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Dokumentarfilm von Cohn-Bendit

Israel-Kritik in Israel

Von Claus Leggewie
Aktualisiert am 18.06.2020
 - 08:19
Daniel Cohn-Bendit in Frankfurt Bild: dpa
Im Dokumentarfilm „Nous sommes tous juifs allemands“ stellt Daniel Cohn-Bendit sich Israel, dem Land, in dem er niemals leben wollte – und legt dabei viele seiner Zweifel offen.

Von Daniel Cohn-Bendit stammt der ketzerische Satz: „Ich kann überall gut als Jude leben, außer in Israel.“ Zu sehr störten den säkularen Weltbürger dort die religiöse Orthodoxie, zu sehr den Verfechter des „Multikulti“ die strikte Ausgrenzung nichtjüdischer Migranten, zu sehr den Libertären der Autokrat Benjamin Netanjahu. Und natürlich die Behandlung der Palästinenser. Vom früheren Europaparlamentarier stammt jetzt ein indirekter, aber sehr viel weiterführender Beitrag zur aktuellen Debatte, wie kritisch man „mit Israel umgehen“ darf. In einem Film, der jüngst im französischen Fernsehen gezeigt wurde und im Herbst in Deutschland uraufgeführt werden soll, stellt er sich dem Land, das inzwischen auch Naomi Bubis, Tochter des verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem Leben in Frankfurt vorzieht. „Bist du deutsch?“ fragt Cohn-Bendit sie. Jedenfalls, dass sie einen veganen Laden in Tel Aviv unterhält, sei das „Jecke“ an ihr, kommen sie überein.

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Das erste Wort und Bild ist „Maman“. „Durch dich bin ich Jude. Dir habe ich den ganzen Schlamassel zu verdanken“, ruft Cohn-Bendit seiner 1963 verstorbenen Mutter Herta nach, für die das Judentum selbstverständlich war, auch wenn sie es nicht religiös lebte. Dem Studentenführer von 1968 wurde es durch den damaligen KP-Generalsekretär angetragen, der vor dem deutschen Anarchisten warnte und „Dany le Rouge“ damit als Juden markierte. Das löste die legendäre Demonstration unter dem Slogan „Wir sind alle deutsche Juden!“ aus, Matrix aller Solidaritätsbekundungen gegen Diskriminierung bis heute. „Wie kann ich mich jüdisch fühlen, ohne im Geringsten jüdisch zu leben“ ist das Rätsel, das der Fünfundsiebzigjährige immer noch nicht gelöst hat. Kontra bekommt er von dem neun Jahre älteren Bruder Gabriel beim Ortstermin in Moissac, dem Ort, wo sich die Eltern während des Zweiten Weltkrieges versteckt hielten und „Gaby“ bei einer Familie Unterschlupf gefunden hatte. Vehement wehrt er sich heute dagegen, Jude zu sein, bloß weil er von außen so bezeichnet wird. Er sieht darin „Identitätswahn“, dass sich alle zu ihrer Herkunft bekennen.

Quelle: F.A.Z.
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