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Hugh Jackman im Interview

„Ich kann mir aussuchen, in wen ich mich verliebe“

Von Bettina Aust
 - 16:58
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Herr Jackman, in einem früheren Gespräch erzählten Sie, dass Sie vor dem Interview meditiert hatten. Haben Sie heute Zeit dazu gehabt?

Ja. Ich meditiere jeden Morgen und dann noch einmal am Abend oder in der Mittagspause. Heute war es allerdings eine kurze Meditation. Ich habe leichten Jetlag und war vergangene Nacht auf der Piste beim Feiern.

Wonach suchen Sie in der Meditation?

Das ist der eine Moment des Tages, in dem ich das Gefühl habe, ganz nah bei mir und meinem wahren Kern zu sein. Mein Bewusstsein lenkt mich den ganzen Tag ab, hält mich auf Trab, ich muss noch dieses erledigen und jenes. Zweimal am Tag komme ich für 20 Minuten zur Ruhe. Es ist erstaunlich, wie Meditation mein Leben verändert hat. Ich meditiere, seit ich 25 Jahre alt bin.

„The Greatest Showman" scheint für Sie mehr zu sein als ein weiterer Film. Warum ist das Projekt eine Herzensangelegenheit?

Jedes Musical ist für mich heute eine Herzensangelegenheit, jeder Film auch. Ich habe das große Glück, dass ich mir meine Projekte inzwischen aussuchen kann. Zu Beginn meiner Karriere war das anders. Da musst du nehmen, was du bekommst, und das fühlt sich dann an wie eine arrangierte Heirat: Du musst versuchen, dich trotzdem irgendwie zu verlieben. Jetzt kann ich mir aussuchen, in wen ich mich verliebe und wen ich heirate.

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„Greatest Showman“

Was können Sie mit Tanz und Gesang ausdrücken, das mit Worten nicht möglich ist?

Bei diesem Musical haben wir eine Regel aufgestellt: Gesang und Tanz beginnen immer dann, wann man sich mit Worten nicht mehr ausdrücken kann, weil die Gefühle übermächtig werden. In anderen Filmen erfüllt der Soundtrack diese Funktion. Die Musik drückt dann diese unbeschreiblichen Gefühle aus. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn in einem Musical plötzlich vollkommen unmotiviert gesungen wird. Es sollte nur gesungen werden, wenn eine tiefe emotionale Bedeutungsebene existiert. In unserem Film geht es um Vorstellungskraft, Träume und Toleranz den Menschen gegenüber, die anders sind als die Masse. Das Gefühl, ausgegrenzt und missverstanden zu sein, kann man zum Beispiel wunderbar in einem Song verarbeiten.

Wann haben Sie sich in Ihrem Leben missverstanden gefühlt?

Sehr oft. Als junger Mensch habe ich mich dauernd missverstanden gefühlt. Das lag auch daran, dass ich mich selbst nicht verstanden habe. Heute kenne ich mich viel besser. Früher hatte ich immer mehr Fragen als Antworten. Als ich zum Beispiel mit der Schauspielerei anfing, fühlte ich mich ausgegrenzt. Ich hatte keine richtige Verbindung in die Branche, keine Vorstellung, wie ich darin Fuß fassen könnte. Ich gehörte nicht dazu. Ich hatte Angst zu versagen oder die Befürchtung, gefeuert zu werden. Deswegen fühlte ich mich einsam. Die Folge war, dass ich wahrscheinlich alles zu angestrengt angegangen bin. Ich wollte es übers Knie brechen.

Wie können Sie mit Tanz Liebe darstellen?

Die Bewegungen müssen aus dem Innersten kommen. Natürlich gibt es einen technischen Aspekt, ich muss die Tanzschritte beherrschen, das lerne ich aber eher mechanisch. Je weiter die Proben voranschreiten, desto mehr lasse ich mich in die Musik fallen. Wenn ich Liebe tanze, geht es darum, wieder loszulassen. Der Zuschauer muss die Freude und die Aufregung erkennen können.

Und wie tanzen Sie Traurigkeit?

Alles, was ich vor der Kamera mache, egal ob ich einen Superhelden spiele oder tanze, muss wahr sein. Ich muss in diesem Moment wirklich fühlen, dass ich traurig bin. Ich erinnere mich gut daran, wie ich zum ersten Mal das Bolschoi-Ballett sah. Eigentlich war ich nie ein großer Ballett-Fan. Natürlich ist das eine große Kunst, aber es hat mich nie wirklich bewegt. Dann gab es jedoch diese eine Szene, die technisch so perfekt war, dass mir der Atem stockte. Ich habe die Ballerina durch mein kleines Fernglas beobachtet, und in diesem Moment liefen ihr Tränen über das Gesicht. Das hat mich im tiefsten Inneren berührt. Perfekte Technik ist nichts ohne aufrichtige Gefühle.

Wie haben Sie das Tanzen entdeckt?

Mit elf Jahren habe ich an einer Tanzaufführung teilgenommen, und ich liebte es von Anfang an. Unser Lehrer war gleichzeitig der Choreograph. Er sagte mir, ich solle unbedingt Tanzunterricht nehmen. Ich fragte meinem Vater, und er war einverstanden. Das hatte auch mein älterer Bruder gehört, der mich dann ein Weichei und eine Schwuchtel nannte. Das hat mich so getroffen, dass ich gar nicht erst mit dem Tanzen angefangen habe. Ich war gewissermaßen das Gegenteil von "Billy Elliot". Aber das war damals eben der Zeitgeist.

Dass es nicht cool war, als Mann zu tanzen?

Genau. Es ist interessant, wie sehr das vom Zeitgeist abhängt. Es gab ja auch Zeiten, in denen Tanzen für Männer zur Populärkultur gehörte. Denken Sie an die Zeit, als Gene Kelly angesagt war. Wenn man als Mann nicht tanzen konnte, bekam man überhaupt kein Date. Und beim Date ging man zum Tanzen. Oder denken Sie an Südamerika. Wenn man da als Mann nicht Salsa oder Tango tanzen kann, hat man keine Chance bei den Frauen. Ich gehe auch heute noch in Tango-Clubs, wenn ich in Argentinien bin. Das Witzige ist: Die 70 Jahre alten Männer sind diejenigen, mit denen die heißesten Mädchen tanzen wollen, weil sie die besten Tango-Tänzer sind. So was würde hier nie passieren. Das ist ein kulturelles Phänomen, und ich finde es lächerlich, dass Tanzen bei uns nicht diese Bedeutung hat.

Sie haben dann als Tänzer doch noch die Kurve gekriegt.

Mit 18 Jahren habe ich mit meinem Bruder und meinem Vater das Musical "42nd Street" gesehen. Anschließend sagte mein Bruder: "Tut mir leid, dass ich dich damals so aufgezogen habe. Du solltest da oben auf der Bühne stehen und tanzen." Am nächsten Tag habe ich mich für Tanzunterricht angemeldet. Für Stepptanz. Und ich habe Stunden bei der "Sydney Dance Company" genommen.

Haben Sie Ihrem Bruder vergeben?

Ich war nicht böse auf ihn. Ehrlich gesagt hatte ich die Sache fast vergessen. Letztlich war es sowieso meine Schuld. Man kann nicht andere dafür verantwortlich machen, wenn man etwas selbst nicht auf die Reihe kriegt. Meine Leidenschaft für den Tanz war immer da, sie hatte sich nur sieben Jahre lang in den Winterschlaf verabschiedet.

Wo haben Sie Ihre Tanzleidenschaft in dieser Zeit ausgelebt?

In Clubs und Discos. Ich war immer auf der Tanzfläche. Wahrscheinlich sah ich oft peinlich und albern aus. Aber da konnte ich alles um mich vergessen.

Wie haben Sie Ihre Schüchternheit überwunden?

Mit Alkohol! Kleiner Scherz. Natürlich war ich schüchtern. Aber das hat mich nicht davon abgehalten zu tanzen. In Discos in Australien war es in der Regel so, dass die Frauen im Kreis tanzten, und in der Mitte standen ihre Handtaschen. Während die Männer ihnen mit einem Bier in der Hand zusahen. Ich hatte keine Ahnung, was das sollte. Das war mir zu langweilig. Ich war immer auf der Tanzfläche.

Wie haben die Frauen reagiert?

Die fanden das großartig. Ich hatte sie alle für mich. Nach ein paar Songs und einigen Drinks war jegliche Schüchternheit vergessen. Irgendwann schwitzt du nur noch, alle schütteln ihr Haar, man kommt in einen Trancezustand. Ich liebe das bis heute. Erst gestern war ich tanzen.

Mit wem?

Ich habe mit Bruno Mars zu seiner Musik getanzt. Es war verrückt und phantastisch. Tanzen ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich trainiere fast jeden Tag Stepptanz, wenn ich zu Hause bin, damit ich nicht einroste.

Was war Ihre peinlichste Tanzerfahrung?

Wenn ich mir Fotos aus meiner Zeit als Tänzer ansehe, muss ich leider feststellen, dass ich peinliche Klamotten trug. Ich wünschte, ich hätte damals mehr Sinn für Stil gehabt. Aber zu der Zeit fand ich die Sachen gut.

Wann haben Sie als Sänger Ihre Stimme gefunden?

Eigentlich erst vor anderthalb Jahren. Ich singe natürlich schon länger, aber es war mir immer etwas unangenehm, ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Ich hatte kein Selbstbewusstsein als Sänger. Das Resultat war, dass ich nervös und verkrampft war, wenn ich singen musste. Ich war jedes Mal froh, wenn ich es überstanden hatte. Der Knoten ist erst mit diesem Projekt geplatzt.

Warum?

Ich habe mit einer Gesangslehrerin gearbeitet, mit Liz Caplan. Und plötzlich hat es mir zum ersten Mal Spaß gemacht. Das war eine Erfahrung, die mein Leben verändert hat. Wenn das Singen sich aus der Freude entwickelt und im Kern nicht mit Angst behaftet ist, hat das eine energetische Wirkung. Ich kann jetzt dabei loslassen und bin am Ende unglaublich entspannt. Das hat etwas Therapeutisches.

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Eine erstaunliche Erkenntnis von einem Mann, der seit Jahrzehnten als professioneller Musicaldarsteller arbeitet.

Wenn ich in einem Konzert bin und mitsinge, hat es mir riesigen Spaß gemacht. Aber wenn ich selbst auftreten musste, stand immer zu viel auf dem Spiel. Das hat mich blockiert. Beim Schauspielen ist das anders, da stelle ich einen anderen Menschen dar. Wenn ich singe, ist das immer Hugh Jackman, der da singt.

In "The Greatest Showman" geht es auch darum, im Leben alles auf eine Karte zu setzen. Was war das größte Risiko, das Sie in Ihrem Leben eingegangen sind?

Die Verleihung der "Oscars" zu moderieren. Ich war damals noch nicht wirklich als Charakterdarsteller etabliert. Viele Leute dachten wahrscheinlich: Oh, "Wolverine" moderiert jetzt die "Oscars". Das hätte in die Hose gehen können. Man hat eine Milliarde Zuschauer, es ist eine Live-Sendung, der Druck war enorm groß. Die größte Angst hatte ich allerdings, als ich vor einem Footballspiel die amerikanische Nationalhymne singen musste. Im Stadion saßen 100.000 Fans, das Ganze wurde im Fernsehen übertragen. In der Nacht davor hatte ich eine Panikattacke, ich hatte noch nie in meinem Leben so viel Angst vor einem Auftritt. Als ich das überstanden hatte, konnte mich nicht mehr viel schocken. Wenn ich da versagt hätte, würde ich wohl heute nicht vor Ihnen sitzen. Ich glaube, ich hätte den Job aufgegeben.

Sie haben sich von Ihrer Erfolgsrolle als Comic-Held "Wolverine" verabschiedet. Mit welchen Gefühlen sehen Sie dem neuen Abschnitt Ihrer Karriere entgegen?

Es fühlt sich aufregend an. In Australien sagen wir bei solchen Gelegenheiten: "Have a go!" Probier' es einfach aus. Dann hatte man immerhin den Mut, das Risiko einzugehen. Am schlimmsten fühlt es sich für mich an, aus Angst in Stillstand zu verharren.

Sie waren an Hautkrebs erkrankt. Wie hat das Ihre Lebenshaltung verändert?

Erst einmal gibt es praktische Veränderungen. Ich trage jetzt beim Schwimmen und am Strand ein Oberteil, einen Hut und benutze Sonnencreme. Ich sitze eigentlich gar nicht mehr in der Sonne. Ich kann heute nicht mehr fassen, wie viel Zeit ich früher damit verbracht habe, meine Haut zu bräunen, und wie wichtig das für mich war. Es ist doch eigentlich idiotisch! Ich saß stundenlang in der Sonne, schwitzte vor mich hin, dehydrierte. Und wofür? Für braune Haut? Inzwischen bin ich fünf Mal wegen Hautkrebs behandelt worden, und der Arzt hat angekündigt, dass das nicht die letzten Behandlungen gewesen seien. Alle drei Monate habe ich einen Termin beim Hautarzt. Glücklicherweise war meine Art des Hautkrebses bisher nicht lebensbedrohlich.

Wird das Leben kostbarer?

Das Leben war für mich immer kostbar. Es gab immer wieder Ereignisse, die mir das bewusst gemacht haben. Meine Schwiegermutter ist gerade gestorben. Und es hört sich abgedroschen an, aber ich versuche wirklich, jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte.

Sie werden im kommenden Jahr 50 Jahre alt. Schreiben Sie schon Listen mit Dingen, die Sie unbedingt noch tun wollen?

Sie werden lachen: In meinem Computer habe ich tatsächlich eine Liste mit 25 Projekten angelegt, die ich unbedingt noch machen will.

Was sind das für Projekte?

Sie wissen, wie das in der Unterhaltungsbranche ist - ich kann es Ihnen leider nicht verraten. Es sind Sachen, die mit Risiken verbunden sind, vor allem aber mit Spaß. Einige der Projekte würde ich sogar ohne Bezahlung machen. Ein paar Sachen haben überhaupt nichts mit Schauspiel zu tun. Ich will zum Beispiel ein neues Instrument lernen. Das Alter macht mir keine Angst. Ich habe das Gefühl, mit zunehmendem Alter immer glücklicher zu werden. Weil ich mich besser kenne.

Wenn Sie zurückblicken: Was bereuen Sie?

Eine Menge. Man lernt ja am meisten aus seinen Fehlern. Trotzdem hätte ich auf einige Fehler gern verzichtet. Und andere Sachen waren einfach dämlich.

Können Sie konkreter werden?

Ich habe damals die männliche Hauptrolle in der Kino-Adaption des Musicals "Chicago" abgelehnt. Ich hielt mich für zu jung. Dann habe ich in "Les Miserables" am Ende des Films einen Siebzigjährigen gespielt, was kein Problem war, dank der Kollegen vom Make-up. Ich weiß auch nicht, was ich damals gedacht habe. Richard Gere hat die Rolle in "Chicago" dann sehr schön gespielt.

Was ist für Sie Glück?

Ich würde Glück als einen Zustand der Furchtlosigkeit beschreiben, in dem mein Leben ein Ziel hat, das über mein eigenes Wohlergehen hinausgeht. Dazu gehören authentische, liebevolle und ehrliche Beziehungen mit den wichtigen Menschen in meinem Leben.

Und woran messen Sie Erfolg?

Erfolg bedeutet für mich, diesen Glückszustand zu erreichen.

Wann war die beste Zeit Ihres Lebens?

Die beste Zeit meines Lebens ist jetzt. Ich blicke nicht zurück, sondern konzentriere mich ganz auf die Zukunft. Ich fühle mich frei. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich gerade arbeitslos bin? Ich habe nämlich noch keinen neuen Film in der Pipeline.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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