„Die Täuschung“ im Kino

Trockenobst für Hitler

Von Sandra Kegel
25.05.2022
, 08:11
Der geheimnisvolle Agent ist schon vor seinem  Einsatz bereits tot: Filmszene mit Matthew Macfadyen und Colin Firth (rechts)
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Wie britische Spione im Kriegsjahr 1943 das NS-Regime mit den Mitteln der Dichtung in die Irre führten: Der Kinofilm „Die Täuschung“ ist eine Hommage an die Macht der Literatur.
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Ideen navigieren durch die Welt, und gute Ideen lassen sich kaum aufhalten. Weil sie ansteckend sind, anregend und unsichtbar. In einen Roman oder einen Film gepackt, befeuern sie Vorstellungskraft und Neugier. Wir wollen wissen, wie es weitergeht. Dass Erzählungen die Macht haben, auch den Lauf der Geschichte zu verändern, das lässt sich an der abenteuerlichen Operation Mincemeat aufs Neue studieren. Sie gilt als eine der folgenreichsten Täuschungsaktionen in der modernen Militärstrategie. Ins Werk gesetzt wurde sie vom englischen Geheimdienst während des Zweiten Weltkrieges – mithilfe eine Mannes, der nie gelebt hat.

Die Verfilmung dieser mitunter heiter erzählten Episode in einem von Untergangsvisionen traumatisierten London des Jahres 1943, die unter dem Titel „Die Täuschung“ jetzt, da in Europa wieder Kriegt herrscht, in den deutschen Kinos anläuft, ist neben der historisch faktentreuen Rekonstruktion, die ohne visuelle Überraschungen auskommt, eine Hommage an die Macht der Phantasie. „Jede Geschichte hat zwei Seiten, die, die wir sehen, und die, die verborgen bleibt“, sagt der Erzähler im Film. Und dieser junge Mann im Dämmerlicht, gespielt von Johnny Flynn, taucht zwar nur in einer Nebenrolle auf, diese aber trägt einen großen Namen: Ian Fleming.

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Der Plan war so genial wie illegal

Der James-Bond-Erfinder war, ehe er seine 007-Fiktionen verfasste, bekanntlich Offizier im Marinegeheimdienst. Und in die Operation Mincemeat war er unmittelbar involviert. Federführend aber war er nicht. Das waren zwei in England seither legendäre Exzentriker, Charles Cholmondeley und Ewen Montagu, die keine Skrupel hatten, sich für ihre Erzählung, die nur an einen einzigen Leser gerichtet war, Adolf Hitler, der Leiche eines Obdachlosen zu bemächtigen, um ihm eine neue Identität zu verschaffen.

Ihr Plan war so genial wie illegal, weshalb Montagu noch in seinem Buch 1954 über die Operation Mincemeat den Namen des Toten geheim hielt, und auch die frühe Verfilmung von 1956 führte aus Vorsicht noch absichtlich in die Irre. Ein ums andere Mal folgt die Kamera von Sebastian Blenkov den durch und durch britischen Protagonisten Montagu und Cholmondeley in den Londoner Keller, in dem die Agenten ihr Verwirrstück in Szene setzen, das nicht weniger bezwecken soll, als Hitlers Macht in Europa zu brechen.

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Poetische Experimente mit der Leiche

Colin Firth, dessen zeitlos anmutende Gesichtszüge ihn seit je für historische Rollen zu prädestinieren scheinen, spielt Montagu als Mann mit zwei Gesichtern: pflichtbewusst im Dienst des Vaterlands, dabei im Innern getrieben von Sehnsucht und Schwermut und durch eine kriselnde Ehe auch noch anfällig für amouröse Verstrickungen. Wenn Firth dabei etwas zu häufig die Stirn runzelt oder seufzend die Straße hinabblickt und Matthew Mac­fadyen in der Rolle des pragmatischen Cholmondeley allzu bemüht ist, als Montagu-Antipode aufzuscheinen, beide lieben dieselbe Frau (Kelly Macdonald), ist das nur deshalb verzeihlich, weil die Hauptrolle des Films ohnehin kein Schauspieler innehat, sondern die Story selbst es ist, die hier alles überragt.

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© Warner Bros. DE

Die Kreativität, die den im Märchenerzählen Ungeübten viel Schweiß und mitunter Tränen abverlangt, lässt die Agenten bald Realität mit Fiktion vermischen. An den poetischen Experimenten mit der Leiche, die es fiktional zu präparieren gilt, kann sich der Film gar nicht sattsehen: wie die Spione dem leblosen Körper, der dereinst an der Küste Spaniens stranden und den Deutschen in seinem Gepäck falsche Informationen liefern soll, nicht nur ein glaubwürdiges Leben einhauchen, sondern auch einen überzeugenden Tod. Nur dann kann der unwahrscheinliche Plan aufgehen, dass Berlin auf die Lüge hereinfällt und tatsächlich glaubt, die alliierten Truppen würden 1943 Europa nicht etwa über Sizilien einnehmen wollen, sondern über Griechenland.

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Vermeintlich Nebensächliches wird kriegsentscheidend sein

Der Film spielt während des Krieges, aber ein Kriegsfilm ist er nicht. Vielmehr schafft er die Atmosphäre eines Kammerspiels, wenn das Klaustrophobische sich nicht nur über den Keller der heimlichen Poeten, sondern auch über ein durch die Verdunklung fast vollständig lichtloses London legt. Die Agenten grübeln über Fragen, die sonst Schriftsteller quälen: Welches biographische Detail ist überzeugend für eine Figur? Soll der Mann, der nun den Allerweltsnamen William Martin trägt, ordentlich sein oder ehrgeizig, eine Frau lieben oder Spielschulden haben?

Stück für Stück wird Willy, wie sie ihn bald nennen, als wäre er ein alter Freund, zum Menschen mit Kontur: Er stammt aus Cardiff, steht kurz vor der Ehe mit einer bezaubernden Pam, weshalb ein Liebesbrief vonnöten ist, ein Vater wird erdichtet, der ob der Verlobten verärgert ist, und weil der Major das städtische Amüsement liebt, trägt er Theaterkarten bei sich. Seinen unsteten Charakter soll ein sorgloser Umgang mit Geld dokumentieren, dafür wird der Brief einer Bank entworfen, den Willy mit sich führt, und ein Ring, den er für Pam gekauft, aber nicht bezahlt hat. Jeder Schritt der Verwandlung von der fremden Leiche hin zu einem Mann, der gelebt und geliebt hat, wird minutiös geplant. Das geht so weit, dass Montagu selbst die gefälschten Briefe tagelang mit sich herumträgt, um ihnen die richtige Patina zu verleihen.

Tatsächlich werden am Ende gerade diese vermeintlich nebensächlichen Inszenierungen kriegsentscheidend sein: Die Deutschen überprüfen, als sie der Dokumente habhaft werden, sogar die Echtheit der Theatertickets. Denn als kurz zuvor der Leichnam des fiktiven William Martin mit einem U-Boot vor der spanischen Küste ins Wasser gelassen wird, geschieht das Unwahrscheinliche: An die Küste von Huelva getrieben, wird der Tote von einem Fischer geborgen, dem spanischen Vizekonsul übergeben, an deutsche Spione weitergereicht, bis schließlich der Inhalt der am Körper des Toten befestigten Aktentasche mit den gefälschten Briefen als Sensation nach Berlin gekabelt wird. „Mincemeat Swallowed Whole“ lautet Montagus Erfolgsmeldung an Churchill.

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Der einzige Mensch im deutschen Oberkommando, der seinem Tagebuch zufolge einen Verdacht hegte, war Goebbels. Doch weil er offenbar zu ängstlich war, seine Zweifel mit Hitler zu teilen, der von der Echtheit der Papiere überzeugt war, verdanken zahllose Soldaten ausgerechnet Goebbels ihr Leben. Wie viele Menschen dank Mincemeat nicht sterben mussten, da Hitler seine Truppen von Sizilien nach Griechenland verlegte, um dort die Invasion abzuwehren, die niemals stattfand, lässt sich kaum beziffern. Als die Alliierten am 10. Juli 1943 in Sizilien anlandeten, trafen sie kaum auf Widerstand.

Wenn der Film das reale Grabmal auf dem Friedhof von Huelva mit der Inschrift des fiktiven Majors Martin ins Bild setzt, wird die Verstrickung von Wirklichkeit und Erfindung, um die es diesem sehenswerten Film zu tun ist, noch einmal manifest. Denn auf dem Grabstein findet sich ein weiterer Name, Glyndwr Michael. Erst 1996 kam durch Zufall das wohlgehütete Geheimnis heraus, dass es sich bei dem Leichnam von Mincemeat um den Körper eines walisischen Obdachlosen handelte. Glyndwr Michael oder William Martin, einerlei, unter welchem Namen man sich seiner erinnern mag, er bleibt einer der erfolgreichsten Agenten des Zweiten Weltkriegs, und das, obwohl er während seines Einsatzes bereits tot war.

Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.
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