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Fassbinder Center in Frankfurt

Ein neuer Ort für den deutschen Film

Von Oliver Camenzind
Aktualisiert am 30.05.2019
 - 09:37
Tonbänder des Films „Die Ehe der Maria Braun“ im Schriftgut- und Fotoarchiv des neuen Fassbinder Centers
Rainer Werner Fassbinders Wirken in Frankfurt endete in den Siebzigerjahren mit einem Skandal. Jetzt eröffnet im Deutschen Filminstitut das Fassbinder Center. Fast der gesamte Nachlass des Filmregisseurs kommt nach Frankfurt.

Zwar ist das meiste schon ordentlich eingeräumt, aber blind kennt sich Frauke Haß in den neu bezogenen Räumen noch nicht aus. Sie arbeitet am „DFF – Deutsches Filminstitut und Filmmuseum“ und führt stolz durch das neue Fassbinder Center in der Eschersheimer Landstraße 121. Fein säuberlich numeriert stehen die Archivschachteln schon in den Regalen. Aber welches Regal steht hinter welcher Tür? Die Zuordnungen hat Haß noch nicht ganz verinnerlicht, aber das verwundert auch nicht. Die Eröffnung des Centers war schließlich erst vergangene Woche.

Alles ist noch neu hier, in einer Ecke steht eine Charlie-Chaplin-Figur in einer halben Pappkiste und wartet darauf, vollständig ausgepackt zu werden. „Von Fassbinder ist noch nicht alles da“, erklärt Haß. Rund die Hälfte der 183 Schachteln aus dem Nachlass von Rainer Werner Fassbinder sei noch auf dem Weg von Berlin nach Frankfurt. Der Rest aber ist schon in die umfangreiche Sammlung des DFF integriert.

Diese konzentriert sich nämlich bei weitem nicht nur auf das Werk Fassbinders, auch wenn der Name „Fassbinder Center“ das zunächst vermuten lässt. Die Fassbinder-Materialien stellen weder die einzige noch die umfangreichste Abteilung in der Sammlung des DFF dar. Der Vorlass aus 73 produktiven Jahren von Artur Brauner übertrifft beispielsweise das Konvolut von Fassbinder in seinem Umfang um ein Vielfaches.

Berühmt, aber nicht frei von Skandalen

Der Vergleich ist freilich nicht ganz gerecht: Brauner ist genau ein Jahrhundert alt, Fassbinder wurde nicht älter als 37 Jahre, er starb 1982. Und von ihm wird auch nicht alles nach Frankfurt kommen, wie bei Brauner oder auch Volker Schlöndorff, der immer mal wieder ein paar Kisten voller Material ins Frankfurter Westend schickt.

Im letzten Herbst wurde bekannt, dass die Rainer Werner Fassbinder Foundation die Schriftstücke des Regisseurs, Produzenten und Autors für 750.000 Euro nach Frankfurt verkauft hat. Die Filme selbst bleiben in Berlin, wo Fassbinders einstige Cutterin und Lebensgefährtin Juliane Maria Lorenz die Geschicke der Stiftung lenkt und weiterhin den Verleih und Vertrieb der Werke besorgt. In Frankfurt hatte Fassbinder Mitte der siebziger Jahre das Theater am Turm als Intendant geleitet. Das Unternehmen endete aber schon nach kurzer Zeit in einem ausgewachsenen Skandal. Fassbinder hatte nicht nur eine Journalistin der „Frankfurter Neuen Presse“ beschimpft, er generierte auch viel zu wenig Umsatz.

Gleichwohl war letztes Jahr die Freude über den Ankauf, den die Hessische Kulturstiftung, die Kulturstiftung der Länder und die Stadt Frankfurt gemeinsam ermöglicht hatten, allseits sehr groß. Und weil die Sammlung des DFF 2019, in seinem siebzigsten Jubiläumsjahr, ohnehin aus Rödelheim weggezogen wäre, bot es sich an, die neuen Räume nach jenem legendären Regisseur zu benennen, dessen Hinterlassenschaften jetzt ebenfalls hierherkommen.

Die Schriftstücke umfassen neben der Korrespondenz auch die unterschiedlichsten Arbeitsmaterialien des Filmemachers. Da gibt es DIN-A4-Blöcke, die beidseitig mit Kugelschreiber beschrieben sind – ein Drehbuch auf den Vorderseiten, ein zweites auf den Rückseiten. Fassbinder war ein wahnsinnig produktiver Künstler, in nur dreizehn Jahren hat er mehr als vierzig Filme gemacht. Ein anderer Schreibblock ist ungefähr zur Hälfte vollgeschrieben und enthält das Drehbuch zu „Angst essen Seele auf“, der den Arbeitstitel „Ali“ trug, wie Frauke Haß weiß. Der Text enthält praktisch keine Korrekturen. Der Regisseur hatte seine Filme im Kopf und brauchte sie nur noch aufzuschreiben und abzudrehen. Oder, wenn ihm das mit dem Schreiben zu langsam ging, auf eine Tonbandkassette zu sprechen.

Seine Mutter tippte die Diktate ab

Aufnahmegerät und Tonbänder gehören ebenfalls zum neu erworbenen Konvolut und zeugen noch deutlicher von Fassbinders Arbeitswut als die Schriften. Viele der Aufnahmen dauern mehrere Stunden, während derer Fassbinder spricht, bis er einschläft, um dann, kaum aufgewacht, sofort weiterzusprechen. Seine Mutter Liselotte Eder tippte die Diktate später mit der Schreibmaschine ab. Sie führte auch seine Buchhaltung und war nach seinem Tod an der Gründung der Fassbinder Stiftung maßgeblich beteiligt. Und er arbeitete in der Zwischenzeit schon an dem nächsten Projekt. Anhand solcher Dokumente wird es Forscherinnen und Forschern künftig möglich sein, die Arbeitstechniken des wie besessen arbeitenden Fassbinder besser nachzuvollziehen. „Das ist nicht irgendein ein Fetisch, dem wir hier nachgehen. Wir wollen zeigen, was die Filmemacher verschiedener Zeiten umtrieb, und verstehen helfen, wie aus einer Idee in vielen Arbeitsschritten schließlich ein Film wird“, sagt Haß. Das Fassbinder Center leistet so einen Beitrag zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Erbe des deutschen Films.

Auch darum sei der neue Standort ideal, so Haß, denn im Vergleich zu früher seien die Räumlichkeiten jetzt viel benutzerfreundlicher. Und tatsächlich lädt ein großzügiger Lesesaal zur ausgiebigen Lektüre ein, wohingegen der alte Standort in Rödelheim zu klein geworden sei. „Das waren nur bessere Lagerhallen, wenig einladend, völlig unpraktisch gelegen und erst noch zu klein.“ Jetzt hat das DFF auf Veranlassung und Finanzierung von Carlo Giersch – eine halbe Million haben die Instandsetzung und Einrichtung gekostet – schöne Räumlichkeiten in einem ehemaligen Bankgebäude bekommen, wo auch im Untergeschoss viel Tageslicht vorhanden ist. Den größten Vorzug stellt aber zweifellos die zentrale Lage dar: Die Universität, mit der das Filminstitut immer wieder zusammenarbeitet, ist nur ein paar hundert Meter entfernt.

Schätze wie Fassbinders Tonbandgerät, seinen Videorekorder oder seine Triumph-Schreibmaschine werden die Besucher im Fassbinder Center allerdings nicht zu Gesicht bekommen, genauso wenig wie die Jukebox aus Wim Wenders’ „Der amerikanische Freund“ oder die Originalkostüme diverser Filme. Denn sie sind sicher in den Archivräumen verwahrt, geschützt vor Tageslicht und Temperaturschwankungen. Auch wer eines der „Großobjekte“ sehen möchte, zu denen Mobiliar und Requisiten von Filmsets, aber auch Fassbinders Flipperautomat gehören, muss sich schon gedulden, bis die wertvollen Stücke als Leihgabe in einer Ausstellung gezeigt werden. Nutzer können sich an den Regalen und Lagerkammern denn auch nicht einfach bedienen, vielmehr vereinbaren sie einen Termin und bestellen sich ihre Materialien in den Lesesaal, dessen Beamer im Übrigen die einzige Möglichkeit darstellt, hier Filme zu sehen.

Und dort, im Leseraum, kommen Fassbinder-Fans dann doch noch auf ihre Kosten. Links und rechts neben der Tür stehen zwei braune, außerordentlich hässliche Ledersofas, Originale aus dem Besitz des Regisseurs. Wer sie sieht, weiß, warum sie „Wurstsofas“ genannt werden.

Quelle: F.A.Z.
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