Grafs „Fabian“-Verfilmung

Sei ein Mann und schwimme mir nicht nach

Von Andreas Kilb
04.08.2021
, 06:27
Das sachliche Liebespaar: Saskia Rosendahl und Tom Schilling
Dominik Graf hat Erich Kästners Zeitroman „Fabian“ von 1931 verfilmt. Aus dem sachlichen Helden der untergehenden Weimarer Republik wird ein sentimentaler Liebender von heute. Das führt zu starken Kinomomenten, geht aber an dem Buch vorbei.

Wenn man die Karriere des Regisseurs Dominik Graf be­trachtet, fragt man sich, warum er nicht längst alle wichtigen Filmpreise dieser Welt gewonnen hat. Schließlich hat Graf den deutschen Thriller neu erfunden (1988 mit „Die Katze“), den „Tatort“ (1995 mit „Frau Bu lacht“), die Fernsehkrimiserie („Im Angesicht des Verbrechens“) und den Kostümfilm („Die geliebten Schwestern“). Er hat die Nouvelle Vague im deutschen Kino fortgesetzt und der Digitaltechnik eine Gasse ge­bahnt. Dass ihm dabei die Zuschauermassen selten ge­folgt sind, ist kein Argument gegen Grafs Brillanz. Schließlich erreicht auch Wim Wenders nur noch dann ein größeres Pu­blikum, wenn er Dokumentarfilme über den Papst dreht.

Aber es gibt auch eine Kehrseite, oder ­ besser: eine Begleiterscheinung des Könnertums, wie es Graf verkörpert. Leute wie er sind im deutschen Film prinzipiell einsam, nicht nur, weil ihnen kaum ein Kollege das Wasser reichen kann, sondern auch, weil die Strukturen der Branche nicht auf sie eingerichtet sind. Das Fernsehen und die Filmfördertöpfe, die hierzulande das Produktionsgeschehen bestimmen, bevorzugen eingängige Themen und sendefähige Formate. Grafs neuer Spielfilm „Fabian“, die Adaption des gleichnamigen Romans von Erich Kästner, ist dagegen im alten Fernsehformat 1,37:1 gedreht, das die Sender längst abgeschafft haben, und dauert drei Stunden. Um diese ungewöhnliche Form und Länge durchzusetzen, musste Graf, wie so oft schon, beim Budget Abstriche ma­chen. Doch das ist nicht der Grund dafür, dass „Fabian“ nicht der ganz große Film geworden ist, den man sich ein weiteres Mal von ihm erhofft hatte. Dieser Grund hat mit dem Buch selbst zu tun – mit dem, was es ist, und dem, was Dominik Graf daraus gemacht hat.

Kein Kostümfilm, sondern Geschichte als Gegenwart

Dabei ist der Anfang von „Fabian“ gran­­dios, eine der stärksten Setzungen, die das deutsche Kino in den letzten Jahren gemacht hat. Die Kamera gleitet in den Berliner U-Bahnhof Heidelberger Platz hinunter, es ist hier und heute, Fahrgäste steigen aus dem Zug, durchqueren die Tunnelröhre zum hinteren Aufgang, das Kameraauge folgt ihnen, erklimmt die Treppenstufen und betritt das Jahr 1931. Fabian (Tom Schilling) lehnt am Geländer, ein Kriegskrüppel spricht ihn an und zeigt sein verstümmeltes Ge­sicht, eine Plakatsäule wirbt für Tanzlokale, dann sind wir in einem Nachtclub, Paare drehen sich zur Musik, eine Dame mit Bubikopf wirft sich Fabian an den Hals, und so tauchen wir in die Zeit der Erzählung ein.

In diesem Auftakt steckt Grafs ästhetisches Programm. „Fabian“ will kein Kostümfilm sein, er will die Geschichte nicht historisieren, sondern in die Gegenwart hineinreißen, und deshalb fegt er so gut wie alle Konventionen beiseite, in denen sich das klassische Erzählkino und das neue Serienfernsehen eingerichtet ha­ben. Die Bilder sind mit digitaler Handkamera und Super-8-Kameras auf­ge­nommen und so gegen den Strich montiert, dass das Auge es sich in ihnen nie so ge­mütlich machen kann wie in den geglätteten Szenarien von „Babylon Berlin“. Auch die Schauplätze verweigern sich den ge­wohn­ten Standards, mal wirken sie be­son­ders erlesen wie die neusachlich ausstaffierte Villa, in der Fabians Freund La­bu­de aufgewachsen ist, dann wieder ra­bi­at ahistorisch wie das Café, in dem einige Schlüsselszenen der Handlung spielen.

Ein Narziss der späten Weimarer Republik: Tom Schilling als Fabian (hier mit Meret Becker) in Dominik Grafs Kästner-Verfilmung
Ein Narziss der späten Weimarer Republik: Tom Schilling als Fabian (hier mit Meret Becker) in Dominik Grafs Kästner-Verfilmung Bild: dpa

Einmal fährt Fabian in den Potsdamer Vorort Babelsberg, wo seine Freundin Cornelia (Saskia Rosendahl) für einen Film vorspricht. Auf der Flucht vor dem Schmerz, den ihr Auftritt in ihm auslöst, verläuft er sich in den Außenbauten des Studios, er irrt durch Western-, Tempel- und Nibelungenstädte, bis sich hinter der letzten Fassade eine leere Brache vor ihm auftut. So inszeniert der Film seine eigene Angst vor der Kulissen­haftigkeit, dem Er­sti­cken im Dekor, das jede Literaturverfilmung bedroht. Aber seine Antwort darauf ist nicht die Ödnis einer gewaltsamen Ak­tualisierung, sondern ein historisch aufgeweckter Blick auf den Stoff.

Denn natürlich ist „Fabian“ kein Ro­man von heute, sondern ein Panorama der sterbenden Weimarer Republik, und deren Zeitzeugnisse schreibt Graf in die Er­zäh­lung ein. Schwarz-weiße Dokumentarbilder, darunter Ausschnitte aus Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“, sind wie Satzzeichen zwischen die Spielszenen ge­setzt. Hakenkreuze und kommunistische Parolen bedecken die Mauern, SA-Männer patrouillieren in den Straßen. Ein An­zug kann sich in einem Wimpernschlag in ein Braunhemd verwandeln. Fabians Sorglosigkeit wirkt vor diesem Hintergrund noch bedrückender. Ein Job als Werbetexter, ein Zim­mer in einer Pensi­on, flüchtige Af­fären, das ist sei­ne Welt. Sein Freund Labude schreibt an ei­ner Dissertation über Lessing. Der Krieg hat beide verstört, aber nicht gebrochen. Die Zukunft könnte ein Fest werden, doch die Ge­genwart ist nicht danach.

Bei Kästner lässt der Held die Geliebte ziehen

So hält der Film das Gleichgewicht zwischen Zeitbild und Bildungsroman. Aber dann kommt ihm et­was dazwischen, denn Fabian trifft Cornelia. Bei Kästner sind diese Begegnung und ihr Resultat nur ein Moment der Geschichte, die letztlich eine Charakterstudie ist. Bei Dominik Graf schiebt sich die Lovestory ins Zentrum, nicht nur, weil Tom Schilling und Saskia Rosendahl, die sie spielen, die Idealbesetzung für das Liebespaar sind und Albrecht Schuch der ideale beste Freund. Die Liebe gibt Graf auch die Gelegenheit, den Panzer von Fabians Coolness zu zerbrechen. Doch bei Kästner bleibt der Panzer intakt, der Held lässt die Geliebte ziehen, statt sie nach Babelsberg zu verfolgen. Erst als Labude sich erschießt, weil ihm ein Universitätsassistent einen üblen Streich gespielt hat, wird Fabian handgreiflich.

Die Unwucht der Erzählung kommt zu­ta­ge, als der Produzent Makart die Szene betritt. In einem Kino-Melodram wäre er der Schurke. Aber Kästner hat ei­ne sachliche Romanze geschrieben, in der die Fi­nanzlage den Ausschlag gibt. Die Heldin verlässt den Helden, weil sie Geld braucht, man trennt sich ohne Groll. Für Graf und den Drehbuchautor Constantin Lieb war das zu wenig, bei ihnen muss die Liebe am Schicksal scheitern. Das rückt auch die Szenen, die im Bordell spielen, in ein an­de­res, moralisierendes Licht. Bei Kästner ist die Prostitution nur ein weiterer Aspekt der Versachlichung aller Lebensverhältnisse. Der Film stößt sie in die Sphäre des Verruchten zurück. In diesen Szenen ist er sehr nah an „Babylon Berlin“.

Der Roman war ein Opfer der Bücherverbrennung

Walter Benjamin, der Kästner mit dem klaren Blick des Hasses betrachtete, hat dessen Dichtung als Aufruf zum Nichtstun bezeichnet: „Nie hat man in ei­ner ungemütlichen Situation sich’s ge­müt­licher eingerichtet.“ Aber so weit ging Kästners Ge­mütlichkeit nicht, dass er ihre Konsequenzen nicht begriffen hätte. Sein Held er­trinkt, als er ein Kind aus dem Fluss retten will. „Lernt schwim­men!“ steht in Fa­bians Notizbuch. Kästner selbst, dessen Bücher, ­ darunter „Fabian“, im Mai 1933 auf den Scheiterhaufen brannten, hat die Naziherrschaft mit großem Geschick als Ju­gendbuch- und pseudonymer Drehbuchautor durchschwommen. Fabian war sein Werther, er warnte die Leser vor der Untiefe, die Kästner glücklich vermieden hatte.

In Dominik Grafs Film ertrinkt Fabian, weil er zu Cornelia zurückkehren will. Das ist ein Unterschied ums Ganze, weil so aus dem sachlichen ein sentimentaler Held wird. Der wahre Werther in Grafs Ge­schichte ist Albrecht Schuchs Labude, der unter seine missglückten Liebes- und Karrierepläne ­ei­­nen Schlussstrich zieht. Alles sei für etwas gut, auch ein Opfer, er­klärt La­budes Doktorvater, als er vom Freitod seines begabtesten Schülers hört. Die braunen Sympathisanten unter den Studenten klat­schen dazu Beifall. Als Vorahnung des Künf­tigen ist das ein starkes Bild. Erich Kästner hat es nur nicht geschrieben.

Die Tragödie des Könners besteht darin, dass er nicht frei in seinen Stoffen ­he­rum­schwim­men kann. Der Widerstand, den sie ihm leisten, macht sich als Druckverlust in den Bildern bemerkbar. In der letzten seiner drei Filmstunden wirkt „Fa­bian“ beinahe so konventionell wie das Qualitätsfernsehen, das er bekämpft. Vor sechzig Jahren hat François Truffaut in einem Zeitungsaufsatz eine Form des Kinos angeprangert, das sich seine Stoffe nach Belieben aus bekannten Büchern zurechtschnitzte. Aus der Haltung seines Es­says entstand die Nouvelle Vague. Nach ihrem Ende stehen sich das Kino und die Literatur wieder in der gleichen Konstellation gegenüber wie damals. Auch das ist eine Lektion aus Dominik Grafs „Fabian“.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot