Die „taz“ wird 25

Du bist wirklich ein Waschlappen!

Von Joseph von Westfalen
Aktualisiert am 11.04.2004
 - 11:16
Nicht immer erfolgreich, aber zäh: die „taz”
Es lebe die Pressefrechheit: Die „taz“ wird fünfundzwanzig. Spontisprüche wie einst hört man nicht mehr, noch immer aber beweist die Zeitung Haltung und Selbstironie. Der Schriftsteller Joseph von Westfalen gratuliert.

Am Anfang mag das Wort gewesen sein. Danach müßte Gott aber gleich den Satz erschaffen haben, ohne den die Wörter allein Gestammel wären. Erst etwas später wurde der Satz im Tennisspiel und bei der Pflegeversicherung, beim Zinsenzahlen und in der Musik erfunden. Satz nennt man auch die ordentliche Form, in die ein hingetrommeltes und mit Korrekturen übersätes Manuskript gebracht worden ist, um es druckfertig zu machen. Die Menschen, die das tun, nannte man bislang Setzer. Der Beruf stirbt aus. Computerprogramme machen ihn überflüssig. Nach der neuen Rechtschreibung müßten sie logischerweise Sätzer heißen.

Ist die "taz" eine Vorreiterin der uns quälenden Sprachverwirrung? Ihre Setzer nannten sich von Anfang an "Sätzer", der selbstgewählten Korrektheit aber bald überdrüssig meist "Säzzer". Die Setzer oder Sätzer oder Säzzer und natürlich die Säzzerinnen spielten in der ersten Zeit der "taz" eine legendäre Rolle. Formulierungen, die sich Autoren und Redakteure ausgedacht hatten, konnten sie beim Setzen jederzeit kommentieren. Der Handarbeiter hatte die Möglichkeit, dem Kopfmenschen die Meinung zu sagen. Natürlich war das Kult und ein Spiel und kokett, aber es war auch einzigartig und ein bißchen revolutionär. Es erklang die Stimme derer, die sonst nicht zu hören sind, und sie war oft geistvoll, manchmal genial, manchmal albern, rechthaberisch, kleinkariert.

Vergnügliche Erinnerungsstunden

Die "taz" hat sich nicht die Mühe gemacht, zu ihrem Jubiläum eine Sammlung der schönsten Säzzer-Bemerkungen herauszubringen. Die älteren Redakteure haben vielleicht die Nase vom ehemaligen Säzzer-Kult voll, den jüngeren ist es vielleicht zu 68er-haft. Egal, es gibt auf zwei CD-ROMs ein "taz"-Archiv, und wenn man hier nach "Säzzer" oder "Säzzerin" fahndet, kann man sich zwei, drei vergnügliche Erinnerungsstunden machen.

Es muß nicht immer Guido Knopp sein, der einem die Vergangenheit erklärt. Egal, ob ein törichter Satz Eberhard Diepgens vom Säzzer mit einemtrockenen "Wie meinen?" quittiert wird oder eine Auslassung Wolf Biermanns mit dem Hinweis: "Weißt du was, du bist wirklich ein Waschlappen geworden, die Säzzerin." Hinter einer vom Redakteur nicht ausreichend gerügten Meldung über das Querfeldeinradfahren entlädt sich der grüne Umweltgroll geradezu lawinenartig: "Hoffentlich knallt er dann gegen 'ne stabile Tanne und bricht sich mindestens drei Knochen, damit er in Zukunft nicht mehr in der Lage ist, das ganze kleine Grünzeug zusammenzufahren und irgendwelche Viecher aufzuscheuchen!"

Ich krieg Albträume!

Eine Reportage über die Verhandlungen eines Fürsten und Waldbesitzers mit dem Freistaat Bayern über die Verlängerung eines Pachtvertrags beginnt so: "Die Nebelschwaden hängen tief zwischen den Berggipfeln, der Wind treibt Regenwolken vor sich her." Und schon kann der Säzzer nicht mehr an sich halten und fügt seine Bemerkung in den Text: "Ich glaub ich krieg Albträume!"

Spontisprüche dieser Art mögen sich überlebt haben - schade eigentlich. Selbstironie in anderer Form aber ist der "taz" geblieben, und sie ist neben ihrer Haltung ihr wichtigstes Kapital. Genauer: Mit Selbstironie macht sie ihre Haltung verdaulich. "Wir verkaufen Ideale", sagt die "taz" über sich selbst, ungelogen, denn sie setzt sich sicher mehr als andere Blätter für Minderheiten und für den Umweltschutz ein. Das tun die Gutmenschen - und die gehen einem deswegen auf die Nerven, ungerecht, aber so ist es.
Die "taz" kämpfte von Anfang an gegen das Böse: Atomindustrie, Krieg, Ausländerfeindlichkeit, Frauenemanzipationsbehinderung. Aber nie verbissen und pathetisch, aufgeregt und fähnchenschwenkend. Nie mit dem Gestus der Allwissenheit, der einem in vielen noch so gutgemeinten Artikeln bürgerlicherer Zeitungen entgegenschlägt.

Karriere ist ein Fremdwort

Bekanntlich lebt die "taz" nur zu einem verschwindend geringen Anteil vom Anzeigengeschäft, das fast alle anderen Zeitungen über Wasser hält. Da dieses Geschäft in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist, hat die "taz" unter der gegenwärtigen Wirtschaftskrise weniger zu leiden als die großen Zeitungen. Genauer: Die Mitarbeiter leiden wie bisher darunter, weniger als halb soviel zu verdienen als bei anderen Zeitungen. 75 Redakteure gibt es, aber eigentlich ist nur Geld für 30 da. Das ist der Preis der Freiheit. Karriere ist ein Fremdwort.

Genau das merkt man dem Blatt an, wenn man es nur eine Woche liest. Hier herrscht an vielen Stellen der trockene Ton wie in gepflegten alten Kriminalromanen mit diesen Detektiven, die immer chronisch knapp bei Kasse sind, aber gute Sprüche drauf haben, die wissen, wie der Hase läuft und wo etwas faul ist, und denen man nichts vormachen kann. Sie prahlen nicht mit ihrer Intelligenz. Diese Typen sind uns ans Herz gewachsen. Mit rot und grün und links hat das nur bedingt zu tun. Es ist mehr die Haltung, der lapidare Ton, die Perspektive, die nicht benebelt ist vom Umgang mit den Mächtigen. Als Leser der "taz" gewinnt man den klassischen Loser-Durchblick auf die Abscheulichkeiten der Welt, der ab einer gewissen Gehaltsstufe nur noch selten zu finden und der vielen Journalisten abhanden gekommen ist, die sich vom Nahedransein an den Spitzenpolitikern Erkenntnisgewinne versprechen. (Der verstorbene "SZ"-Journalist Herbert Riehl-Heyse war einer der wenigen, die sich trotz Flügen in Kanzlermaschinen nicht blenden ließen.) "Pressefrechheit", nennt die "taz" diese seltene Qualität.

Der mit Abstand glänzendste Kommentar, der in den Zeitungen zu dem Prozeß um die Mannesmann-Abfindungen zu lesen war, stand in der "taz". Ein Gedicht von Fritz Eckenga:

Einmal im Leben. Ein Spießertraum
Einmal ein Unternehmen leiten,
ach, das täte ich so was von gern,
einmal die ganz große Welle reiten,
nicht so ne Klitsche - n Riesenkonzern.
Über den Wolken in Vorstandsetagen,
einsam entscheiden, mit großem Geschick.
Verantwortung und gute Anzüge tragen,
leiten und leisten, die Täler im Blick.
Nicht klagen, sondern lustvoll entbehren,
ein Vorbild für viele, die unter mir sind.
Mich für das Große und Ganze verzehren,
einer für alle und einsam im Wind.
Einmal das Schicksal mit Händen anfassen,
zeigen, wie Gott seine Nerven behält.
Einmal zweitausend Menschen entlassen,
einmal bedauern, wie schwer mir das fällt.
Einmal die Räder wie wenige drehen,
sein, der es ist, der es will und auch kann.
Einmal die ganz schweren Wege gehen,
wie Mannesmann-Esser, wie Ackermann.
Einmal sich ordinär abfinden lassen,
einmal ein Auftritt vorm Strafgericht.
Einmal sich platt mit dem Pöbel befassen,
dem Strafrichter sagen: Verpiss dich, du Wicht!

Genauso famos hätte es der geliebte Heinrich Heine geschrieben, wäre er nicht 1856 von uns gegangen. Ich weiß nicht, wer den Heinrich-Heine-Preis verleiht, diese Strophen allein hätten ihn verdient. Wenn Esser und Ackermann wirklich so schlaue Füchse sein sollten und noch einen Funken von Charakter haben, kommen sie dem zuvor, stiften sofort einen Mannesmann-Gedächtnispreis für gereimte Kommentare des Zeitgeschehens und verleihen ihn der "taz" oder dem Autor. Der einzige Fehler der "taz" war, die wunderbaren Worte auf der letzten und nicht auf der ersten Seite zu plazieren.

Ärger mit den Stammlesern

Vermutlich aber hätte es dann wieder Ärger mit den Stammlesern gegeben. Neben den Einsätzen von 5000 Genossenschaftlern lebt die "taz" fast ausschließlich von ihren Abonnenten und deren Erwartungen an "ihre" Zeitung und deren klare Linie. Und mit Ironie tun sich die Altroten und Altgrünen offenbar schwer. Das darf nicht zu oft sein. Die selbstironische Erpressungsaktion, mit der die "taz" zum Abonnieren aufrief, war manchem treuen Leser ein Graus. Weil die "taz" nicht betteln und flehen wollte, drohte sie, ihre pfiffigen Schlagzeilen wegzulassen oder mit Busen auf dem Titel sich nach neuen Lesern zu strecken. Es erschien die "Tittentaz". Empörung und Abokündigungen wie auch damals, als man Redakteure der "Bild" zum Blattmachen einlud.

Mit ihrer eloquenten und aparten Chefredakteurin Bascha Mika oder der Kolumnistin Bettina Gaus ist die "taz" regelmäßig im Internationalen Frühschoppen der ARD vertreten. Sicher gibt es knarzig-möchtegernradikale "taz"-Leser, die auch das als Verrat empfinden und sich fragen, was an ihrer möglichst alternativ sein und bleiben sollenden Zeitung anders ist als an den anderen.

Der Sound der Unabhängigkeit

Hören sie es nicht? Es tönt nach wie vor der Sound der Unabhängigkeit, gespielt von Autoren und Redakteuren, die nicht am Leben verzweifeln, wenn ihr Duschwasser noch aus einem alten Boiler kommt und es mit dem Marmorbad in der Penthousewohnung nichts geworden ist. Und die das Wort "Utopie" noch aussprechen können, ohne sich dafür zu entschuldigen. Dafür wird die "taz" heftig geliebt. Von vielen Chefredakteuren anderer Zeitungen, die selbst so nicht mehr singen können. Vermutlich liebt auch Kai Dieckmann von "Bild" die "taz", auch wenn er sich gegen deren Penisverlängerungssatire vor Gericht wehrte. Für die Slogans, die die "taz" sich bei einer ihrer Selbsterhaltungsaktionen bei den Prominenten gratis abholte, hätte eine andere Zeitung ein Vermögen ausgeben müssen. "Die ,taz' ist unsterblich. Ich kenne das Gefühl", dichtete Harald Schmidt.

Als er im vorigen Herbst sein Untertauchen ankündigte, wälzte sich das Feuilleton eine Woche verzweifelt im Staub. Sollte der "taz" je ernsthaft der Untergang drohen, käme es zu einer beispiellosen Demonstration und den amüsantesten Allianzen. So schwarz oder auch farblos ist keiner, daß er nicht ein paar rote oder grüne Flecken im Herzen hätte, die er von einer Zeitung repräsentiert haben will.

Der Autor lebt in München. Sein Roman "Der Liebessalat" ist gerade bei btb als Taschenbuch erschienen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.04.2004, Nr. 15 / Seite 32
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot