Film über Greta Thunberg

Das Kind aus der Zukunft

Von Claudius Seidl
Aktualisiert am 20.10.2020
 - 15:18
Greta lacht. Sie sollte aber unser Schrecken bleiben.
Nathan Grossmans Film „I Am Greta“ ist mehr Spielfilm als Dokumentation. Die Klimaaktivistin Greta Thunberg wird zur lachenden Heldin fiktionalisiert, dabei sollte sie unser Schrecken bleiben.

Der bislang wichtigste und wirkungsvollste Moment in Greta Thunbergs Leben als Aktivistin gegen den Klimawandel war zugleich ihre stärkste Szene als Filmstar. Es war, am 23. September des vergangenen Jahres, der Showdown in New York, beim Klimagipfel der Vereinten Nationen. Es war ihre kurze, unversöhnte Rede, die auf eine starke Drohung hinauslief: „Falls ihr euch entscheidet, uns im Stich zu lassen, werden wir euch niemals vergeben.“ Und immer, wenn Greta Thunberg wieder einen Satz mit „how dare you“, wie könnt ihr es wagen, beendete, war in ihrer Stimme ein Hall zu hören, eine Art von irrealem Rumpeln, das man sonst aus Horrorfilmen zu kennen meinte.

Und als jemand, der gemeint war, als Erwachsener also, sortierte man den Schrecken, den man von diesem Auftritt bekam, fast zwangsläufig bei den besten unter den schreckenerregenden Filmen ein. Phänotypisch schien das wütende Mädchen eine Schwester der geisterhaften Zwillinge in „The Shining“ zu sein. Der Konflikt dagegen, ein 16-jähriges Mädchen gegen einen Saal voller Gegner: Das war wie Brian De Palmas Steven-King-Verfilmung „Carrie“, der Moment, bevor Sissy Spacek den ganzen Saal zusammenkrachen lässt.

Konsequent und notwendig

Dass dieser Moment des Schreckens und der Unversöhnlichkeit nur konsequent und notwendig war: davon erzählt Nathan Grossmans Film „I Am Greta“ – auch wenn man das, als politisch halbwegs interessierter Zeitgenosse, schon wissen konnte. Greta Thunberg hatte auf Konferenzen in Kattowitz und Brüssel, im Elysée-Palast vor Emmanuel Macron und auf dem Petersplatz vor Papst Franziskus ihre Forderungen verbindlicher vorgetragen. Und die Erwachsenen überspielten ihre Ratlosigkeit angesichts dieses uralt und weise und zugleich so besonders kindlich wirkenden Mädchens, indem sie stehend applaudierten, dazu ein warmes Erziehungsberechtigtenlächeln aufsetzten und Greta Thunberg insgesamt so behandelten, als wäre sie eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und dem Meister Yoda.

Dass sie ein wenig seltsam ist, weiß sie selbst und hat es immer wieder ausgesprochen. Dass es ihr Asperger-Syndrom, jene milde Form des Autismus ist, das es ihr ermöglicht habe, die Dinge von außen zu betrachten, ohne Rücksicht auf vermeintliche Selbstverständlichkeiten und Konventionen: auch davon ist Greta Thunberg überzeugt. Sie leide doch an Asperger, sagt einmal im Film ein Gesprächspartner. Sie habe Asperger, sie leide aber nicht, antwortet Greta Thunberg.

In einem Essay, neulich im F.A.Z.-Quarterly, hat die Autismus-Expertin Novina Göhlsdorf darauf hingewiesen, dass amerikanische Hightech-Firmen sehr gerne Menschen mit dem Asperger-Syndrom beschäftigen; die gelten dort als ganz besonders zukunftstauglich. Und so sollte man wohl auch Greta Thunberg wahrnehmen, schon wegen ihres Alters: als Abgesandte einer Zukunft, die, so Gott will, sie noch erleben wird; die aber jenen, zu denen sie spricht, erspart bleiben wird. Das ist es, was sie, auch in Grossmans Film, immer wieder so wütend werden lässt: Dass die Erwachsenen so tun, als wäre Greta ihre Hoffnung. Wo es doch gerade umgekehrt ist.

Die andere Perspektive sichtbar machen

Und das wäre die Hoffnung, die sich an eine Dokumentation über Greta Thunberg knüpfte: dass deren Autor ein Bewusstsein davon hätte, dass auch das Kino gewissermaßen ein autistisches Instrument sein kann, weil erst einmal keine Vorlieben und Vorurteile, keine Hierarchien und Konventionen sich zwischen die Linse und das, was aufgenommen wird, schieben können. Man muss eigentlich nur die Kamera aufstellen und die Dinge geschehen lassen.

Und das wäre womöglich ein Erkenntnisgewinn geworden, den nur das Kino zu bieten hätte: von der ganz anderen Perspektive der Greta Thunberg nicht nur zu sprechen. Sondern zu versuchen, diese andere Perspektive sichtbar zu machen. Stattdessen zeigt der Film immer wieder Bilder von brennenden Wäldern und verdorrenden Steppen. Und montiert dann Klimawandelleugner wie Trump und Bolsonaro dagegen, als ob damit irgendetwas Neues gesagt oder erkannt wäre.

„Garbo laughs“, so hieß 1939 der Slogan für „Ninotchka“, Greta Garbos erste Komödie. Greta lacht, das ist das Versprechen von Grossmans Film, der Greta und die ganze Familie Thunberg in jeder Lebenslage beobachten durfte. Greta lacht tatsächlich oft, wird manchmal von Lachanfällen geradezu durchgeschüttelt, was sehr sympathische Augenblicke sind.

Die Dokumentation wird zum Spielfilm

Nur hört der Film da auf, eine Dokumentation zu sein, und wird zum Spielfilm: nicht weil es ein Drehbuch gäbe und elaborierte Dialoge. Sondern weil vor allem Greta Thunberg und ihr Vater Svante konsequent so tun, als wäre da keine Kamera. Es gibt eine Szene in einem Hotelzimmer, da streiten Vater und Tochter über Gretas Pingeligkeit, keiner gibt nach, und am Schluss wirft sich Greta aufs Bett und ist beleidigt. Und gerade weil das psychologisch so dicht und emotional so stimmig ist, möchte man sagen: sehr eindrucksvolle Performance, schauspielpreisverdächtig.

Weil „I Am Greta“ mehr Spiel- als Dokumentarfilm ist, gibt es nicht nur ein Thema; es gibt auch einen Plot. Alles fängt an damit, dass ein Mädchen allein vor dem Parlament in Stockholm sitzt und ein Schild mit der Aufschrift „Schulstreik fürs Klima“ bei sich hat. Und es läuft darauf hinaus, dass Abertausende von Kindern und Jugendlichen fürs Klima auf die Straße gehen. Dass die Person, die das alles bewirkt, unschuldig und nicht ganz von dieser Welt ist, gehört zum Genre. Dass sie, an Bord des Boots, das sie über den Atlantik bringt, ihre Mission am liebsten aufgeben würde, auch.

Es ist wie das Matthäus-Evangelium (in Pasolinis Verfilmung), wie die Geschichte von Jeanne D’Arc (in der Version von Luc Besson). Es ist für Greta Thunberg das falsche Genre, nicht nur weil diese Geschichten mit Kreuzigung oder Verbrennung enden müssen; deshalb aber auch. Mit der Fiktionalisierung Greta Thunbergs ist nichts gewonnen. Greta lacht. Sie sollte aber unser Schrecken bleiben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
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