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Filme von Godard und Panahi

Eine Hoffnung für Mädchen wie Marziyeh

Von Verena Lueken, Cannes
 - 14:00
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Es gibt eine Welt dort draußen. Das vergisst man leicht auf einem Festival dieser Dimension. Was auch mit den Filmen zu tun hat, deren Welthaltigkeit in den ersten Tagen minimal war. Jedenfalls soweit es die Gegenwart betrifft. Aus der Vergangenheit kamen Gespenster zurück, des Kalten Krieges etwa in „Zimna Wojna“ von Pawel Pawlikowski, der über einen Mann und eine Frau zwischen Polen und Paris erzählt, die gleichzeitig die Geschichte einer Kontamination ist, nämlich der polnischen Folklore durch die Propaganda der Partei. Aber ungewöhnlich wie der Ausgangspunkt war – ein Paar reist in der unmittelbaren Nachkriegszeit über Land, um Lieder, Melodien und Volkstänze zu sammeln –, so weit entrückt schien es auch, je näher über einige Zeitsprünge und Grenzübertritte hinweg der Film an die Gegenwart heranrückte. Exil und Heimat in gefrorener Zeit, schwarzweiß – eine Stimmung, die sich in der Beziehung des Paars spiegelt, in einer Liebe ohne Zuneigung.

Am Wochenende aber änderte sich etwas an dem Eindruck, die Welt draußen sei ausgesperrt. Dass etwas vorgeht jenseits des Kinos, das uns angeht: um uns das in Erinnerung zu rufen, musste in diesem Jahr – mal wieder? – Jean-Luc Godard kommen. Natürlich kam er nicht persönlich. Aber für seinen Film hat er die Einladung in den Wettbewerb angenommen, und das Festival ist längst daran gewöhnt, auf seine Anwesenheit zu verzichten, was sonst außer bei denen, die von ihren Regierungen am Reisen gehindert werden, wie in diesem Jahr Kirill Serebrennikow und Jafar Panahi, nicht akzeptiert wird.

Aber Godard, der inzwischen siebenundachtzig ist, macht sowieso alles anders als die anderen – selbst anders als er selbst, denn er verzichtet inzwischen vollkommen auf Darsteller, die es 2010 in seinem „Film Socialisme“ und auch 2014 in „Adieu au langage“ noch gab, wenn es auch im letzten vor allem sein Hund war, der auftrat. Auch im jüngsten Werk „Le livre d’image“ ist er, wenn auch nur einmal kurz, zu sehen.

Es beginnt und endet mit einem erhobenen Zeigefinger. Ein Bild. Mehr Hände, weil wir „mit den Händen denken“, wie uns die Stimme Godards erklärt, die wir den ganzen Film über hören werden, warnend, raunend, brüchig manchmal auf einer Tonspur, in der sich Geräusche, Explosionen, Sprachfetzen, Nachrichtenfragmente, Musik, Filmdialoge überlappen, wie es auch die Bilder tun, die dem riesigen Fundus all dessen entströmen, was Godard in seinem Leben gesehen, gelesen, gehört hat. Dazu gehören neben den Büchern eine Menge alte Filme, aus Hollywood vor allem, man könnte ein Ratespiel organisieren, wer was erkennt, „Vertigo“ und „Timbuktu“, „Salò“ und Buster Keatons „General“ zum Beispiel.

Schnipsel, aus denen Godard jeden Kontrast zieht, bis sie sich auflösen wie die Filmrollen, an denen offenbar mit blutigen Fingern hantiert wurde und die wie die Bilder, von denen wir noch eine Ahnung bekommen, im Verschwinden begriffen sind. Kapitelüberschriften wie „Remake“ oder „Geist des Gesetzes“ fügen eher weitere Assoziationsmarker hinzu, als wirklich zu gliedern, und doch ist am Ende des Films etwas geschehen, was in anderen Vorführungen nicht häufig ist: unser Blick auf die Welt wurde geschärft, wenigstens für Augenblicke, in denen Zusammenhänge aufscheinen, Bilder und Töne sich verbinden zu klaren thematischen Linien. Züge sind immer wieder präsent, wie auch Bilder aus der arabischen Welt, Filmausschnitte auch hier, vermischt mit Nachrichtenbildern, Isis-Videos. Wir verstehen Arabien nicht, das hat Godard immer wieder gesagt, weil wir es nur als anders wahrnehmen, nicht für sich selbst, und immer wieder erinnert er uns daran wie an den Holocaust.

Godard wird hier immer gefeiert. Mit langem Applaus, als könnte er ihn hören in der Schweiz (was Godard schon zuzutrauen ist) und seine Mitarbeiter. Dabei sind die Nachrichten, denn um solche handelt es sich in gewisser Weise bei „Le livre d’image“, außerordentlich deprimierend. Krieg ist das Rinzige, was von der Zivilisation bleibt, heißt es einmal. „La guerre est ici“, er ist da und überall. Seit die Menschen „nicht mehr Faust, sondern alle nur noch König“ werden wollen, bleibt nichts als dies. Gewalt, Vernichtung. Bilder und Wörter, aus denen keine Sprache wird. Godard bringt uns zum Denken. Das ist seine Kunst. Nur das, würde er antworten, was im Verschwinden begriffen ist, wird Kunst.

Und er spielt mit

Der andere Abwesende des Wochenendes war Jafar Panahi. Die iranischen Behörden blieben stur und behielten seinen Pass. Aber sein Film war da, seine erwachsenen Kinder auch, seine Darstellerinnen, Behnaz Jafari und Marziyeh Rezaei, die im Film Figuren spielen, die genauso heißen. Auch Panahi selbst spielt mit und heißt auch so. Sein Film „Se Rokh“ – Drei Gesichter – ist in seiner Einfachheit in gewisser Weise das Gegenteil von einen Godard-Film, entwickelt aber einen Sog, der dem anderen nicht nachsteht. Ein junges Mädchen filmt sich selbst, klagt darüber, dass ihre Familie sie hindert, Schauspielerin zu werden, dass sie in einem Dorf auf dem Land einen Verlobten hat, dessen Familie Schauspielerinnen auch für gefallene Frauen hält, und dann erhängt sich das Mädchen und schickt das Video an Panahi. Damit er es weiterleite an Jafari, die erfahrene Fernsehschauspielerin, an die sich das Mädchen wendet. Wie kann das sein, was geht hier vor? Eine Tote schickt ein Handyvideo?

Panahi und Jafari machen sich auf den Weg, das herauszukriegen. Was sie finden, ist ein Dorf im Grenzland zu Aserbaidschan, Aberglauben, Gastfreundschaft, alte Bräuche. Panahi bekommt ein Geschenk (eine Vorhaut in Salz von einer Beschneidung vor vielen Jahren), ein Zuchtbulle stürzt einen Berg hinunter, und Jafari muss Autogramme geben und erzählen, wie ihre Show im Fernsehen ausgeht.

Das Mädchen, das sie suchen, ist tatsächlich seit Tagen verschwunden. Frauen gelten nichts, wenn sie eigene Pläne machen, und es wird alles darangesetzt, sie zu vereiteln. Das ist für Marziyeh so, aber auch für eine alte Frau, die wir nur einmal von hinten sehen, wie sie im Feld sitzt und ein Bild malt. Das ist ganz am Ende, da ist Marziyeh längst wieder da, wird aber nicht bleiben. „Drei Gesichter“ – ein Roadmovie, eine Erkundung in ein Land patriarchaler Ordnung, die noch fast völlig intakt ist. Fast, weil es Frauen wie Jafari gibt, die in ihrer Arbeit zwar auch Zurücksetzung erfährt, aber für Mädchen wie Marziyeh noch eine Hoffnung verkörpert.

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All dies entfaltet sich bei Panahi wie schon in seinen vergangenen Filmen – er hat vier gedreht, seit er vor acht Jahren Berufs- und Reiseverbot bekam – in einem natürlichen Tempo, mit Ruhepausen, plötzlicher Aufregung, einer Pointe, einem kurzen Streit, einer beiläufigen Versöhnung. Ein Gefühl von Solidarität mit den Frauen und ein Unbehagen, aber keine Herablassung gegenüber den Männern in dieser verlassenen Gegend durchziehen diesen Film, der den Schlusspunkt des Tags des Aufmarschs der Frauen vor dem Palais setzte.

Quelle: F.A.Z.
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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