Dokumentarfilme im Kino

In die Tiefe oder in die Fläche?

Von Bert Rebhandl
14.07.2021
, 11:11
Die fleißige Filmfigur fotografiert frische Fische, die frischen Fische fürchten den frei schwimmenden Filmfotografen nicht.
Tauchbilder, Weltallblicke und große Landschaften in kleinen Impressionen: Zwei grundverschiedene Zeit- und Raumzonen kommen mit den Dokumentarfilmen „Grenzland“ und „Wer wir waren“ jetzt ins Kino.

Das Futur zwei ist eine der raffinierteren Ausdrucksformen des menschlichen Selbstverständnisses. Sich als zukünftig vergangen zu denken, setzt alles in ein bestimmtes Licht. In den Monaten vor seinem Tod arbeitete Roger Willemsen an einem Text, der postum unter dem Titel „Wer wir waren“ veröffentlicht wurde. Eine Zukunftsrede über die modernen Menschen, über das schnelle Altern von fast allem, was einmal als modern galt, ein Manifest auch über die Verknappung der Ressource Zukunft. Karl Kraus dachte die letzten Tage der Menschheit als eine Aufführung für ein Marstheater. Willemsen entwarf dafür eine Menetekel-Rede. Fünf Jahre liegt sein Tod erst zurück, und doch hat sich eine Menge geändert: Wir blicken nun mit stetig wachsender Dringlichkeit nach vorn.

In diese Stimmungslage zielt nun der Dokumentarfilm „Wer wir waren“ von Marc Bauder. Er ließ sich von Willemsens Text inspirieren, holt aber mächtig aus. Zu einem Marstheater reicht es nicht ganz, aber immerhin zu einer Raumstation. Der Astronaut Alexander Gerst, der die Erde aus der Perspektive sah, zu der es nun auch Jeff Bezos zieht, ist ein Kronzeuge für Bauders Blick auf die Gattung. Die meisten Menschen sehen die Welt nach dem Maßstab ihres eigenen Lebens. Bauder aber sieht die Welt nach dem Maßstab, den Willemsen angelegt hat und den er nun noch weiter vergrößert.

Attraktive Effekte, interdisziplinäre Gesprächspartner

Er möchte von einer Gattung erzählen, die im Begriff ist, ihre Lebensgrundlagen zu verfehlen. Und er möchte zugleich zu dieser Gattung sprechen. Eine Reihe von Kronzeugen dient dabei als Orientierung, zum Beispiel die Ozeanologin Sylvia Earle, die unter dem Meeresspiegel vergleichbare Erfahrungen macht wie Alexander Gerst. Tauchbilder sind meistens attraktiv, wie auch der Blick von oben auf eine Wolkenformation, an deren Unterseite gerade ein Hurrikan tobt. Mit solchen Effekten wartet „Wer wir waren“ immer wieder auf. Bauders Gesprächspartner sind vorwiegend interdisziplinär unterwegs: Matthieu Ricard ist Biologe, in erster Linie aber buddhistischer Mönch, der sich besonders für die Meditation interessiert. Die Botschaft von „Wer wir waren“ ist einfach: Wenn es den Menschen gelänge, ein bisschen mehr in ihrer Gegenwart zu leben, weniger Raubbau an natürlichen Ressourcen, ihrer eigenen Konzentration oder den Potentialen der Zukunft zu treiben, dann könnten sie ihre Futur-zwei-Bilanz vielleicht doch noch in Ordnung bringen. Wenig Bewusstsein verrät „Wer wir waren“ aber für die eigene Stellung in diesen Zusammenhängen, ein typisch westliches Projekt mit Zugriff auf den ganzen Globus, Teil der gegenwärtigen Spannungen: Kann der auftrumpfende Universalismus, der die wirtschaftliche Globalisierung begleitet hat, nun auch noch die Bemühungen um eine Behebung von deren Krisensymptomen formen? Darüber wäre einmal zu meditieren.

Neues Europa in „Grenzland“: Ein Grenzstein im Dreiländereck, wo Deutschland, Polen und Tschechien einander berühren
Neues Europa in „Grenzland“: Ein Grenzstein im Dreiländereck, wo Deutschland, Polen und Tschechien einander berühren Bild: dpa

Man kann aber auch einen anderen Dokumentarfilm konsultieren, der diese Woche in die Kinos kommt und dezidiert von jeglichem Blick aus dem Weltall absieht: „Grenzland“ von Andreas Voigt bleibt auf dem Boden, der von der Oder bewässert wird. Der Horizont des meist flachen Landes dient ihm als Richtmaß, während es mit der Zeitlichkeit durchaus Parallelen zu „Wer wir waren“ gibt. Filme werden ja prinzipiell in einem Modus des Futur zwei gedreht. Sie nehmen Menschen in einem Moment auf, der für eine Zukunft aufgehoben wird. Im Jahr 1992 ist Andreas Voigt schon einmal durch das Grenzland gereist, das entlang der Oder verläuft. Damals waren die Eindrücke der Wende noch ganz frisch.

Neues Europa zwischen Guben und dem Stettiner Haff

Inzwischen kann man zwischen Guben und dem Stettiner Haff sehr schön das neue Europa kennenlernen. Eine junge Frau namens Aniela wird zum Studium der Informatik nach Sheffield gehen, sie ist auch mit der Politik in Polen nicht einverstanden, sie sieht die Freiheit des Wortes (und der Sexualität) bedroht. Auf einem alten Gut hat sich eine Familie aus Australien niedergelassen, die es mit Pferden hat und die findet: „Polen ist ein bisschen ein wildes Land.“ Eine Frau, die 1992 in der Gubener Wolle gearbeitet hat, einem Großbetrieb, der danach nicht lange Bestand hatte, lebt heute „im Westen“, ist aber wieder einmal zu Besuch in der Stadt, die sie nie verlassen hätte, wenn sie nicht gemusst hätte. Ein junger Mann aus Kurdistan baut sich etwas auf, er hat ein altes Haus gefunden und will sesshaft werden. Seine Freunde finden, dass man in Deutschland „ruhig leben“ kann, für Minderheiten hat der Staat Respekt, die Sorben sind in Sicherheit, die Kurden wären es gern. Mohammad ist damals über das Meer gekommen, in der „Flüchtlingskrise“. Als Voigt einen Kollegen fragt, ob er sich vorstellen könne, was das für eine Flucht war, antwortet der patzig: „Ich bin nicht mitgeschwommen.“ Mohammad arbeitet heute für eine Firma, die „Träume in Lack“ verkauft.

Eine gänzlich andere Migrationsgeschichte tut sich ein paar Minuten später auf: Eine Frau singt ein griechisches Partisanenlied – ihr Vater, ein Kommunist, kam einst unter Stalin nach Polen, weil es dort „viele leere Orte“ gab, und fand eine neue Heimat. Es ist erstaunlich, was Andreas Voigt im Grenzland einsammelt und in einer ruhigen Erzählung präsentiert. „Arbeit, Heimat, Liebe“, das sind die Stichwörter. Eine große Landschaft in kleinen Impressionen in einem sehenswerten Film. Fragen nach dem Stand der Zivilisation werden in „Grenzland“ nicht beantwortet, sie werden nicht einmal gestellt. Und doch geht es auch hier um das Gleiche wie in „Wer wir waren“: um einen Kosmos, der sich für Andreas Voigt von unten eröffnet und in einem Geist, der das Futur zwei nicht als diskursiven Trick, sondern als innerste Verfasstheit des dokumentarischen Arbeitens nimmt.

Quelle: F.A.Z.
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