dreht, bis es aus der Kurve fliegt, eines Lebens, das sie selbst nie geführt hat.

Ein paar Jahre nach Wladimir Wyssozkis Tod nämlich traf Marina Vlady den Krebschirurgen und politischen Aktivisten Léon Schwarzenberg, mit dem sie bis zu dessen Tod – er starb 2003 – zusammenlebte, und von da an waren die Film- und Fernsehrollen, die sie neben ihrer Theaterarbeit noch annahm, eine gut bezahlte Nebenbeschäftigung. Mit einer Ausnahme vielleicht: In Ettore Scolas „Splendor“ von 1989 ist sie die große Liebe des Filmvorführers Luigi (Massimo Troisi), der mit seinem Chef (Marcello Mastroianni) ein verdämmerndes Kino in einer italienischen Kleinstadt betreibt. Da ist der alte Glanz wieder da, der Zauber der Frühe. In Rom, in den Studios der Cinecittà, hatte ihre Karriere ja erst richtig begonnen, damals, als sich die Italiener in ihre blauen Augen und blonden Haare verliebten. Heute wird Marina Vlady, der Star, der keiner sein wollte, achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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