„Dune“ beim Filmfestival Venedig

Moralische Stürme, unverwüstliche Künste

Von Dietmar Dath
04.09.2021
, 10:17
Das Filmfestival von Venedig hat seinen ersten Höhepunkt: Denis Villeneuves liebevolle Verfilmung von Frank Herberts Science-fiction-Klassiker „Dune“. Sogar ihre einzige Schwäche teilt der Film mit seiner Vorlage.
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Das Filmfest von Venedig handelt auch dieses Jahr vom sturen Überleben der Idee, dass Filme in große Säle gehören. Die größte Produktion, die man hier diesmal vorführt, außer Konkurrenz, hat ebenfalls ei­ne zählebige Vorstellung zum Gegenstand: dass selbst lebensverneinendes Terrain sich mit Mut, Liebe und Kunst zum Blühen verführen lässt. „Dune“ von Denis Villeneuve basiert auf dem gleichnamigen Roman von Frank Herbert aus dem Jahr 1965, der auch zahlreichen Nachschriften sowohl von Herberts eigener Hand wie von anderen Leuten zugrunde liegt. Es gibt Rockmusik darüber, Comics, Fernsehserien, Spiele und einen Kinofilm von David Lynch aus dem Jahr 1984. In alledem geht es um die Wüstenwelt Arrakis, auf der „Spice“ abgebaut wird, ein Gewürz mit psychotropen Eigenschaften, das menschliche Raumfahrt ermöglicht. Computer gibt es nicht, ein Dschihad hat sie ausgelöscht. Politisch herrscht ein Feudalabsolutismus, dessen Zentralmacht große Adelshäuser gegeneinander ausspielt, vor allem die Familien Atreides („Loyalität ist Liebe“) und Harkonnen (lauter Ungeheuer).

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Liebesgedicht an einen Planeten

Der Imperator entzieht dem Haus Harkonnen das Lehen Arrakis und übergibt es dem Haus Atreides; so beginnt die Handlung – eine Falle, die Atreides sollen wirtschaftlich scheitern, damit der Herrscher sie sich vom Hals schaffen kann. Der Konflikt setzt „die Hitze und die Kälte ungezählter Wahrscheinlichkeiten“ (Herbert) frei und beflügelte Lynch vor fast vierzig Jahren dazu, die barocke Seltsamkeit des Romankonstrukts seinem verschrobenen Genie gemäß ins Bild zu setzen. Villeneuve macht etwas anderes damit: Sein Film ist ein feierliches und stürmisches Liebesgedicht an Arrakis – an den silbernen Himmel, die goldenen Wüste, die leuchtenden Felsen, die Herbert sich ausgedacht hat.

Diese Schönheiten sind die Erscheinungsebene, aber darunter liegt, wie im Buch, etwas, das man im Kassenkino und im Bestsellerbuchhandel eigentlich nicht vermutet: ökologische Moral. Bei Herbert ist sie deutlich ausgeschrieben: „Die höchste Funktion der Ökologie besteht darin, die Folgen unseres Handelns zu begreifen.“ Für die Unbedingtheit dieser Lehre steht auf Arrakis die alle Menschen zur Rechenschaft ziehende Macht der Spezies Sandwurm („Shai-Hulud“). Das ist ein bis zu fünfhundert Meter langes Monster, das die freien Stämme der Wüste, die Fremen, als Quasigottheit verehren, nicht nur als ökologisches, sondern auch antiimperialistisches Sinnbild: „Das historische System gegenseitiger Ausbeutung und Erpressung findet hier auf Arrakis sein Ende. Man kann nicht ewig das stehlen, was man braucht, ohne an die zu denken, die nach einem kommen.“

Der thematischen Schwere dieses Themas gehorsam, baut Villeneuve seinen Film aus Bildergebirgen, Hans-Zimmer-Getöse, gewaltigen Fabrikraupen, prächtigen Or­nithoptern, flatternder Flucht, funkensprühenden Zweikämpfen, uralten Prophezei­ungen und Trugspiegelungen. Das Schauspielensemble hätte freilich auch bei deutlich knausrigerem Budget hingereicht, al­len Ansprüchen gerecht zu werden. Timo­thée Chalamet spielt den jungen Paul Atreides, der sein Los als „Krieger, Mystiker, Menschenfresser, Heiliger“ widerwillig erkennen muss, so konzentriert, dass man ihm Taten wie Zögern in jeder Szene abnimmt. Rebecca Ferguson verleiht seiner Mutter Lady Jessica atemberaubend gläserne Härte. Oscar Isaac ist als Herzog Leto reif fürs Shakespeare-Königsdrama. Die un­vergleichliche Zendaya als Chani, die von Beginn des Films an leise, klar und be­stimmt für die Unterdrückten spricht, schwebt durchs Geschehen wie ein Freiheitslied. Stellan Skarsgård schließlich spen­diert seinem Regisseur den schleimigsten, durchtriebensten und schauerlichsten Madensack namens Baron Vladimir Harkonnen, den die Kamera gerade noch ertragen kann, ohne zu kotzen.

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Sogar die eine Schwäche wird geteilt

Viel Wucht, Finesse und Masse wird also aufgeboten, aber das ist nicht alles. Nach anderthalb mageren Kinosaal-Jahren fällt in „Dune“ genussbringend auf, wie wichtig auch in einer Megaproduktion die kleine Gebärde oder Unterlassung sein kann, wie sehr die Leinwand gerade den Mikromoment zählen lässt. Die besten Filme im Wettbewerb von Venedig haben solche Au­genblicke: Zwei Fingerkuppen zum Beispiel, die einander, getrennt von Glas, zu berühren suchen, am bewegenden Ende von Paul Schraders großem Alterswerk „The Card Counter“, oder ein Kind, das eine selbstgebastelte Papierblume dem Va­ter an die Grabstätte bringt, in Jane Campions „The Power of the Dog“. Die sprechenden Details bei „Dune“ erreichen dasselbe Niveau: der Sterbende, der auf einen falschen Zahn beißt, die Maus Muad’Dib, die ihr kluges Köpfchen reckt, der trauernde Sohn, der seiner Mutter in den Destillanzug hilft, damit das Ding ihre Körperflüssigkeit wiederaufbereitet und sie nicht verdurstet.

Der Durchblick im Kleinen wie im Ganzen, den Villeneuve, Jon Spaihts und Eric Roth mit ihrem Drehbuch bewiesen haben, das etwa zwei Drittel des ersten Romans der „Dune“-Reihe umsetzt und so den Weg für weitere Filme weist, respektiert sämtliche Schichten des Urtextes; ne­benbei wird sogar das ökonomische Know-how der Harkonnens sinnfällig gemacht, indem der Baron den Unterschied zwischen Umsatz und Profit im Kopf behält, wo andere nur auf den baren Solari (so heißt die Währung hier) achten. Dass die zentrale Messias-Handlungsebene, die den jungen Paul Atreides als „Kwisatz Haderach“ („Verkürzer des We­ges“, weil sein Bewusstsein nicht an die Raumzeit gefesselt ist) etabliert, bei Frank Herbert auch ihre ironische Seite hat, fängt Villeneuve ein, indem er bei Pauls Ankunft auf Arrakis zwar einerseits die Fremen jubeln lässt: „Lisan al-Gaib!“ ( eine arabisierende Version des Erlösernamens: „die Stimme von draußen“), dazu aber andererseits eine Frau sagt, dass der Mythos vom (weißen) Heiland eines (nicht weißen) Wüstenvolks vor langer Zeit von den Bene Gesserit, einem darwinistischen Nonnenorden des Imperiums, gezielt ausgestreut wurde. Religion könnte in Wahrheit Politik sein; oder ist Politik bloß phantasielos gewordene Religion? Die Komplexität dieser Fragen stellt Villeneuve nirgends ab, sie bleibt erhalten, selbst in Actionszenen.

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Der Film liebt seine Quelle so sehr, dass er sogar ihre einzige Schwäche teilt, Frank Herberts mit voller Absicht immer etwas anstrengenden Todernst, seine Humorlosigkeit – aber „Humor“ bedeutet eben auch Feuchtigkeit, wie Karl Kraus zu erinnern pflegte, und dass etwas so trocken und so massiv sein kann wie dieser Film und dieses Buch, ohne auseinanderzubrechen und zu Staub zu zerfallen, ist ein schönes Wunder für sich. Man mag dieses Wunder auf der Suche nach heutigen Zeitbezügen übersehen (ist Spice Erdöl? Lithium? Sind die Atreides Amerikaner, die Fremen arabische Menschen?), aber Villeneuves Schuld wäre diese Verkürzung nicht. Denn bei ihm ist mehr, ist alles da, was von einer „Dune“-Verfilmung zu wünschen war: die Nadelstichsprache des Windes, Wetterlot und Kompass, edle Messer, Technik, Traum: die Hitze und Kälte ungezählter Wahrscheinlichkeiten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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