„House of Gucci“ im Kino

Stil, Gier und Mode bis zum Tode

Von Verena Lueken
01.12.2021
, 09:30
Wie schade, dass Fellini diese Schauspielerin nicht mehr erleben darf: Lady Gaga als Patrizia Reggiani in Ridley Scotts „House of Gucci“
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Ridley Scott ist nicht aufzuhalten – kurz nach dem Ritterdrama „The Last Duel“ bringt er jetzt die auf Tatsachen basierende Mordgeschichte „House of Gucci“ ins Kino.
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Als Geschenk eine Kreditkarte von Bloomingdale’s – das ist die größtmögliche Beleidigung für eine Frau, die als Tochter eines kleinen Transportunternehmers in eines der mächtigen Modeimperien Mailands eingeheiratet und ihren Mann angestachelt hatte, den Rest der Familie auszuhebeln. Dem Haus Gucci verdanken einige Generationen ihr Geld, ihren Status, ihre Häuser, ihre Kunst, ihre Schuhe mit Goldeinlage in der Ferse. Bei Bloomingdale’s, dem Kaufhaus der gehobenen amerikanischen Mittelklasse, hatte zwar einst Jackie Kennedy ihre Perlen gekauft, wie nach ihrem Tod durch eine Vermarkungskampagne herauskam. Doch eine Gucci kauft nicht im Kaufhaus. Die Kreditkarte belegt die Exkommunikation aus der Familie, bevor die Scheidungspapiere auf dem Tisch liegen.

Es ist Maurizio Gucci, der diese Beleidigung seiner Frau Patrizia an einem Weihnachtsfest am Tiefpunkt ihrer Ehe zufügt. Wie anders als mit Mordgelüsten und deren planvoller Umsetzung könnte eine Frau, die auf sich hält, darauf reagieren? Da ist der beste Teil des Films, der diese Geschichte erzählt, allerdings schon vorbei. Der Auftragsmord an Maurizio Gucci, der nicht nur die Modewelt am 27. März 1995 ins blanke Entsetzen stürzte und auf den der Film „House of Gucci“ zuläuft (basierend auf dem Buch von Sara Gay Forden „The House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour and Greed“ von 2001), ist nicht der Höhepunkt des Films. Ridley Scott inszeniert ihn fast ohne Drama, eine zwangsläufige, aber banale Handlung in einem Schmierenstück, das zu seinem amateurhaft ausgeführten Ende kommen muss.

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Eine Espressotasse und eine manikürte Männerhand

Bis es so weit ist, gibt es allerdings jede Menge schöner Menschen, geschmackvoller Dekors, bösartiger Dialoge, Sex und Darstellerduelle zu sehen, verbunden mit einer Playlist von New-Wave-Songs, die fast schon vergessen waren, nun aber ihre Qualität als Ohrwürmer wieder unter Beweis stellen können, für die, die an Blondie, den Eurythmics, George Michael oder David Bowie ihre Freude haben. Zwischendurch zeigt ein Blick auf die Uhr, dass alles doch ein wenig zu lange dauert. Modeschauen gibt es kaum zu sehen, bis kurz vor Schluss dann doch noch ein Blick auf das Defilée mit dem notorischen nackten Männerhintern fällt, der (wenn auch nicht allein) dafür sorgte, dass mit Tom Ford als Chefdesigner aus Gucci plötzlich vorübergehend eine coole Marke wurde.

Eine Uhr, ein Siegelring, eine Gürtelschnalle, eine Espressotasse und eine manikürte Männerhand, die eine Zigarette ausdrückt – das sind die ersten Bilder in Ridleys Scotts Film und beinahe auch die letzten. Was sich in der Zeitschleife dazwischen abspielt, lässt sich als Familientragödie, als Niedergang und vorübergehende Auferstehung ei­ner Firma, als Klassenlehrstück oder Schaulaufen wundervoller Schauspieler betrachten. Von allem ist etwas dabei, und wenn es ein Problem gibt mit diesem Film, dann ist es dies: zu viele Themen und kein Zentrum. Das liegt am Drehbuch – andererseits: Zu viel von allem ist in gewisser Weise das Prinzip der Firma, um die es geht. Jedenfalls, nachdem sie das abgeschottete Reich langjährig treuer Kunden, der Tradition und des Handwerks in Richtung Weltmarkt verlassen hat. Hätte es nicht auch anders kommen können?

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Trailer
„House of Gucci“
Video: Youtube/Universal Pictures Germany, Bild: AP

Rodolfo Gucci, Maurizios Vater, ein ehemaliges Matinee-Idol, das sich immer mehr in eine Welt alter Filme und Erinnerungen an seine verstorbene Frau zurückzieht, sieht keinen Grund, warum die Firma expandieren sollte. Nach Japan, wo sein Bruder Aldo Investoren aufgetan hat! Könnten die Dinge nicht bleiben, wie sie sind? Alle haben mehr Geld, als sie ausgeben können. Häuser und Landhäuser. Autos und mehr Autos. Von den Krawatten zu schweigen. Rodolfos Haltung hat vieles für sich. Aber Gier regiert auch Guccis Welt. Rodolfo wird mit eisiger, pergamentener Eleganz und Melancholie von Jeremy Irons gespielt, Aldo voll sprühendem Charisma, Charme, mit cleverem Unternehmer- und auch Halunkengeist von Al Pacino, dessen Körper noch Reste seiner Rolle des Erben im „Paten“ in sich trägt. In jeder ihrer Szenen gehört diesen beiden der Film; eigentlich spielt es keine Rolle, was sie einander antun, man ist völlig von ihnen hingerissen. Ein Imperium, das auf Tradition und Handwerk aufbaut – beides untergehende Werte, wie der Haufen von Gucci-Fakes aus der New Yorker Canal Street belegt. Was könnte die Firma zu­sammenhalten, wo läge ihre Zukunft, wer könnte sie führen? Worum kämpft man? Das wird letztlich nicht klar, wie auch die Motive für die Spirale von Betrug und Verrat.

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Die Stars retten den ansonsten unentschlossenen Film

So scheint es, es ginge letztlich vor allem um die Rache einer Frau, die immer die Aufsteigerin geblieben ist, deren Körper die teuren Klamotten zu sprengen droht und die von allem zu viel auflegt. Diese Frau ist Patrizia, gespielt von Lady Gaga. Da dies ein amerikanischer Film mit einer italienischen Ge­schich­te und italienischen Figuren ist, spricht sie wie alle anderen mit schwerem Akzent – was einerseits, realistisch betrachtet, großer Unfug ist, andererseits vor allem ihrer Figur die nötige fiktionale Unterfütterung gibt, die jene Melange aus Gina Lollobridgida und Sophia Loren, als die sie angelegt ist, verlangt, um eine gewisse Stabilität zu erreichen.

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Lady Gaga betritt den Film aus einem kleinen Fiat heraus, in einem zu engen Kleid (das wird so bleiben), und sie geht, wie einst die Diven des Kinos gingen, so dass den Lastwagenfahrern, die sie passiert, die Kinnladen herunterfallen. Maurizio Gucci, ein paar Szenen später, geht es ebenso. Es ist diese Mischung aus Naivität (was Bildungsgüter angeht), Intelligenz (was Geschäftliches betrifft), Sexappeal, Verführungskunst und wahrem Ge­fühl, die Lady Gagas Patrizia eine Größe gibt, die für eine Mörderin er­staunlich ist.

Adam Driver als ihr Geliebter verfällt alldem. Warum er sich davon wieder löst, nachdem Patrizia ihm den Weg an die Spitze des Modehauses geebnet hat, wie die Faszination von der Gier und dem Klassendünkel doch wieder übertrumpft wird, bleibt unklar. Nur wie immens das Ausmaß seiner wachsenden Gemeinheit ist, ist unübersehbar – in jener Bloomingsdale’s-Karte mit Schleife und seinem Blick voller Verachtung, Schadenfreude und Niedertracht.

Möglicherweise ist die Geschichte der Familie Gucci, trotz Auftragsmord, nicht besonders bemerkenswert. Sie haben einander bekriegt, geschadet, verraten und das Herz der Sache, die Firma, verkauft. Ein Gesellschaftsbild wird nicht daraus, nur eine Tragödie mehr unter Leuten mit demselben Namen. Dass ihre Aufzüge geschmeidiger Choreographie folgen, ihr Personal blendend aussieht und die Musik dazu spielt, als könnten die Achtziger noch einmal wiederkommen – weniger als das wäre bei einem Film von Ridley Scott dann doch eine große Enttäuschung gewesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
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