Filmfestival Cannes

Zu laut gedacht, zu kurz gesprungen

Von Andreas Kilb
20.05.2022
, 11:12
Großvater und Enkel: Anthony Hopkins und Michael Banks Repeta in „Armageddon Time“
James Gray und Jerzy Skolimowski sind alte Bekannte auf den Filmfestivals. Allerdings liegt ihr Karrierehöhepunkt schon eine Weile zurück. Daran werden auch ihre diesjährigen Wettbewerbsbeiträge nichts ändern.
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Manche Geschichten werden niemals alt. Vor fast sechzig Jahren erzählte Robert Bresson in „Zum Beispiel Balthasar“ die Lebensgeschichte eines Esels, der nacheinander als Lasttier, Zugtier, Touristenspielzeug, Zirkusattraktion und Werkzeug einer Schmugglerbande missbraucht wird und am Ende bei einer Schießerei stirbt. Der Film zeige die ganze Welt in eineinhalb Stunden, erklärte Bressons jüngerer Kollege Jean-Luc Godard damals. Jetzt hat der polnische Regisseur Jerzy Skolimowski den Stoff ein zweites Mal verfilmt, und alles ist wieder da: das Mädchen, das den Esel wie einen Bruder liebt, die ländliche und kleinstädtische Umgebung, die Schlechtigkeit der Menschen und die Unschuld der Kreatur.

Trotzdem sieht alles ganz anders aus. Das liegt vor allem daran, dass Skolimowski die Bilder nicht für sich selbst sprechen lässt, sondern nahezu jede Szene mit Toneffekten, Kunstlicht und Kamera-Spielereien boostert, bis einem die Symbolik buchstäblich um die Ohren fliegt. Es ist, als traute er dem Esel nicht mehr zu, uns so wie in Bressons Filmklassiker zu rühren. Warum aber hat er „Eo“ (so der Titel des Films) dann überhaupt gedreht? Anscheinend ging es darum, ein ätzendes Porträt des heutigen Polen mit seinen Hooligans, Nerzfarmen, Lastwagenfahrern und Halsabschneidern zu zeichnen, aber selbst diese Strategie hält der Film keine neunzig Minuten durch. Im letzten Drittel springt die Geschichte nach Oberitalien, und kurz vor Schluss taucht plötzlich Isabelle Huppert auf, zerschmeißt Geschirr, klirrt mit Silberbesteck und verbreitet hinreißend schlechte Laune, aber zu diesem Zeitpunkt hat man „Eo“ längst aufgegeben.

Geboosterte Symbolik: Szene aus Jerzy Skolimowskis „Eo“
Geboosterte Symbolik: Szene aus Jerzy Skolimowskis „Eo“ Bild: Festival de Film Cannes 2022

Der künstlerische Höhepunkt von Skolimowskis Karriere liegt ziemlich genau vier Jahrzehnte zurück. Das war 1982, als er mit „Moonlighting“ (in dem der junge Jeremy Irons einen polnischen Schwarzarbeiter in London spielt) den Drehbuchpreis in Cannes gewann. Zwölf Jahre später bekam der Amerikaner James Gray für sein Regiedebüt „Little Odessa“ einen Silbernen Löwen in Venedig, und auch dieser Auszeichnung folgte wie bei Skolimowski keine weitere nennenswerte. Aber seit der Jahrtausendwende ist Gray mit jedem zweiten seiner Filme in Cannes gewesen, und 2009 war er Mitglied der Festivaljury. In diesem Jahr läuft sein neues Werk „Armageddon Time“ im Wettbewerb an der Croisette.

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Der Film ist die Geschichte einer Kindheit im New Yorker Stadtteil Queens Anfang der Achtzigerjahre, in jenem Herbst, als Ronald Reagan zum amerikanischen Präsidenten gewählt wird. Der zwölfjährige Paul, Sohn einer jüdischen Immigrantenfamilie, besucht eine öffentliche Schule, sein bester Freund ist ein schwarzer Junge, und das Leben könnte herrlich sein, wenn sich die beiden bei ihren Streichen nicht immer so ungeschickt anstellen würden. Als sie beim Cannabisrauchen erwischt werden, muss Paul auf eine Privatschule wechseln, deren graue Eminenz und wichtigster Sponsor ein gewisser Fred C. Trump ist, der Vater des amerikanischen Expräsidenten Donald Trump.

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Es bleibt bei der Milieuschilderung

Das könnte der Anlauf zu einem amerikanischen Gesellschaftspanorama sein, zumal dieser Teil der Story autobiographisch ist, aber der Film springt im entscheidenden Augenblick zu kurz, weil es Gray nicht gelingt, die Geschichte der beiden Jungen mit den Machtverhältnissen an der Kew-Forest School zu verknüpfen. So bleibt er in der liebevollen Milieuschilderung und einer allzu simplen Rassismuskritik stecken, und wenn nicht Anthony Hopkins als Pauls Großvater gelegentlich ein wenig schauspielerische Brillanz in die Bilder brächte, wäre er selbst als Familienporträt ein Fehlschlag. „Armageddon Time“ ist schön anzusehen (die Kamera führt der große Darius Khondji), aber erzählerisch liegt der Film keine Handbreit über einer Streamingserie zum Thema (die allerdings viermal so lange dauern würde). So macht man Netflix keine Konkurrenz.

Jener Teil der Filmkultur, den man heute als Arthouse-Kino bezeichnet und der früher Autorenkino hieß, war einmal die Domäne der ästhetischen Rebellen, der Außenseiter und Unangepassten. Auch Jerzy Skolimowski und James Gray gehörten dazu, der eine, seit er für Andrzej Wajda und den jungen Polanski die Drehbücher schrieb, der andere mit seinen Geschichten aus der amerikanischen Vorstadt. Aber jede Rebellion wird irgendwann zur Konvention, jeder Aufstand trägt den Keim der Behäbigkeit in sich. Das sieht man gerade in Cannes, wo sich an manchen Tagen nicht die Altmeister, sondern die alten Bekannten im Wettbewerb um die Palme treffen.

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Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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