Murakami-Verfilmung

Auf dem Rücksitz der Erinnerung

Von Andreas Kilb
23.12.2021
, 13:23
„Drive My Car“ ist ein Film, der mit seinem Drehbuch macht, was andere mit hundert Millionen Dollar machen. Er bringt eine Ge­schichte in Gang.
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Zwei Geschichten von Haruki Murakami verschmelzen in „Drive My Car“ zu einer Geschichte über Liebe, Betrug, Trauer und die Aussöhnung mit dem eigenen Leben.
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Zwei Menschen im Auto, ein Mann und eine Frau. Er sitzt hinten. „Fahren Sie mich irgendwo hin“, sagt er, „an einen Ort, der Ihnen gefällt.“ Sie fahren durch die Stadt bis zu einem schachtelartigen, silbrig glänzenden Riesenbau. Es ist die Müllverbrennungsanlage von Hiroshima, eine der mo­dern­sten Anlagen der Welt. „Sieht es nicht aus wie Schnee?“, fragt Misaki, die Fahrerin, als sie durch ein Glasfenster in die Halle schauen, in der die Plastikabfälle sortiert werden. „Warum haben Sie mich hierher­ge­bracht?“, entgegnet Herr Kafuku. „Nach dem Tod meiner Mutter bin ich hierher ge­zo­gen“, sagt Misaki. „Damals habe ich eine Zeit lang Mülllaster gefahren.“

Man kann Literatur nicht verfilmen. Man kann nur ihre Essenz, ihren besonderen Blick aus den Büchern in die Bilder übertragen. Diese Essenz liegt nicht in den Wörtern, sondern zwischen ihnen. Es hilft deshalb wenig, zu wissen, dass der Film, aus dem die Szene in der Müllverbrennungsanlage stammt, nach einer bestimmten Erzählung von Haruki Murakami entstanden ist. Denn eine Murakami-Verfilmung kann auch dann gelingen, wenn sie sich nicht an die Buchstaben ihrer Vorlage hält – vielleicht gerade dann. „Drive My Car“ von Ryusuke Hamaguchi ist eine der allerbesten Murakami-Verfilmungen, weil sie dem berühmten Erzähler sowohl treu als auch untreu ist, indem sie zwei seiner Geschichten, die auf dem Papier nichts miteinander zu tun haben, verbindet.

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Aus der Erinnerung in die Zukunft

Die eine Geschichte heißt „Drive My Car“. Sie handelt von einem Mann, der seinen Führerschein verliert und deshalb ei­ne Fahrerin anheuert; unterwegs erzählt er ihr von seiner verstorbenen Frau und ihren Liebhabern. Die zweite Geschichte, „Scheherazade“, dreht sich um eine junge Pflegerin, die ihrem älteren Liebhaber nach dem Sex Geschichten erzählt; eine handelt da­von, wie sie ins Haus ihrer ersten Schulliebe einbricht und dort bewusst Spuren hinterlässt. Beide Erzählungen stammen aus dem Band „Von Männern, die keine Frauen haben“. Ryusuke Hamaguchi, der Regisseur, und sein Ko-Autor Oe Takamasa haben die zweite Erzählung in die erste eingebaut, wie man einen Automotor in ei­ne Ka­rosserie einbaut. Der Film „Drive My Car“ handelt deshalb nicht nur von einem Wa­gen, einem hellroten Saab 900 Turbo, er ist auch selbst ein Vehikel, das aus der Erinnerung in die Zukunft fährt.

Die Frau aus Murakamis zweiter Erzählung ist in der Verfilmung die Ehefrau von Herrn Kafuku. Von ihr, ihrem Mann und ihren Liebhabern handeln die ersten fünfundvierzig Minuten des Films; erst dann, nach einem Zeitsprung von zwei Jahren, läuft der Vorspann. Oto und Yusuke Kafuku, so erfahren wir, hatten ein Kind, eine Tochter, die mit vier Jahren starb. Sie schlafen noch miteinander, und Oto, eine Drehbuchautorin, erzählt ihre Geschichten, doch sie trifft auch andere Männer. Eines Tages kommt Herr Kafuku überraschend nach Hause und sieht sie in der Umarmung ei­nes jungen Schauspielers. Ta­ge später bit­tet sie ihn um ein klärendes Gespräch, aber am Abend ist sie tot, gestorben an ei­nem Hirnschlag. Ihre letzte Geschichte, der Einbruch ins Haus ihres Schulfreundes und seine Folgen, bleibt ein Fragment.

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Der Hauptteil des Films beginnt nach dem Vorspann. Herr Kafuku, ein Theaterregisseur, kommt nach Hiroshima, um ein zweimonatiges Festivalprojekt zu leiten, eine In­sze­nie­rung von Tschechows „On­kel Wanja“. Aus Versicherungsgründen darf er seinen Wagen, den roten Saab, nicht selbst steuern, deshalb holt ihn die Berufsfahrerin Misaki morgens in seinem Quartier auf einer Insel vor der Küste ab und bringt ihn abends dorthin zurück. Die „Wanja“-Besetzung ist transnational, zum Cast gehören neben einigen Japanern auch eine Taiwanesin und eine stumme Koreanerin, die nur in Gebärdensprache redet. Kafuku regiert die Proben mit ruhiger Entschlossenheit. Ein neues Leben, sollte man meinen.

Aber das alte steckt darin wie die Puppe in der Puppe. Die „Wanja“-Tonkassetten, die Kafuku im Auto abhört – sein Saab stammt noch aus den Neunzigerjahren – sind alle noch von seiner Frau aufgenommen, sie spricht sämtliche Rollen außer der von Wanja, die für ihn selber bleibt. Kafuku will jedoch nicht mehr Wanja sein, deshalb gibt er die Rolle einem jungen Schauspieler, der als Held einer Teenagerserie be­rühmt geworden ist, bis er nach einer Affäre mit einer Minderjährigen aus dem Fernsehen flog. Er heißt Takatsuki. Und er war der letzte Liebhaber von Kafukus Frau.

© Polyfilm Verleih

Bei Filmfestival in Cannes im Juli hat „Drive My Car“ den Preis für das beste Drehbuch gewonnen. Diese Auszeichnung ist oft eine Verlegenheitslösung der Jury, wenn alle anderen wichtigen Preise vergeben sind. Diesmal nicht. „Drive My Car“ ist ein Film, der mit seinem Drehbuch macht, was andere mit hundert Millionen Dollar machen. Er bringt eine Ge­schichte in Gang. Er gibt ihr ein Motiv. Und er zieht alle Fä­den, die er spinnt, in diesem Motiv zusammen, sodass sich der innere Weg der Hauptfigur im äußeren Geschehen spiegelt und umgekehrt. Man könnte auch sagen: Die Fahrt im Saab ist das, was im Western der Ritt des Helden durch die Prärie war – und die Begegnung mit Takatsuki das Du­ell, in dem er sich bewähren muss.

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Denn Kafuku würgt an einer Frage, auf die er keine Antwort findet. War sein Eheleben eine Lüge? Hat seine Frau das Ende ihrer Geschichte einem anderen erzählt? Deshalb quält er Takatsuki bei den Theaterproben und lässt sich nach Feierabend von ihm umwerben, bis er herausfindet, was der Junge weiß. Und das ist wenig, so wenig, dass man es auf keinen Fall verraten darf. Aber auf dem Weg dorthin hat er mit Misaki, seiner Fahrerin, Freundschaft ge­schlos­sen, und am Ende ist sie es, die ihn aus seiner Erinnerungshölle befreit.

Eine gelungene Erzählung lässt ihr Leitmotiv in keinem Moment aus den Augen. Das gilt auch im Kino. Die Müllsammel­anlage von Hiroshima beispielsweise ist kein beliebig ausgesuchter Schauplatz, sie steht für das Unerledigte in Kafukus Kopf, das erst verbrennen muss, damit seine Seele Frieden findet. Und der Schnee, an den die Plastikflocken erinnern, wird sich später in den echten Schnee einer Winterlandschaft verwandeln, in der die Fahrerin und ihr Fahrgast nach der Ruine des Hauses su­chen, in dem Misakis Mutter gestorben ist. Als sie die Trümmer finden, steckt Misaki anstelle einer Kerze eine brennende Zigarette in den Schnee. Schon vorher ha­ben die beiden, gegen alle ihre guten Vorsätze, zusammen im Auto geraucht.

Drei Stunden dauert „Drive My Car“. Das ist, je nach Betrachtungsweise, eine sehr lange oder eine ziemlich kurze Zeit. Wie lange liest man an einem Buch? Wer einmal in einem gut erhaltenen Saab gesessen hat, weiß, dass Geschwindigkeit nicht alles ist. Die besseren Filme haben mit den Oldtimern gemeinsam, dass sie ihre Zu­schauer auf eine Reise mitnehmen, bei der Ankommen und Unterwegssein dasselbe sind. So wie hier.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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