„Godzilla vs. Kong“ im Kino

Abrissunternehmer und Affe am Abgrund

Von Axel Weidemann
01.07.2021
, 06:25
Schiffeversenken war früher auch gemütlicher: Godzilla (links) und King Kong unterhalten sich beim Spiel angeregt über die Vor- und Nachteile von Fell und Schuppen.
Kolossaler Spaß: In „Godzilla vs. Kong“ lässt das Kino titanische Muskeln spielen und kämpft dabei zugleich um seine nackte Existenz – der Film war in den USA der erste echte Blockbuster seit Beginn der Pandemie, jetzt kommt er in deutsche Kinos.
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Godzilla ist groß. Doch er vergibt nicht. Vor allem aber ist er: laut. In Adam Wingards „Godzilla vs. Kong“ ist Größe etwas, das man mit den Ohren wahrnimmt – und mit dem Bauch. Wenn die alte Panzerechse dem Publikum als Gottes achte Posaune ihre mutmaßlich weit mehr als tausend Liter Lungenvolumen entgegenbläst, schwingt nicht nur das Trommelfell. Da sitzen plötzlich selbst solche Kollegen kerzengerade, die sich zuvor noch betont lässig in den zurückgewonnenen Kinosessel gefläzt hatten. Denn mit Godzilla brüllt und bebt das Kino. Nur dort sollte man sich diesen Titanenkampf ansehen, wie überhaupt jeden Film, in dem Großes geschieht. So viel merkt man nach anderthalb Jahren Abstinenz: dass noch der größte Flachbildschirm und die beste Heimkino-Anlage angesichts dieser Dimensionen zu Daumenkinos werden. So wird „Godzilla vs. Kong“ zu einer Art Avatar des Kinos, das sich noch einmal kapital aufbäumt, dagegen anbrüllt, dass findige Kaufleute längst sein Territorium vermessen haben, um seine Essenz in stetig schrumpfende Flimmerparzellen aufzuspalten, sie über lange Zeiträume zu verdünnen – damit jeder nur noch das sieht, was ihm gefällt, und nicht allzu sehr erschüttert wird.

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Godzilla, so wie er im Jahr 1954 in Japan als „Gojira“ an Land ging – angekündigt durch eine tsunamiartige Welle, die seinen Beruf als personifizierte Naturgewalt in Filmen bis heute unterstreicht –, war damals nicht nur radioaktiv, sondern politisch aufgeladen. Nachdem der „Bravo Shot“, ein amerikanischer Bombentest auf dem Rongelap-Atoll, die Thunfischbestände verseuchte („Genshin Maguro“) und die Besatzung des Fischerbootes „Glücksdrache Nummer Fünf“ einer tödliche Strahlendosis aussetzte, erwachte Gojira im Kino, um die Menschen daran zu erinnern, die Finger von solchen Dingen zu lassen, deren Konsequenzen sie nicht antizipieren können. Konsequenzen, deren horrende Folgen in Japan mit dem Tod der letzten verbliebenen Opfer zweier Atombomben erst langsam wieder verblassen. In einem späteren japanischen Film der Reihe wird die Echse gar durch die rachsüchtigen Geister jener heraufbeschworen, die im Zweiten Weltkrieg im Pazifik ihr Leben ließen – um Japan dafür zu bestrafen, dass es daran „teilgenommen“ hat.

Im „MonsterVerse“-Franchise von Legendary Entertainment (koproduziert von Warner Bros.), das 2014 mit dem neuaufgelegten „Godzilla“ von Gareth Edwards begann, bleibt davon neben einer gewissen Formstrenge allein jene Gaia-Logik, nach der Mutti Natur ihr Fernsehverbot immer dann vermittels titanischer Kräfte durchsetzt. Allerdings haben bereits die drei Vorgängerfilme der Remake-Reihe gezeigt, dass auch die Götterechsen, -affen, -vögel, -heuschrecken und -motten sich untereinander nicht grün sind. Da muss erst einmal geklärt werden, wer zuletzt und damit am besten brüllt.

Zerstören, um zu bewahren

Man dachte, das hätte Michael Doughertys „Godzilla: King of the Monsters“, in dem der Eidechsenkönig den dreiköpfigen und hoheitlichen Flattermann King Ghidorah mithilfe der Mondmotte Mothra grillt, hinreichend geregelt. Weit gefehlt. Nun soll es der große (und behaarte) Freund der weißen Frau, König Kong, richten. Außerdem kennt dessen „genetisches Gedächtnis“ offenbar den Weg zu einer hochpotenten Energiequelle im Mittelpunkt der Erde. Damit ist nicht ein von flüssigem Gestein umschlossener Metallkern gemeint, sondern ein mystischer Ort in der Hohlerde, auf deren löchriges theoretisches Fundament sich die gesamte Filmreihe stützt. Was zwar schon angesichts der ganzen realen Flache-Erde-Verschwörungsspinner, die es heute gibt, didaktisch fragwürdig, ob der Ernsthaftigkeit, mit der die Filme Edmond Halleys Hohlerde-Hokuspokus mit der Idee einer atlantischen Proto-Zivilisation verbinden, jedoch schon wieder rührend ist. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde wird von einem in bester Bondbösewichtmanier inszenierten, energiehungrigen Tech-Konzern gesponsert, der sich verräterisch „Apex Cybernetics“ nennt. Dessen CEO Walter Simmons (Demián Bichir) heuert den Hohlerde-Forscher Dr. Nathan Lind (Alexander Skarsgård), King Kongs eigene Jane Goodall, Dr. Ilene Andrews (Rebecca Hall), und deren gehörlose Adoptivtocher Jia (auch ohne Worte ausdrucksstark: Kaylee Hottle) an, um den Riesenaffen unter Tage zu schaffen.

Mit Godzilla brüllt und bebt das Kino.
Mit Godzilla brüllt und bebt das Kino. Bild: AP

Godzilla darf derweil tun, was er am besten kann: zerstören, um zu bewahren, und darauf achten, dass niemand an seinem Thron sägt. Das Magazin „Science“ versuchte im Jahr 2019 zu belegen, dass die Größe dieser Monstermetapher proportional zur Angst der Weltgesellschaft vor geopolitischer Instabilität und allerlei anstehenden Kriegen und Katastrophen wächst. Die Angst scheint groß. Militäretats steigen, als rüste die Welt gegen Godzilla selbst: Mit seinen fast 100.000 Tonnen Lebendgewicht und einer offiziellen Größe von 120 Metern (die kaum Sinn ergibt, wenn man die Städte, die er zusammenfaltet, dazu in Relation setzt), ist er der größte Godzilla aller Zeiten und eine echte Gefahr für jeden Porzellanladen.

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Insel mit Zähnen und Weltloch

Das Internet war sich trotzdem nicht zu blöd, in Streit darüber auszubrechen, wer diesen ungleichen Kampf wohl gewinnt. Wer Japaner zum Lachen bringen möchte, erzählt ihnen davon. Gerüchteweise lässt sich aus der Gesamtschau der Reihe destillieren, dass der Kampf zwischen Reptil und Primat auch im „MonsterVerse“ selbst nur eine Wiederauflage ist, dass Godzilla also bereits einmal gegen König Kong verloren hat und daher in der Versenkung verschwinden musste. Könnte stimmen, ist aber natürlich Majestätsbeleidigung, respektive Häresie.

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Was Wingard und seine Digitaldompteure aus dieser Exposition machen, ist – bei aller Liebe für Männer, die wie einst Haruo Nakajima in Gummi-Kostüme stiegen, um Eiji Tsuburayas „Gojira“ Leben einzuhauchen und das Tokusatsu-Genre populär zu machen – weit mehr als nur Effekthascherei. Es ist wie jede gute Restauration ein Liebesdienst am Original, der die beiden Kontrahenten nicht neu erfindet, es aber schafft, ihnen ausgerechnet auf digitalem Wege die nötige Schwere zu verleihen. Wo selbst die begabten 3D-Artisten von Disney oft noch computergenerierte Hündchen produzieren, die in ihrer Substanzlosigkeit wie Geistererscheinungen wirken, schaffen es die Monster-Designer von Legacy-Effects (Lindsay Macgowan, Jared Krichevsky, Darnell Isom und Simon Webber) in feinabgestimmter Zusammenarbeit mit den Sounddesignern, ihre Schöpfung mit einem göttlichem Funken auszustatten. Selbst wenn deren Existenz die Gesetze der Physik mit haushohen Füßen tritt. Godzilla wirkt hier wie ein radioaktives, schwimmendes Felsmassiv, eine garstige Insel mit Zähnen und einem Blick, in dem schon die ganze, rohe Strahlkraft steckt, mit der er später – ein Höhepunkt in diesem an werktreuen Trash-Manövern nicht gerade armen Film – ein Loch durch die Erdkruste brutzelt. Die Natur findet immer einen Weg, hieß es in „Jurassic Park“.

Auf dass sich der Mensch in ihm erkennt: Kong
Auf dass sich der Mensch in ihm erkennt: Kong Bild: AP

Bei Kong hingegen legen die digitalen Puppenspieler Wert darauf, dass sich der Mensch in ihm erkennt, ohne dass damit nur brüllende Silberrücken gemeint wären. Wir sehen, begleitet von Bobby Vintons „Over The Mountain, Across The Sea“, die zarte Seite des Riesen: Seine Morgenroutine nebst Dusche, später seine Angst, seine Einsamkeit. Wie schon sein kleiner Hollywood-Kollege E.T. möchte auch Kong nach Hause. Nach einem horizonterschütternden Hoch- und Tiefseegefecht mit seinem Erzrivalen – eine der stärksten Sequenzen des Films – hievt sich der Affe mit Mühe zurück auf das Frachtschiff und hustet Wasser. In der Arktis schaudert er mit reifbedecktem Pelz vor Kälte. Die Größe seines Herzens erkennen wir jedoch erst im Zusammenspiel mit Kaylee Hottle, die als Jia seinen Herzschlag mit ihrem Bauch spüren kann. Mit Zeichensprache, viel Empathie und einem Gesicht, das aussagekräftiger ist als viele Dialoge, schafft es dieses Mädchen wirklich, den größten Affen zu beruhigen und King Kong auf Augenhöhe zu begegnen.

Und für alle, die nur an der Thronfolgefrage interessiert sind, lässt sich zumindest sagen: Sie wird auf zufriedenstellende Weise und selbstverständlich brüllend geklärt. Gegen Ende darf Kong noch den Triumph über eine bösartige Raubkopie made in Hongkong auskosten.

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Darin sehe Politisches, wer will. Alle anderen dürfen sich noch einmal am Aufbäumen des Kinos berauschen, bevor die Maschinerie der Allesverkäufer die Titanen in ihre zweidimensionalen Vitrinen verbannt. Nur die Angst wird irgendwie nie kleiner.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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