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Dominik Graf im Gespräch

Was sich das deutsche Kino mal getraut hat

Von Peter Körte
 - 13:22
Herbert Knaup als SEK-Mann in Dominik Grafs Film „Die Sieger“

Als vor 25 Jahren Dominik Grafs Film „Die Sieger“ ins Kino kam, waren die Erwartungen hoch. Ein harter Polizeifilm über ein Spezialeinsatzkommando, käufliche Politiker und organisiertes Verbrechen, ein enormes Budget von zwölf Millionen Mark, das sollte auch ein Zeichen im deutschen Kino setzen. Doch die Kritik war verhalten, der Kassenerfolg blieb aus. Urteile über Filme sind allerdings nicht in Stein gemeißelt. Zum 100. Geburtstag der Bavaria Film, die „Die Sieger“ damals produziert hatte, bekam Dominik Graf daher die Möglichkeit, einen Director’s Cut zu erstellen, den die Berlinale nun in ihrer Reihe „Berlinale Classics“ zeigt. Es ist ein ganz erstaunliches Wiedersehen. Ohne alle Nostalgie kann man hier sehen, was sich das deutsche Kino mal getraut hat.

Haben Sie sich gewundert, dass die Bavaria zu ihrem 100. Geburtstag Ihren Film auf die Berlinale schickt?

Ich war überrascht, der Film war ja, wie wir alle wissen, ein Riesenflop und wurde nach dem Weggang des Produzenten Günter Rohrbach, der ihn beschützt und initiiert hat, dementsprechend behandelt. Deshalb hatten wir auch bei bestimmten Passagen nur noch VHS-Material, die ganzen Negative waren im Papierkorb gelandet. Jetzt hat sich aber glücklicherweise eine andere Sichtweise durchgesetzt.

Sie haben Ihren Film selbst als „misslungen“ bezeichnet, gemessen an dem, was er hätte sein können. Was macht den 14 Minuten längeren Director’s Cut geglückter?

Es ist jetzt der komplette Schnitt des Films, den ich gedreht habe. Ich habe keinen Meter mehr gedreht, und es ist erfreulich und beruhigend, dass diese Szenen wieder eingefügt wurden, egal wie sie aussehen. Es gab vieles, was ich noch drehen wollte, in anderen Buchfassungen, aber das klappte bedauerlicherweise nicht. Diese neu eingesetzte lange Sequenz mit Herbert Knaup und die andere Szene mit Hansa Czypionka und auch Knaup im Krankenhaus – beides geht jetzt in die Richtung der tiefen Zerrissenheit der Hauptfiguren, die ich immer wollte. In den SEK-Gruppenräumen, wenn Knaup sich vor Wut und besoffener Verzweiflung in den Arm schneidet, dieser Moment war gemeint als ein Moment wie bei Joseph Conrad, als Beginn einer Reise. Und dass er dann am Ende seinem dunklen Alter Ego, dem Ex-Kollegen aus seiner Sondereinheit, gegenübersteht, das ist das, was mich immer an Polizeifilmen interessiert hat. Die Initialzündung für die Dunkelheit ist der Kindsmord am Anfang, der sagt viel über diese Leute mit überzogenem Selbstbewusstsein aus, die es nicht ertragen, wenn etwas schiefläuft in ihrem Leben.

Wie gut ist der Film in Ihrer Wahrnehmung gealtert?

Das hat was von einer Fangfrage, denn die behauptete Alterung von Filmen ist manchmal nur eine Geschmacksfrage. Ein Film in sich kann völlig stimmig sein, aber die Leute heute stören sich daran, dass der Hauptdarsteller einen altmodischen Schnurrbart trägt. Man begegnet in alten Filmen immer auch einem alten Stil, der aber oft klüger und welthaltiger sein kann als der aktuelle und vermeintlich moderne. Zeitgemäßheit an sich muss man sowieso vermeiden, weil jede Gegenwart sich immer viel zu viel auf sich selbst einbildet. Alle schreien jetzt nach zwanzig Jahren Serienhype noch immer begeistert, aber ich hab’ das Gefühl, dass unter Umständen die Serien der achtziger und neunziger Jahre innovativer waren, „Akte X“ oder „Homicide“ zum Beispiel. Von deren kreativer Wucht erleben wir heute nur noch die abflachenden Wellen. „Die Sieger“, schon klar, ist ein Neunziger-Jahre-Film – und zugleich auch nicht, weil er zeigt, wie die Männerbilder bröseln, wie Heldenbilder zerspringen in Doppelgänger, Spiegelungen. „Die Sieger“ war auch gemeint als ein Geisterfilm, von Beginn an. Wir wollten das Genre des Polizeifilms etwas variieren.

Der Misserfolg des Films war ein ziemlicher Schlag für Sie.

Ja. Die Verunsicherung danach war extrem. Nach den „Siegern“ musste ich einen Bruch mit dem klassischen Bavaria-Kino vollziehen. Was ich dort gelernt hatte in diesen fast zehn Jahren, das konnte danach nicht mehr wirken. Etwas musste neu erfunden werden. Und das Neue dauerte eine Weile... bis zum „Felsen“.

Es war auch ein Ende des Traums vom deutschen Genrekino. Erfolg hatten fast nur Komödien. „Der bewegte Mann“, der auch 1994 im Kino lief, hatte mehr als sechs Millionen Zuschauer, „Die Sieger“ 170000!

Ja, wir hatten alle einen Traum, als wir den Film vorbereitet und gemacht haben. Ich will meine Verantwortung für das kommerzielle Desaster nicht kleinreden, aber ich hatte immer schon, auch 1988 bei der „Katze“, den Eindruck, der Genrefilm ist in Deutschland gar nicht vorgesehen.

Genre, könnte man sagen, ist nur noch was fürs Fernsehen!

Fernsehfilme sehe ich seit jeher wie billigere Kinofilme an, so wie es früher im Kino eben auch kleine Genrefilme gab, dementsprechend sind meine Ambitionen ins Fernsehen gewandert. In der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ ist vieles drin, was ich auch schon in den „Siegern“ wollte. Im Grunde habe ich im Genre weitergemacht, same same but different. Und es hat mich mehr und mehr zur Literaturverfilmung hingezogen, Henry-James-Stoffe, „Geliebte Schwestern“ oder „Das Gelübde“, darin habe ich versucht, mein Geschäftsmodell zu erweitern.

Blicken Sie jetzt eher zornig oder melancholisch zurück auf die Möglichkeit, die „Die Sieger“ waren?

Weder noch. Weil ich sehe, dass ich da etwas versuchen konnte, mit einer Konsequenz, von der ich bezweifle, dass Kollegen das heute noch dürften. Es ist ja auch immer eine Frage des Geldes. Der Showdown auf dem Berg mit der Gondel, das kann man nicht für 5000 Euro an einem Tag drehen. Ich freue mich heute an der Atmosphäre und an dem Versuch der erzählerischen Größe. Es gab zwar früh eine Drehbuchfassung von Günter Schütter, die war noch größer und wirklich sensationell – und war auch sogar schon gefördert. Aber die Version wäre dreieinhalb bis vier Stunden lang geworden, hätte nie gemacht werden können. Als Bernd Eichinger, der mit der Constantin Film den Film verleihen sollte, seinen unsterblichen, wenn auch etwas auf der Hand liegenden Satz sagte: „Das sind ja keine Sieger, das sind Verlierer“ und ausstieg – da wurde es eng.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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