Holocaustfilm „The Survivor“

Der Boxer und das Trauma

Von Bert Rebhandl
02.08.2022
, 10:14
Wie erklärt man, dass man überlebt hat? Harry Haft (Ben Foster) und Leah Krichinsky (Dar Zuzovsky)
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Mit „The Survivor“ versucht der Filmregisseur Barry Levinson, die Folgen des Holocaust als individuelle Schicksalsgeschichte neu zu erzählen.
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Der Nazioffizier Dietrich Schneider hat eine sehr einfache Lebensphilosophie: Ein Mensch ist entweder Hammer oder Amboss. Dazwischen muss er sich entscheiden. Er selbst gelangte als deutscher Hammer während des Zweiten Weltkriegs nach Polen, wo er die Vernichtung von Menschen beaufsichtigte. Einer der Todgeweihten fällt ihm auf: ein Mann, der auch das Zeug zum Hammer hat, wenngleich ihm ein Schicksal als Amboss bestimmt ist. Dieser Hercka Haft, ein polnischer Jude, wirkt auch unter den Entbehrungen der Lager noch kräftig genug, um ihn zu einem zynischen Spiel zu zwingen. Hercka soll boxen, zum Ergötzen derer, die tagsüber den Tod organisieren. Er soll brutale Kämpfe mit seinen Fäusten ausfechten, über 30 Runden, wenn es sein muss. Und Dietrich Schneider setzt auf ihn, ganz buchstäblich, denn auf Hercka wird gewettet, wie es zum Boxgeschäft nun einmal gehört.

Barry Levinsons Film „The Survivor“, in dem die Geschichte von Hercka (später Harry) Haft erzählt wird, beginnt nach dem Krieg in den Vereinigten Staaten. Harry hat tatsächlich Auschwitz überlebt, aber nur wenige Menschen wissen um sein dunkles Geheimnis. Er hat einen hohen Preis dafür gezahlt, dass er nun unter anderen polnischen Juden ein neues Leben aufbauen und sogar noch die Hoffnung hegen kann, seine geliebte Leah in Amerika wiederzufinden. Er hat jedenfalls ein starkes Gefühl, dass sie noch lebt.

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Um sie wiederzufinden in der Masse der Menschen in den großen Städten der Ostküste oder irgendwo in dem riesigen Land, muss er ihr nach Möglichkeit eine Nachricht zukommen lassen. In seinem Metier gibt es dafür nur eine Möglichkeit: Er muss gegen einen berühmten Gegner boxen. Am besten Rocky Marciano, den größten Boxer dieser Ära. Dazu muss Harry sich aber die Berechtigung verdienen. Er muss kämpfen, er muss einstecken, er muss zeigen, dass er einen stärkeren Gegner herausfordern kann, gefährlich werden darf er ihm aber nicht.

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© KinoCheck

Die Sache wird dadurch noch schwieriger, dass Harry im Ring nicht ganz er selbst ist. Er wird unweigerlich wieder zu Hercka, sein Trauma holt ihn ein, Szenen von damals, die in seinem Kopf aktualisiert werden, treffen ihn härter als die Schläge seiner Gegner. In „The Survivor“ vermischen sich Rückblenden in Schwarz-Weiß mit den Farbtönen, die sich für den „Schmelztiegel“ Amerika eingebürgert haben, inklusive einer geradezu obligatorischen Massenszene auf Coney Island.

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Beide diese Register sind in hohem Maß konventionalisiert: das Nazi-Schwarz-Weiß und die gedeckten Farben, in denen das Leben allmählich sicher zu fühlen beginnt. Die zweiwertige Farbdramaturgie ist in „The Survivor“ allerdings gebrochen durch den Umstand, dass Levinson auch einen der großen Boxfilme des Kinos aufruft: Martin Scorseses „Raging Bull – Wie ein wilder Stier“, der 1980 ungewohnt realistische (oder: superbrutale) Boxszenen in ein Schwarz-Weiß packte, das vor allem Hommage an das ganze Genre des Boxkampfkinos war. Bei Levinson gibt es Kämpfe in Schwarz-Weiß und in Farbe, er überbietet Scorsese in beiden Fällen nicht so sehr durch visuelle Drastik, sondern durch den wesentlichen Umstand, dass jeder Schlag von und auf Harry Haft gleichsam mit doppelter Wucht geführt wird – dem sportlichen Zweck wird die Erschütterung des Überlebenden oben drauf gepackt, der über das schlechte Gewissen nicht hinwegkommt, dass er sich in Auschwitz frei geschlagen hat, zum perversen Vergnügen eines Schergen.

Harry Haft ist noch als Hammer ein Amboss, er wird die Unmöglichkeit seiner Wahl nicht los, im Gegenteil insistiert das Drehbuch von Justine Juel Gillmer sehr hartnäckig auf diesem Aspekt einer Entscheidung, die Hercko einen Freiraum unter Zwang einräumte, an dem er später zu verzweifeln droht. Parallelen zu „Raging Bull“ sind noch in einer weiteren wesentlichen Hinsicht zu verzeichnen. Ben Foster spielt sowohl Harry Haft wie auch Hercko in der Zeit seiner tiefsten Not. Er musste dafür einen extremem Gewichtsverlust auf sich nehmen, während Robert DeNiro damals für den späten Jake LaMotta stark zunahm.

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Alles einer Figur aufgeladen

Diese Aspekte müsste man nicht so stark betonen, wäre „The Survivor“ nicht in vielerlei Hinsicht ein Film, der Überbietungen und Vollendungen suggeriert. Nach Steven Spielbergs Film über die von Oskar Schindler geretteten Juden, die man „die Schindler-Juden“ nannte, ist Levinsons Geschichte des einen „Schneider-Juden“ eine Zuspitzung der vielen Aporien des Überlebens im Holocaust.

In „The Survivor“ wird alles der einen Figur von Hercko aufgeladen, der es mit einem reichlich schematischen Schurken zu tun bekommt und mit Schneider auch tatsächlich alle Situationen erlebt, die man in diesem Fall dramaturgisch erwarten würde – bis zu dem Punkt, wo Hercko einmal sogar eine Waffe in der Hand hält und seinen Peiniger töten könnte.

Die moralischen Zwischentöne, die es in „Schindlers Liste“ noch gab, sind in „The Survivor“ eher durch einen Katalog von Konstellationen ersetzt worden, in denen alles durchgespielt wird, was als Maßstab für Herckos Verhalten dienen könnte: Eine Szene, in der seine Konzession an Schneider mit dem allerhöchsten Anspruch des jüdischen Fests Yom Kippur assoziiert wird, hat später ein Echo, wenn Hercko gegen einen engen Freund kämpfen muss und für diesen zum Priester im Ring wird.

Levinson überbietet nicht nur die moralischen Fragen vieler früherer Holocaust-Dramen, er steigert auch den zwiespältigen Realismus, mit dem Spielberg damals die Gaskammern unbedingt zeigen und zugleich davon erlösen wollte (da kam Wasser aus den Duschköpfen, nicht Gas). Levinson geht einen Schritt darüber hinaus und setzt bei den „Bildern trotz allem“ an, wie Georges Didi-Huberman die wenigen fotografischen Zeugnisse aus dem Innersten der Vernichtung bezeichnet hat.

Inszenierte Aufnahmen von Leichen, die zur Verbrennung gebracht werden, erwecken allerdings nicht so sehr den Eindruck, hier entstünde eine Verbindung zu den frühesten Filmzeugnissen aus den gerade befreiten Lagern oder eben zu den unter Todesgefahr erstellten vier Bilddokumenten von den Abläufen des Mordens, sondern wirken wie eine obszöne Überbietung früherer Darstellungen des Unrepräsentierbaren. Levinson war als Hollywood-Regisseur immer Pragmatiker („Rain Man“), nun hat er mit einem Alterswerk, das ihm zweifellos großes Anliegen war, einen signaturhaften Film über den Darstellungsoptimismus des Streaming-Zeitalters gemacht. „The Survivor“ gehört tatsächlich eher auf HBO, wo er in Amerika schon läuft, als ins Kino, denn er steht für die Haltung, die denkt, dass gezeigt werden muss, was gezeigt werden kann. Dem Trauma, das Erfahrungen ja verschließt und nicht nach Drehbuch verstehbar macht, wird er damit nicht gerecht.

Quelle: F.A.Z.
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