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Danny Boyles Film „Yesterday“

Reiskörner sammeln mit Eleanor Rigby

Von Bert Rebhandl
 - 14:24
„Yesterday“ von Danny Boyle

Kennen Sie Eleanor Rigby? Vermutlich haben Sie schon von ihr gehört. Eleanor Rigby, das ist doch die Dame aus einem Song von dem Beatles. „All the lonely people, where do they all come from?“ Eleanor Rigby sammelt den Reis in einer Kirche ein, in der jemand gerade geheiratet hat. Und was wissen wir noch von ihr?

In Danny Boyles neuem Film „Yesterday“ sitzt ein junger Mann mit Gitarre in seinem Zimmer und versucht, zusammenzukriegen, was er noch von Eleanor Rigby weiß. Er ist in einer eigentlich kaum fassbaren Situation. Denn Jack Malick lebt in einer Welt, in der es keine Beatles gab. John, Paul, George und Ringo haben nie zusammengespielt. „Here Comes the Sun“ findet sich in keiner Playlist, „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ sagt niemandem was, und wenn Jack in einem Strandcafé die Akkorde zu „Yesterday“ anschlägt, dann horchen seine Freunde auf: Was ist das denn? Das ist ja viel besser als alles, was Jack davor so gesungen hat. Unglaublich viel besser.

„Yesterday“ ist eine Popkomödie, die auf einer einfachen, allerdings haarsträubenden Idee beruht. Richard Curtis, der Autor des Drehbuchs, hat ein paar Dinge aus der Gegenwart gestrichen. Zwölf Sekunden lang fällt auf dem ganzen Globus der Strom aus, es rumpelt ein bisschen in der kosmischen Statik, und dann geht die Geschichte auf einer Nebenspur weiter. Es ist beinahe alles so wie vorher, aber eben nur beinahe. Jack Malik hat diesen rätselhaften Vorfall verschlafen. Nach einem Verkehrsunfall war er gerade nicht bei Bewusstsein. Nun ist er gänzlich allein mit seinem Popgedächtnis. Nur er kennt zu den „Strawberry Fields“ und zur „Penny Lane“ eine Melodie, nur ihm fallen die Klaviertöne zu „Hey Jude“ und „Let It Be“ ein. Jack ist ein Genie, allerdings eines auf Leihbasis. Er wird den Argwohn nicht los, dass irgendwann jemand kommen wird, der die Rechte der Fab Four einfordern wird. Vorerst aber überlässt er sich der Dynamik der Ereignisse.

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„Yesterday“

Der Mann hinter dieser brillanten Idee ist kein Unbekannter. Richard Curtis schrieb, gemeinsam mit Rowan Atkinson, die Comedy-Serie „Blackadder“, er war auch an der Figur Mr. Bean beteiligt, und er hat fast im Alleingang das Genre der britischen romantischen Komödie im Kino etabliert („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Notting Hill“). Mit „Yesterday“ aber trifft er mitten ins Herz einer populären Kultur, die alles verfügbar hat, durch die digitale Allgegenwart aber auch misstrauisch geworden ist: Ist heute nicht alles tendenziell post-originell? Wer schreibt heute noch zwingende Melodien? Ist Ed Sheeran ein Genie?

Ed Sheeran gegen die Beatles?

Der britische Sänger und Songwriter mit dem Wuschelkopf hat immerhin die Größe, dass er sich in „Yesterday“ selbst in diesen ungleichen Wettbewerb verwickeln lässt. Ed Sheeran gegen die Beatles, das wäre ein ungleiches Duell. Ed Sheeran gegen Jack Malik, das sieht zuerst einmal auch schief aus, denn der eine ist einer der größten lebenden Popstars, und Jack (Himesh Patel, bekannt aus „EastEnders“) ein verhinderter Barde von der englischen Ostküste, aus dem Örtchen Lowestoft. Ellie (Lily James), seine Managerin, unterrichtet tagsüber Mathe. Jack und Ellie sind eigentlich ein perfektes Paar, sie müssen nur erst einen bedeutenden Widerstand überwinden: Sie kennen einander fast zu gut für die große Liebe. Es bedarf also eines Umwegs, und der führt über die Versuchungen des Showgeschäfts.

Sheeran hört zufällig einen der „neuen“ Songs von Jack, und entschließt sich, ihn zu einem Konzert nach Moskau mitzunehmen. Dort erweist sich, dass niemand weiß, was die „USSR“ sein soll. Curtis hat also auch die Sowjetunion aus der Geschichte seiner Parallelwelt subtrahiert, ein beziehungsreiches Detail, denn es verweist darauf, dass es auch noch wichtigere Aspekte gibt, wenn einer mit dem Radiergummi durch die Weltgeschichte gehen wollte. Hinter der Bühne kommt es in Moskau dann zu einem Sängerwettstreit. Sheeran beendet ihn mit einem Schiedsspruch: neben diesem Mozart ist er nur ein Salieri.

Im Innersten von „Yesterday“ zeigt sich aber noch ein größeres Motiv als das der künstlerischen Rivalität. Curtis variiert im Grunde die klassische Geschichte von Doktor Faustus. Jack bekommt eine Inspiration geschenkt, die nicht seine ist. Nur mit dem Unterschied, dass ihm kein Teufelspakt abverlangt wird, sondern nur der „Kelch“ der heutigen Musikindustrie. Er muss sich einfach darauf einlassen, dass der Schatz der Lieder, den er im Kopf hat, nach allen Regeln der heutigen Marketing- und Influencing-Strategien unter die Menschen gebracht wird. Auch da hat das Drehbuch noch eine kluge Pointe. Denn Jack hat die Songs der Beatles zwar im Ohr – so wie vermutlich alle Menschen, die sich diesen Film ansehen werden, jederzeit „We all live in a Yellow Submarine“ singen könnten. Aber manche Lieder sind eben ein wenig diffiziler. Den Text zu „Eleanor Rigby“ muss man erst einmal wieder zusammenkriegen. Jack ist also auch ein Gefäß, ein Kanal, sein Gedächtnis ist Weltkulturerbe. Curtis spielt mit Motiven, die Andy Kaufman in „Being John Malkovich“ vorbereitet hat. Im Rang dieses Meisterwerks sind viele der Ideen von „Yesterday“. Being John, Paul, George & Ringo. Für das „Being John Lennon“ findet „Yesterday“ eine wehmütige Variante. Für den Teufelspakt des Jack Malik hingegen liegt die Lösung nahe, und auch da zeigt sich noch einmal die enorme kulturhistorische Intelligenz von Curtis.

Der Regisseur Danny Boyle wurde 1996 mit dem Drogenfilm „Trainspotting“ berühmt. Mit „Slumdog Millionaire“ hatte er 2008 einen Welterfolg, in dem sich die alten kulturellen Hegemonien recht unreflektiert spiegelten. Zuletzt überraschte Boyle jedoch mit „Steve Jobs“: für das Drehbuch von Aaron Sorkin über drei wegweisenden Stationen auf dem Weg des Produktvisionärs fand er eine kongeniale, brillant interpunktierende Form. Und so verhält es sich nun auch mit „Yesterday“. Der Duktus ist genuin heutig, die Generation, die mit den spielerischen Tools der Wisch- und Like-Erscheinungen aufgewachsen ist, findet hier ein filmisches Idiom. Zugleich aber ist „Yesterday“ dezidiert altmodisch in dem Sinn, in dem die Beatles inzwischen auch nostalgisch gehört werden könnten – also als eine Kunst, die ihr revolutionäres Potential so lange verborgen hält, bis jemand wieder einmal genau hinhört. „Yesterday“ hört so lange genau hin, bis auch „Eleanor Rigby“ wieder alle Reiskörner beisammen hat.

Quelle: F.A.Z.
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