Diana-Film „Spencer“

Fasanenjagd der Herzen

Von Maria Wiesner
12.01.2022
, 06:34
Hat ihr Upper-Class-Englisch perfektioniert: Kristen Stewart als Prinzessin Diana in „Spencer“
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„Spencer“ von Pablo Larraín ist nicht der erste Film über Prinzessin Dianas Leben und Leiden. Aus der Biopic-Masse ragt er aber deutlich heraus.
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Wenn Regisseure sich ihrer Geschichte und ihres Könnens sehr sicher sind, gehen sie das Risiko ein, am Anfang des Films schon das Ende zu verraten. So ließ Billy Wilder in „Boulevard der Dämmerung“ einen Toten im Pool schwimmen, der aus dem Jenseits erzählt, wie er dahin gekommen ist, und begann den Noir-Thriller „Frau ohne Gewissen“ mit dem genreuntypischen Mordgeständnis eines Versicherungsvertreters. Der chilenische Regisseur Pablo Larraín führt diese Technik in seinen Filmen gern ins Abstrakte, setzt also mit ersten Bildern Leitmotive, die nicht nur den Ton vorgeben, sondern zumeist auch die Resultate der Geschichten verraten, die hier erzählt werden.

So zieht in „The Club“ ein Priester mit seinem Hund endlose, enge Kreise am Strand, die schon den Höllenkreis vorwegnehmen, in den er aufgrund seiner Vergehen stürzen wird, und in „Ema“ schaut eine junge Frau genüsslich zu, wie eine Ampel in Flammen aufgeht, nur um wenig später die traditionellen Vorstellungen von Liebe und Familie niederzubrennen. Und so liegt nun in Larraíns neuestem Film „Spencer“ ein Fasan auf einer Landstraße, während Militärfahrzeuge über den toten Vogel hinwegbrettern, um die Zutaten für das Weihnachtsessen der königlichen Familie auf Schloss Sandringham anzuliefern, und der Vogel ist ein Omen fürs Schicksal der Prinzessin Diana, von der die darauf folgenden 116 Minuten handeln. Die amerikanische Schauspielerin Kristen Stewart, die Diana mit perfektem Upper-Class-Englisch verkörpert, wird irgendwann einem noch lebenden Fasan im Schlosspark mitleidig hinterhersehen und mit der dianatypischen, leicht gepressten Stimme hauchen: „Ein schönes, aber dummes Geschöpf.“ Der Chefkoch, dem sie das sagt, antwortet: „Wenn sie nicht erschossen werden, überfährt sie ein Wagen.“ Lakonischer könnte man den von Paparazzi verursachten tödlichen Unfall Dianas in Paris nicht andeuten.

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Trailer
„Spencer“
Video: Polyfilm Verleih, Bild: AP

Suche nach dem Ort als Suche nach der eigenen Identität

„Spencer“ setzt jedoch den Bildern, die alle Welt von der Prinzessin im Kopf hat, eigene, völlig neue entgegen. Diana, die im offenen Porsche durch die englische Landschaft rast und verärgert eine Karte am Lenkrad studiert: „Wo zum Teufel bin ich?“, die Suche nach dem Ort als Suche nach der eigenen Identität. Die Auflehnung gegen die starren Regeln, mit denen das Leben im Kreis der Royals reglementiert ist, macht das Drehbuch von Steven Knight mit präzisen, knappen Dialogen deutlich; etwa, wenn Diana die Vorauswahl ihrer Kleider durch das Hofprotokoll boykottiert. Ein lindgrünes Kostüm zum Dinner lehnt sie ab: „Es passt nicht.“ Auf die Nachfrage der Zofe, ob sie es schon probiert habe, fügt sie spitz hinzu: „…zu meiner Stimmung.“ Schwarz hätte es sein sollen. Allerdings nicht der Depressionen wegen, sondern, um die dicken Perlen besser zur Geltung zu bringen, die Prinz Charles ihr zu Weihnachten geschenkt hat, ohne dabei zu bemerken, dass es die gleiche Kette ist, die auch seine Geliebte auf einem Paparazzifoto trägt. Diana ist hier keineswegs Opfer; unter der zum Zerreißen gespannten Oberfläche steckt eine Frau, die sich im Spiel der kleinen Gesten bestens auskennt und für ihre eigenen Signale zu nutzen weiß.

„Historische Filme muss man immer im Kontext der Zeit sehen, in der sie entstanden sind“: Regisseur Pablo Larraín und Hauptdarstellerin Kristen Stewart
„Historische Filme muss man immer im Kontext der Zeit sehen, in der sie entstanden sind“: Regisseur Pablo Larraín und Hauptdarstellerin Kristen Stewart Bild: EPA

„Spencer“ soll kein klassisches Biopic sein. „Es ist eine Fantasie unserer Kultur, zu denken, man könnte das Leben einer Person eins zu eins in einem Film abbilden“, sagt Regisseur Larraín im Gespräch mit dieser Zeitung. Seinem Film hat er, weil er so denkt, den Hinweis vorangestellt, es handle sich um eine „Fabel nach einer wahren Tragödie“. Die Handlung findet an drei aufeinanderfolgenden Weihnachtstagen auf Schloss Sandringham irgendwann zu Beginn der Neunziger Jahre statt (jener Zeit also, in der Dianas Entscheidung für die Scheidung und gegen ein Leben im Kreis der Royals fiel), die fabeltypische Darstellung von Menschen durch Tiere übernimmt symbolisch der Fasan, der sich als Metapher für die Figur Diana durch den ganzen Film zieht (deshalb muss auch der letzte Aufstand der Prinzessin gegen die königliche Familie während der traditionellen Fasanenjagd stattfinden). Und was die moralische und gesellschaftskritische Diskussion angeht, die zu dieser Erzählform gehört, so durchzieht sie den Film sanft, aber unübersehbar wie die Nebelschwaden, die hier über den Parkanlagen um das Schloss hängen und es manchmal in die Kulisse eines Gothic-Schauermärchens verwandeln. Larraín folgt allein seiner Hauptfigur und seziert durch den Blick Dianas scharfsinnig Begriffe wie Tradition, Monarchie und Mutterschaft.

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Larraín: „Unser Bild des Königshauses hat sich geändert“

„Historische Filme muss man immer im Kontext der Zeit sehen, in der sie entstanden sind“, sagt der Regisseur. Vor zehn Jahre wäre der Film ein anderer geworden: „Es hat sich so viel geändert, angefangen bei der Rolle der Familien, bis hin zum Bild, das wir heute vom Königshaus haben.“ So trifft „Spencer“ auf ein Publikum, dessen Bild der königlichen Familie von Serien wie „The Crown“ und von den Skandalen um Meghan Markle und Prinz Harry geprägt ist.

Auf der Suche nach der eigenen Identität: Kristen Stewart als Prinzessin Diana
Auf der Suche nach der eigenen Identität: Kristen Stewart als Prinzessin Diana Bild: AP

Larraín ist klug genug, auf plumpe Meta-Verweise in diese Richtung zu verzichten, stattdessen weiß seine Erzählung einfach darüber Bescheid, erklärt weniger und interpretiert mehr, erzählt aber eben vor allem das Gleichnis von der Prinzessin, die aus dem goldenen Käfig ausbrechen und zurück zum eigenen Wesen finden muss. Andere Figuren aus der königlichen Familie kommen in den bis ins letzte Detail durchdachten Bildern nur am Rand vor, verschmelzen mit den opulenten Möbeln und Tapeten zu Dekor. Stattdessen nimmt die Kamera immer wieder Diana in den Blick, bleibt nah bei ihr, wenn sie das Dinner unterbricht und panisch durch ein klaustrophobisches Labyrinth endloser Schlossgänge läuft. (Dienstmägde, die zum Dessert rufen, verbreiten ähnlichen Horror wie die Zwillinge in den Fluren des Overlook-Hotels in „The Shining“.)

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Nah kommen ihr nur Menschen, die ihr am Herzen liegen und denen sie am Herzen liegt: die beiden Söhne und die zahllosen Angestellten, die hinter den Kulissen dafür sorgen, dass die königliche Familie überhaupt königliche Familie sein kann. Die wichtigste unter ihnen ist die Zofe Maggie. „Ich habe Sally Hawkins lange überredet, die Rolle zu übernehmen“, erzählt Larraín. Sie sei für ihn die perfekte Besetzung für „diese sehr schwierige Rolle“ gewesen, die nach „Ehrlichkeit und Transparenz und Wahrhaftigkeit verlangt.“ Hawkins gelingt es, selbst das Schließen eines Reißverschlusses zu einem Akt der Intimität zu machen oder eine Liebeserklärung mit dem koketten Witz einer flink hochgezogenen Braue zu garnieren. Mit kleinsten Details setzt sie so der Kälte des Königshauses jene Wärme entgegen, die zwischen Diana und den Bürgern bestand, gibt eine neue Erklärung für die Trauerbilder von Blumenmeeren, die nach dem Tod Dianas um die Welt gingen.

Es war die Faszination für die Figur als solche, die Larraín bei der Arbeit am Film umtrieb. „Ich wollte wissen, warum jemand wie meine Mutter diese Frau verehrte, die als Prinzessin auf einem anderen Kontinent lebte“, sagt der Chilene. Nach der Filmpremiere im vergangenen September beim Festival in Venedig hatte er erklärt, „Spencer“ auch für seine Mutter gedreht zu haben, da sie bislang keinen seiner Filme mochte. Im Interview lächelt er nun über diese Formulierung und präzisiert, seine Mutter habe seine frühen Filme als zu hart empfunden.

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Larraín ist als Kind zweier chilenischer Politiker aufgewachsen, deren Partei aus dem Erbe der Pinochet-Diktatur hervorging. Seine ersten Filme brachen mit seiner politischen Sozialisation, setzen sich kritisch mit dem tragischen Tod des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende auseinander („Post Mortem“), zeigten, wie die Gewalt des Regimes ins Private durchsickerte („Tony Manero“), und fragten, wie unpolitisch jemand bleiben kann, wenn das Schicksal eines Landes auf dem Spiel steht („No“). Die Arbeit außerhalb seines Landes, die er mit dem Kennedy-Porträt „Jackie“ begann und zuletzt in der Stephen-King-Verfilmung „Lisey’s Story“ fortsetzte, gab ihm Gelegenheit, seine Themen freier zu wählen. Seine englischsprachigen Filme mögen tatsächlich weniger hart wirken. Sie sind aber, wenn auch indirekter, nicht weniger politisch und haben ästhetisch eher noch an Wucht zugenommen.

In einer früheren Version des Artikels war vom „Mord am sozialistischen Präsidenten Salvador Allende“ geschrieben worden. Der Tod Allendes war und bleibt umstritten, aber mehrere offizielle Untersuchungen sind in Übereinstimmung mit Zeugenaussagen zu dem Ergebnis gelangt, dass Allende sich selbst erschossen hat. Der Film „Post Mortem“ aus dem Jahr 2010 stellt das nicht eindeutig so dar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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