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Film „Motherless Brooklyn“

Die Macke aus dem Off sagt uns die Wahrheit

Von Bert Rebhandl
Aktualisiert am 12.12.2019
 - 22:09
Gugu Mbatha-Raw als Laura Rose und Edward Norton als Lionel Essrog
Edward Norton ist einer der besten und eigenwilligsten Filmschauspieler unserer Zeit. In eigener Regie spielt er nun eine Hauptrolle in der Jonathan-Lethem-Verfilmung „Motherless Brooklyn“.

Lionel Essrog hat eine Macke. Er hat Glas im Hirn, so bezeichnet er das Syndrom, dass er immer wieder unkontrolliert schräges Zeug äußert. Sinnlose Silben, die er auch mit viel Kaugummi nicht zurückhalten kann. Er klingt dann wie ein Spinner, dabei ist ansonsten mit seinem Kopf alles in Ordnung. Es ist halt so, als würde er mit einem Anarchisten zusammenleben, auch das ist eine seiner Formulierungen, mit denen er sein Problem zu beschreiben versucht. Als Erzähler des Films „Motherless Brooklyn“, als Stimme aus dem Off klingt Lionel hingegen ganz normal, so, als hätte er immer schon den Überblick gehabt. Das gilt aber wohl erst vom Ende dieser großen und verschlungenen Geschichte her. Sie spielt in New York in den 1950er Jahren. Lionel arbeitet für den Privatdetektiv Frank Minna (Bruce Willis), der gleich zu Beginn umgebracht wird. Vor vielen Jahren hat Frank den Waisenjungen Lionel, wegen seiner Macke auch genannt „Freakshow“ und wegen seiner Herkunft manchmal einfach „Brooklyn“, unter seine Fittiche genommen. Ein fotografisches Gedächtnis ist eines der Talente, die Lionel für die Tätigkeit eines Detektivs befähigen. Mit dem Mord an Frank Minna nimmt ein Kriminalfall allmählich Konturen an, der tief in den korrupten Strukturen von New York verwurzelt zu sein scheint.

Und Lionel macht sich tapsig daran, den vielen Fäden nachzugehen, auf die er aufmerksam wird. Er ist alles andere als einer dieser hartgesottenen Typen, wie sie Humphrey Bogart häufig spielte, nach Romanen von Raymond Chandler und Kollegen. Lionel ist eher ein Romantiker, der dann aber an der Aufgabe wächst, die er sich selber gestellt hat, als Nachfolger und Rächer seines Mentors. Er tut so, als wäre er Journalist, und er deckt auch tatsächlich eine Menge auf. Der Stadtentwickler Moses Randolph (Alec Baldwin in einer prächtigen Schurkenrolle) geht mit seinen gigantomanen Plänen gelegentlich auch über Leichen, vor allem aber vernichtet er die Wohnungen vieler einfacher Menschen, darunter sehr viele schwarze New Yorker. Bei der rassistischen „Slumbeseitigung“ bezieht Norton sich auch auf eine historische Figur: Robert Moses wurde gelegentlich als „der Mann, der New York erfand“ bezeichnet. In den Diskussionen über seine Konzeptionen ging es immer wieder auch darum, inwiefern die großflächigen Pläne diskrimierende oder segregierende Aspekte hatten. Norton geht mit der Figur von Moses Randolph deutlich über den historischen Robert Moses hinaus: er zeichnet einen Mann mit einem Übermenschensyndrom, einen Technokraten jenseits der Moral, bei dem die Korruption in den Beziehungen zur Stadtverwaltung eher so etwas wie Kleinkram ist, etwas, womit man Bürokraten an Pläne gewöhnt, die ihre Befugnisse sowieso weit übersteigen.

Roman wird Wirklichkeit, Vergangenheit wird Gegenwart

Der tiefen Stadt mit ihren Netzwerken weißer Männer stehen die zahlreichen Figuren gegenüber, die in „Motherless Brooklyn“ auf der anderen Seite stehen: eine resolute Bürgerrechtlerin (Gugu Mbatha-Raw), ein Jazztrompeter (Michael K. Williams, bekannt als Omar aus der Serie „The Wire“), und dann auch noch Paul, der rechtschaffene Bruder von Moses Randolph (wieder einmal eine große, kleine Rolle für Willem Dafoe).

Für den Schauspieler Edward Norton war „Motherless Brooklyn“ ein Herzensprojekt. Er ging dabei von dem gleichnamigem Roman von Jonathan Lethem aus, einem Autor, der, man denke auch an „The Fortress of Solitude“, immer zugleich Stadthistoriker und Kulturmythologe ist. Schon 1999 sicherte Norton sich die Rechte, er war damals einer der aufstrebenden jungen Stars in Hollywood, er spielte neben Brad Pitt in „Fight Club“, und er führte bei der Komödie „Keeping the Faith“ auch schon einmal Regie. In den zwanzig Jahren, die seither vergangen sind, lief dann aber nicht immer alles rund für Norton, er hat inzwischen in der Branche eher das Image eines Schwierigen. Das dürfte sich nun, da es mit „Motherless Brooklyn“ doch noch geklappt hat, wieder ändern.

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„Motherless Brooklyn“

Für seine Adaption hat Norton ­– neben vielen im Detail – eine entscheidende Veränderung gegenüber der Vorlage vorgenommen: er lässt die Geschichte in den späten 1950er Jahren spielen, während Lethem sie in seiner Erzählergegenwart, also vierzig Jahren später, situiert hatte. Damit bekommen die Schichtungen der kulturellen Überlieferung zusätzliches Gewicht. Der Roman lässt sich ohne Weiteres als Pastiche lesen, ein weißer Nerd spielt noch einmal mit den Formeln des „Hardboiled“-Genres, und verleiht ihm mit einem Beiseite-Sprecher einen untypischen, gebrochenen Helden. Norton hingegen kehrt gleichsam an den Ursprung zurück, weiß aber natürlich, dass das nicht so einfach geht. So wird vor allem der Jazz der Schlüssel zu allen anderen Aspekten dieser Geschichte: Der „Trumpet Man“ spielt die Nummer, zu der Lionel schließlich einen vorsichtigen Tanz wagen muss, ein Mann auf fremdem Terrain, ein ewig Einsamer, der plötzlich von einer schönen Afroamerikanerin zu sicheren Schritten geführt wird. Lionel, der „Mutterlose“, verbindet in diesem Moment die Gegenkultur von Harlem mit der anderen Gegenkultur des historischen Brooklyn.

Norton schlägt allerdings eine musikalische Brücke in die Gegenwart. Er hat Daniel Pemberton für einen elegischen Soundtrack verpflichtet, und Thom Yorke von „Radiohead“ steuert einen Song bei. Heute ist Brooklyn das größte Hipsterviertel von New York. Und die Vereinigten Staaten haben einen Präsidenten, der als Immobilienentwickler begann, sodass man bei der Figur von Moses Randolph unweigerlich auch an Donald Trump denken mag, oder eher noch an dessen Vater Fred C. Trump. Vor diesem Hintergrund erweist sich das, was man auch für Nortons Nostalgie halten könnte, als eine Idee von Gegenwartskritik: er kreuzt eine Zeit, in der ein Mann mit einer Macke noch bis zu einem Tyrannen in die Sauna vordringen konnte, um mit ihm einen philosophierenden Dialog zu führen, mit einer Zeit, in der die Hybris der Macht in Amerika moralisch leer ist. Sie ist nicht einmal jenseits von Gut und Böse, sondern zeigt sich in ihrer atomisierten Rationalität als eine Entstellung der Eigenschaft, die Lionel so richtig „mutterlos“ macht: sein Tourette-Syndrom, mit dem er scheinbar alles zerfallen lässt, macht ihn zu dem Mann, der alles zusammenführt und integriert. In dieser Figur einer produktiven Anarchie erweist sich „Motherless Brooklyn“ vielleicht am deutlichsten als historisierender Spiegel einer unfassbaren Gegenwart.

Quelle: F.A.Z.
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